SENDETERMIN Mi, 13.12.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

10 Jahre Finanzkrise – Kommt bald die nächste?

Play10 Jahre liegt die Finanzkrise zurück – was ist seither verbessert worden?
10 Jahre Finanzkrise – Kommt bald die nächste? | Video verfügbar bis 13.12.2018 | Bild: dpa

– 2018 liegt die große Finanzkrise 10 Jahre zurück.
– "Plusminus" hinterfragt die heutige Situation bei der Verschuldung der Haushalte, den verbrieften Krediten und Kreditwetten – mit beunruhigendem Ergebnis.
– Wie man einer hohen Haushalts-Verschuldung durch steigende Immobilienpreise entgegenwirken kann, zeigt das Beispiel Schweden.

Welche Lehren wurden aus der Finanzkrise 2008 wirklich gezogen?
Welche Lehren wurden aus der Finanzkrise 2008 wirklich gezogen? | Bild: dpa

Nächstes Jahr feiern wir ein etwas ungewöhnliches Jubiläum: 10 Jahre Weltfinanzkrise. Schon 2007 brodelte es hinter den Kulissen, im Sommer 2008 schalteten die Finanzmärkte dann endgültig in den Krisenmodus –weltweit.

Rückblick auf den großen Crash

10 Jahre nach der Finanzkrise – Was hat sich gebessert?
10 Jahre nach der Finanzkrise – Was hat sich gebessert? | Bild: Das Erste

Der große Crash begann mit einer riesigen Schuldenblase auf dem US-Immobilienmarkt. Am Ende mussten weltweit Banken durch Steuerzahler gerettet werden. Doch das sollte sich nie mehr wiederholen. Bundeskanzlerin Angela Merkel : "Wir wollen nicht, dass die Steuerzahler Banken retten müssen, sondern dass Banken sich selber retten."

Doch, was ist dieses Versprechen wert? Sind die Banken unter Kontrolle? Gibt es keine Schuldenblasen mehr? "Plusminus" recherchiert.

USA: Autokredite für Jedermann

Zunächst in den USA: Am Stadtrand von Dallas gibt es unzählige Autohändler. Hier bekommt wirklich jeder ein Auto – auf Kredit. Die Kreditwürdigkeit wird dabei nicht getestet. Eddie Kent ist seit 25 Jahren Autohändler, aber Autos verkaufen ist nur ein Teil seines Jobs: "Mein Geschäft sind Schrottkredite oder sogar Super-SchrottKredite. Dass heißt, ich organsiere Kunden einen Kredit, die bei einer Bank keinen bekommen würden." (übersetzt aus dem Englischen)

In den USA werben viele Autohändler damit, dass wirklich jeder ein Auto auf Kredit kaufen kann.
In den USA werben viele Autohändler damit, dass wirklich jeder ein Auto auf Kredit kaufen kann.  | Bild: Das Erste

Bei Eddie Kent sucht auch Dynesthia Augustine ein Auto. Sie ist die erste Kundin an diesem Tag, und es gibt Gründe, warum sie gerade hier ein Auto kaufen will: "Ich verdiene zwar im Moment wieder ganz ordentlich, aber meine Kreditwürdigkeit ist im Moment – nun ja ziemlich schlecht." (übersetzt aus dem Englischen)

Autohänler Eddie Kent weiß, wie viele Kunden zu ihm ohne solide Finanzgrundlage kommen.
Autohänler Eddie Kent weiß, wie viele Kunden zu ihm ohne solide Finanzgrundlage kommen. | Bild: Das Erste

Trotzdem wird Eddie Kent ihr ein Auto verkaufen. Seine Rechnung geht wie folgt: Wenn sie die Raten nicht mehr zahlen kann, dann ist das egal, denn das Auto dient als Sicherheit. Das Problem: Die Autoverkäufe in den USA gehen zurück, darum verlieren Gebrauchtwagen schneller an Wert als die Raten abbezahlt werden. Manch einer spricht schon von der Autoblase. Gleichzeitig werden immer mehr Autos auf Pump verkauft.

Das bemerkt auch Eddie Kent: "Hier die Straße runter sehen Sie Unmengen an Schildern von anderen Händlern, die so arbeiten wie ich. Die Kunden haben schon die Auswahl, wo sie ihren Kredit bekommen." (übersetzt aus dem Englischen)

US-Haushalte sind höher verschuldet als damals

Das Volumen der Autokredite in den USA ist auf über 1000 Milliarden Euro gewachsen. Zusammen mit Ausbildungskrediten und Kreditkartenschulden sind US-Haushalte höher verschuldet als vor der Finanzkrise. Steigende Kreditschulden sind für Experten ein gefährliches Symptom!

 Prof. Isabel Schnabel
Prof. Isabel Schnabel | Bild: Das Erste

So sieht es auch Prof. Isabel Schnabel, Mitglied der Wirtschaftsweisen: "Wir wissen aus der Wirtschaftsgeschichte, dass sehr viele Finanzkrisen einhergehen mit einem Kreditboom. Das heißt, vor einer Krise kommt es zu einer sehr starken Expansion der Kredite. Und damit geht typischerweise eine Verschlechterung der Kreditstandards einher."

Problematische Verbriefungen von Krediten

Christoph Kaserer von der TU München
Christoph Kaserer von der TU München | Bild: Das Erste

Doch es ist nicht nur eine hohe private Verschuldung. Es gibt auch noch eine weitere Parallele zu 2008. Dazu recherchiert "Plusminus" noch einmal in Dallas. Hier werden in unscheinbaren Büros unzählige, riskante Subprime-Kredite "verbrieft". Das heißt, sie werden gebündelt, in Wertpapiere umgewandelt und als scheinbar attraktive Geldanlage verkauft. Man nennt sie "Asset-Backed-Securities". Davon gibt es heute sogar mehr als 2008!

Genauer erklärt uns das Problem Christoph Kaserer von der TU München: "Also diese ABS oder die Verbriefungen von Krediten waren in der Finanzmarktkrise 2008 ein Problem. Das hat etwas damit zu tun, dass das Ausfallrisiko für diese Papiere von Bank zu Bank herumgereicht wurde und niemand mehr wusste, wo liegen eigentlich die Risiken. Also sind die Banken in einen Generalverdacht geraten und das hat die Finanzmarkt-Krise am Ende ausgelöst."

Doch hohe Schulden und Verschleierung von Risiken allein konnten die Bankenwelt noch nicht aus den Angeln heben.

Unsicherheitsfaktor: Derivate

Derivate bringen große Unsicherheit auf die Finanzmärkte.
Derivate bringen große Unsicherheit auf die Finanzmärkte. | Bild: Das Erste

Es gab einen dritten Faktor: Derivate – sogenannte Swaps! Wie die funktionieren erklärt ein "Plusminus"-Reporter Passanten bei einer Straßenumfrage mit einem einfachen Alltagsbeispiel: "Ich würde Ihnen anbieten, einen Regenswap zu machen! Ich gebe Ihnen 5 Euro. Wenn es 5 Minuten lang nicht regnet, können sie das Geld behalten. Wenn es dann doch regnet, krieg ich von Ihnen 50 Euro!" Die Passanten in unserer Straßenumfragen wollen das Angebot meist dann doch nicht annehmen ...

Ursprünglich waren solche Derivate als Ausfallversicherungen gedacht. Ein Beispiel: Eine Bank vergibt einen Kredit. Den sichert sie mit einem Derivat bei einem Dritten ab. Wenn der Kreditnehmer nicht mehr zahlen kann, bekommt die Bank von diesem Dritten ihr Geld zurück. Eigentlich sinnvoll!

Wetten, worauf man will

Doch inzwischen kann jeder solche Derivate kaufen, auch wenn er mit dem eigentlichen Kredit nichts zu tun hat. Derivate sind also zu einer Art Wett-Papier geworden. Und man kann auf alles wetten: auf Zinsen, auf Wechselkurse oder auf den Preis von Schweinebäuchen.

2008 waren solche Wetten weltweit mit mehr als 500 Billionen Dollar in Umlauf. Ein großes Problem, denn je nachdem wie die Wetten ausgehen, erzeugen sie zusätzliche Schulden – und vergrößern so das Risiko für eine Finanzkrise!

Zahl der Finanzwetten seit 2008 gestiegen

Und kaum zu glauben: Das Volumen solcher Finanz-Wetten hat seit 2008 drastisch zugenommen, um mehr als ein Drittel!

Hilfestellung für die Banken musste 2008 der Staat und somit der Steuerzahler leisten. Viele Banken galten als "too big to fail", also so groß und so eng mit anderen verbunden, dass ihre Pleite alles in den Abgrund reißen würde. 2008 gab es 28 solcher Banken.

Bankenrettung auch heute nicht ausgeschlossen

Finanzkrise
2017 gibt es zwei große Banken mehr als 2008, die systemrelevant sind und gerettet werden müssten. Insgesamt sind es 30 Stück. | Bild: Das Erste

Und die Situation hat sich nicht verbessert, denn zehn Jahre nach der Finanzkrise gelten offiziell 30 Banken als "too big to fail" – zwei mehr als 2008! Christoph Kaserer von der TU München erklärt diese Entwicklung: "Die großen internationalen Banken haben – wie fast alle Banken – ihre Bilanzsummen kräftig ausgedehnt. Das heißt, wenn eine dieser großen Banken in eine Schieflage gerät, werden wir auch heute nicht darum rumkommen, dass es eine Rettung durch den Steuerzahler gibt."

Immerhin hat die Politik versucht die Banken stärker an die Leine zu nehmen. Einige Regeln wurden verschärft. So müssen sie etwa mehr Eigenkapital haben, um stabiler zu werden.

Wirtschaftsweisin Prof. Isabel Schnabel bleibt dennoch skeptisch: "Ich habe allerdings meine Zweifel daran, dass die Banken hinreichend stabil sind. Ich glaube, sie halten immer noch zu wenig Eigenkapital und viele der Instrumente funktionieren auch nicht so gut, wie wir es uns wünschen würden."

Fazit

Eine neue Finanzkrise ist nicht ausgeschlossen.
Eine neue Finanzkrise ist nicht ausgeschlossen. | Bild: Das Erste

Gigantische private Schulden, neue absurde Wetten und Banken, die viel zu groß sind. Die Gefahren der Vergangenheit sind zurück. – Genau genommen waren sie nie wirklich gebannt.

Positivbeispiel Schweden: Eingreifen ist möglich!

In Stockholm explodieren die Immobilienpreise.
In Stockholm explodieren die Immobilienpreise. | Bild: Das Erste

"Plusminus" recherchiert in Stockholm. Wer würde vermuten, dass in dieser Idylle eine Immobilienblase wabert. Doch es gibt viel zu wenige Mietwohnungen. Und Wohnungen zu kaufen, das ist fast unbezahlbar. So geht es Emma Trifft. Die Schwedin kann sich hier keine Wohnung mehr für sich und ihre vier Kinder leisten. Dabei hat sie eine besondere Beziehung zu Stockholm: "Ich bin ja in diesem Stadtteil aufgewachsen und habe hier 25 Jahre gewohnt, deshalb wäre ich sehr sehr gerne hier geblieben."

Preisexplosion mit Folge

Die Preise in Schweden sind explodiert, sind mittlerweile dreimal so hoch wie vor 20 Jahren. Was sich Emma Trifft noch leisten kann, ist ein trister Plattenbau in der Vorstadt. Doch sogar hier steigen die Preise rapide.

Die Folge: Die Schweden haben doppelt so hohe Schulden wie die Deutschen – im Schnitt: zwei Jahreseinkommen. Ein weiterer Grund für diese Lage: Wer einen Kredit für sein Haus aufnimmt, zahlt bislang nur Zinsen. Mit der Tilgung, also der Rückzahlung, beginnen die Schweden meist erst nach zehn Jahren. Das treibt die Schulden hoch.

Schwedische Finanzaufsicht greift ein

Im beschaulichen Schweden wurde die Notbremse gezogen: Immer höhere Hauspreise, immer höhere private Verschuldung. Der schwedischen Finanzaufsicht reicht es, erklärt Erik Thedeen: "Je mehr du dir leihst, umso mehr musst du tilgen. Deshalb haben wir jetzt die Regeln verschärft: Wer sich mehr als 70 Prozent vom Kaufpreis leiht, muss 2 Prozent im Jahr tilgen. Die Menschen waren zu sorglos, sie sollen über die wahren Kosten nachdenken, bevor sie einen Kredit aufnehmen." (übersetzt aus dem Schwedischen)

Die Sorge der Aufseher in Stockholm ist, dass es zu einem kräftigen Zinsanstieg kommt – mit dramatischen Folgen. Erik Thedeen erklärt uns das genauer: "Wir haben einen Stresstest gemacht: Die meisten Menschen nehmen hier Kredite zu kurzfristigen Zinsen auf, alle drei Monate werden die neu festgelegt, das wird bei steigenden Zinsen schnell sehr teuer. Dann zahlen Menschen wohl noch für ihre Kredite, aber mit allem anderen ist dann Schluss: neues Auto, in Urlaub fahren, Essen gehen und so weiter. Der ganze Konsum würde einbrechen. Und das würde zu einer Wirtschaftskrise führen." (übersetzt aus dem Schwedischen)

Schweden als Vorbild

Um seine Bürger aus der Schuldenfalle zu holen, hat Schweden den ersten Schritt gemacht. Das Land hat Europa damit gezeigt: Regierungen sind nur machtlos, wenn sie nichts tun!

Autor: Michael Houben, Thomas G. Becker

Stand: 14.12.2017 09:18 Uhr