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Arbeit für Flüchtlinge: Wie die Chancen wirklich stehen

PlaySyrische Mitarbeiter
Arbeit für Flüchtlinge: Wie die Chancen wirklich stehen | Video verfügbar bis 04.07.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Inhalt in Kürze:
– Laut Bundesagentur liegt die Beschäftigungsquote bei Flüchtlingen bei etwa 25 Prozent.
– Was nach einem Erfolg klingt, hat auch eine Kehrseite: Den übrigen 75 Prozent fehlt es oft an einer Ausbildung oder sogar an Schulbildung.
– Um das zu ändern, müsste verstärkt in die Qualifikation von Flüchtlingen investiert werden. Das würde auch die deutsche Wirtschaft stärken.

Zwei Syrer verkaufen in einer Dresdner Bäckerei
Die Sprache war für Hasan Taan und Wassem Mashlah anfangs das größte Problem, doch inzwischen kommen sie als Verkäufer in einer Bäckerei gut zurecht.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

In einer Dresdner Bäckerei bietet sich ein Bild, das in Deutschland nach wie vor eher selten ist. Hinter der Verkaufstheke stehen zwei junge Syrer. Anfangs war die Sprache für Hasan Taan und Wassem Mashlah die größte Hürde, doch mittlerweile managen die beiden den morgendlichen Ansturm in der Bäckerei auch allein. "Das ist Vollzeitarbeit und macht eigentlich gut Geld, aber mit großer Familie wird es schwer", findet Taan. "Ich hatte Glück, dass ich in dieser Firma bei Chance genommen wurde. Ich glaube, in einer anderen Firma gibt es nicht so viele Möglichkeiten und Chancen, wie hier im Dresdner Backhaus", erklärt Mashlah.

Jeder Vierte arbeitet

Die beiden arbeiten zwar ungelernt, sind aber immerhin sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Nach den neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit liegt die Beschäftigungsquote bei den Flüchtlingen bei etwa 25 Prozent. Das heißt, jeder Vierte arbeitet mittlerweile. Im Vergleich dazu lag die Beschäftigungsquote aller Ausländer, also auch jener aus Europa, bei 48 Prozent, für Deutsche bei 68 Prozent.

Kein Grund zur Euphorie

Prof. Joachim Ragnitz vom ifo Institut Dresden
Prof. Joachim Ragnitz vom ifo Institut Dresden rechnet damit, dass die Integration in den Arbeitsmarkt schwieriger wird.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Doch die Flüchtlinge, die 2015 kamen, arbeiten kaum in der Industrie oder in Fachberufen, sondern vorwiegend in niedrig qualifizierten Dienstleistungsjobs. Für Prof. Joachim Ragnitz vom ifo Institut Dresden sind die Zahlen deshalb kein Grund zur Euphorie: "25 Prozent ist mehr als ich ursprünglich gedacht habe, aber man muss schon auch sagen: 75 Prozent der Leute sind eben nicht in den Arbeitsmarkt integriert. Und eins ist klar, am Anfang werden die integriert, bei denen es leicht ist, sie zu integrieren. Bei den nächsten 25 Prozent wird es länger dauern, es wird definitiv schwieriger werden."

Hohe Qualifikation ist die Ausnahme

Seine Einschätzung trifft auch auf die beiden Syrier zu: Sie waren leicht in den Job der Bäckerei einzuarbeiten. Beide haben in ihrer Heimat studiert: Agrarwissenschaften und BWL. Da ihre Abschlüsse hier nicht anerkannt werden, sie aber trotzdem Geld verdienen wollen, arbeiten sie unter ihrer Qualifikation.

Schritfzug "ASYL". Das A ist dabei das Logo der Bundesagentur für Arbeit. Davor stehen Figuren, die Flüchtlinge darstellen sollen.
Droht Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt eine eher düstere Zukunft? | Bild: Imago

Mit ihrem Ausbildungsniveau gehören sie allerdings zu einer Minderheit. 71 Prozent der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, haben überhaupt keine Ausbildung. 18 Prozent haben eine Fach- oder Hochschulausbildung. Gerade einmal zehn Prozent verfügen über eine betriebliche Ausbildung. Die Hoffnung der Politik, dass die Flüchtlinge mittelfristig den Fachkräftemangel beheben könnten, hält Wirtschaftsforscher Ragnitz deshalb für blauäugig: "Wir haben eine Wirtschaftsstruktur, die sehr, sehr stark auf hochqualifizierte Leute ausgerichtet ist, und da sehe ich eigentlich überhaupt keine Möglichkeit, dass diese ganzen Zuwanderer die jetzt zu uns kommen, in der derzeitigen Struktur dieses Arbeitskräfteproblem lösen können.“

Oft fehlen die schulischen Grundlagen

Bäckerei-Chef Tino Gierig mit seinem Lehrling Moussa Dialle aus Guinea
Bäckerei-Chef Tino Gierig mit seinem Lehrling Moussa Dialle aus Guinea | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Hinzu kommt, dass mehr als 20 Prozent der Flüchtlinge überhaupt keine Schule oder nur die Grundschule besucht haben, wie zum Beispiel Moussa Dialle aus Guinea. Seit er zehn Jahre alt ist, arbeitet er. In seinem Land gibt es keine Berufsausbildung, erklärt er in gebrochenem Deutsch: "Sie machen nur in dem Betrieb, lernen die Arbeiten, keine Schule, keine Theorie, das ist nicht normale Ausbildung." Nach einem halbjährigen Praktikum wurde er nun als Lehrling angestellt. Die Arbeit im Betrieb sei kein Problem, aber für die theoretische Ausbildung fehlen ihm die Grundlagen, sagt Bäckerei-Chef Tino Gierig: "Natürlich ist für ihn die Herausforderung, in der Berufsschule da zu sein und die ganzen Sachen zu verstehen. Also denke ich, ist die größte Herausforderung vor allem das aufzunehmen und auch den Schulablauf kennenzulernen, den sie vorher nicht kannten."

Der Wert einer Ausbildung wird unterschätzt

Daniel Wörndl vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln
Für Daniel Wörndl vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ist vielen der Wert einer Berufsausbildung nicht bewusst. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Obwohl knapp 49.000 Ausbildungsplätze unbesetzt sind, beginnen nur wenige Flüchtlinge eine Lehre. Das liegt auch daran, dass sie diese Strukturen aus ihrer Heimat kaum kennen. Das bestätigt auch Daniel Wörndl vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: "In den meisten Ländern ist es so, dass das alles learning by doing stattfindet. Auch das gesellschaftliche Ansehen dieser Berufsausbildung ist sehr gering. Das heißt, wir haben hier große Unterschiede im Vergleich zu Deutschland, wo wir ja ein gut angesehenes Ausbildungssystem haben."

Es sind also enorme Investitionen in die Ausbildung der Flüchtlinge nötig, damit sie nicht dauerhaft in Hilfsjobs oder gar in der Arbeitslosigkeit verbleiben.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Friedemann Zweynert

Stand: 04.07.2018 23:30 Uhr

Sendetermin

Mi, 04.07.18 | 22:00 Uhr
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