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Fernbus-Boom

Wie Flixbus den Markt beherrscht

Fernbus-Boom | Video verfügbar bis 26.07.2018

Erst vier Jahre jung ist die Fernbusbranche. Nach dem Fall des Bahnmonopols stürmten viele Anbieter mit günstigen Tickets den Markt. Doch der knallharte Wettbewerb hat für ein neues Monopol gesorgt: Flixbus mit 93 Prozent Marktanteil.

Im Minutentakt rollen sie aus den Bahnhöfen, tausende Busse täglich: Reisen durch Deutschland per Fernbus ist für viele längst selbstverständlich. Gut vier Jahre ist die Liberalisierung gerade mal her. Erst war es ein brutaler Preiskampf, heute ist Flixbus ein Quasi-Monopolist. Die Branche wird heftig durchgeschüttelt, erzählt Justus Haucap, Ökonom an der Universität Düsseldorf: "So ein hoher Marktanteil von über 90 Prozent macht jedem Wettbewerbsökonomen Sorge. Das ist ein klares Zeichen für eine marktbeherrschende Stellung."

Eine Konsequenz ist, dass die Ticketpreise kontinuierlich ansteigen. "Plusminus" fragt: Wann greifen die Kartellwächter ein, damit der Wettbewerb im Fernbus-Markt funktioniert?

So geht es los: Das Gesetz von 1934, das der Bahn das Fernreise-Monopol sichert, kippt der Gesetzgeber 2013. Der Markt wird liberalisiert. Drei Studenten starten mit DeinBus Deutschlands erste Fernbuslinie, die Sektkorken knallen. Der Boom beginnt, auch große Namen drängen auf den Markt. 2013 steigen MeinFernbus und die Deutsche Touring ein, es folgen Flixbus, City2City und der ADAC Postbus. 2014 kommt der Megabus, 2015 RegioJet.

Eine Renaissance für den Bus

Das Geschäftsmodell ist fast immer gleich: Die Anbieter vermitteln und vermarkten die Fahrten, die Busse mit Fahrer stellen Subunternehmer. Einer davon ist Wolfgang Steber, der einen 90 Jahre alten Familienbetrieb im Allgäu führt. Er fährt die Strecke München-Zürich und geht dafür eine Partnerschaft mit Flixbus ein: "Es war einfach eine neue Zeit. Es hat eine Renaissance gegeben für den Bus und das hat uns natürlich sehr gefreut."

Busnetz und Kundenzahl wachsen rapide: 2015 gibt es mehr als 300 Linien und 23 Millionen Fahrgäste in Deutschland. Jetzt wird der Konkurrenzkampf brutal, Fernreisen werden für 1 Euro regelrecht verramscht.

Fernbus-Marktanteile
Fernbus-Marktanteile

Wolfgang Steber erlebt, wie aus dem Partner Flixbus ein Konkurrent wird, der ihn aus dem Markt drängen will. Die Vertragskonditionen verschlechtern sich: "Es war nach dem Motto 'friss oder stirb' und es wären signifikante Rückgänge gewesen. Aus diesem Grund haben wir das Angebot nach mehreren Verhandlungen abgelehnt."

Die Folgen: Die Großen fusionieren, kleine Anbieter verschwinden vom Markt. 2014 zieht sich City2City zurück, der ADAC steigt aus dem Postbus aus, 2016 verschwindet BerlinLinienBus, 2017 der Postbus. Einer wird jetzt immer mächtiger: Flixbus. 1.000 Mitarbeiter, Jahresumsatz geschätzt 400 Millionen Euro. 93 Prozent Marktanteil aktuell.

Was tun die Kartellwächter?

Und die Wettbewerbshüter? Noch schaut das Bundeskartellamt bei der Fernbus-Branche nur zu. Der Behörde sind per Gesetz die Hände gebunden, erklärt Michael Detering, der Sprecher des Bundeskartellamts: "Es ist in der Tat so, dass wir die Fusionen von Flixbus in den letzten Jahren nicht prüfen konnten, weil die Unternehmen keine Umsätze erzielt haben, sie anmeldepflichtig gewesen wären."

Die Kartellwächter können nur Firmen prüfen, die weltweit mindestens 500 Millionen Euro umsetzen, davon 25 Millionen in Deutschland. Oder wenn der Kaufpreis mindestens 400 Millionen Euro beträgt. Flixbus kommt bislang an diese Schwellen nicht heran.

Den Fernreise-Markt mit Flixbus nimmt der renommierte Wettbewerbsökonom Justus Haucap jetzt zum Anlass, ein neues Kartellrecht zu fordern: "Eine Möglichkeit wäre zu sagen, wir senken den Kaufpreis, ab dem eine Fusionskontrolle stattfinden kann. Momentan ist der Schwellenwert auf 400 Millionen Euro definiert worden, in den USA haben wir einen Schwellenwert von 80 Millionen Dollar. Also das ist ein Fünftel und es ist auch nicht plausibel, warum wir in Deutschland einen fünf Mal so hohen Wert haben wie die Amerikaner."

Die Fusionen sind bereits Geschichte. Das Kartellamt kann jetzt nur noch prüfen, ob Flixbus seine Marktmacht missbraucht, und etwa zu hohe Preise verlangt.

Die Durchschnittspreise ziehen an

Kunden fällt unterdessen auf, dass die Busfahrten immer teurer werden, zeigt eine "Plusminus"-Umfrage. Wie Flixbus an der Preisschraube dreht, zeigen diese vielgebuchten Strecken:

Etwa München-Nürnberg. Im Juni 2015 waren es noch fünf Anbieter. Der Durchschnittspreis betrug 6,38 Euro. Jetzt ist Flixbus alleine. Der Preis im Juni 2017 betrug 10,54 Euro, 65 Prozent teurer. Ähnlich die Strecke Hannover-Dortmund. Früher fünf Anbieter und 9,34 Euro, jetzt nur noch Flixbus und 15,80 Euro. Ein Plus von 69 Prozent. Für alle Flixbus-Strecken in Deutschland heißt das: im Durchschnitt 16 Prozent teurer.

Was sagt Flixbus zu dieser Entwicklung? Der Sprecher Martin Mangiapia bestreitet gar nicht, dass die Durchschnittspreise angezogen haben: "Das hängt natürlich immer von der Auslastung ab. Wenn die Sparpreiskontingente weg sind, sind eben mehr Tickets zum Normalpreis verkauft worden."

Monopolist oder nicht?

Den Monopol-Vorwurf weist Flixbus zurück. Der Fernbus-Gigant sieht sich selbst einer harten Konkurrenz zu Bahn, Auto und Flugzeug ausgesetzt, meint Mangiapia: "Der Kunde hat jeden Tag wieder die Entscheidung, welchen Verkehrsträger er wählt und das bedeutet für uns wiederum, dass wir dafür Sorge tragen müssen, dass unser Angebot passt." Wettbewerbs-Ökonom Haucap lässt dieses Argument nicht gelten. Er sieht genug Gründe, Flixbus genauer auf die Finger zu schauen: "Ich denke, man kann den Fernbusmarkt wahrscheinlich schon als getrennten Markt abgrenzen. Nach gängigen Vorstellungen würde man sagen: Ja, Flixbus ist ein Monopolist auf dem deutschen Markt."

In nur viereinhalb Jahren vom Start zum brutalen Preiskampf bis zum Quasi-Monopol. Die Fernbus-Branche verändert sich rasant. Und Flixbus nimmt schon den nächsten Markt ins Visier: Europa. Die grünen Busse fahren mittlerweile 22 Länder mit 1.200 Orten an.

Autor: Daniel Hoh

Stand: 27.07.2017 11:57 Uhr

Sendetermin

Mi, 26.07.17 | 21:45 Uhr
Das Erste

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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.