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Von wegen frisch! – Wie im Supermarkt getrickst wird

PlayEin Regal im Supermarkt
Von wegen frisch! - Wie im Supermarkt getrickst wird | Video verfügbar bis 16.03.2017

"Alpenfrisch", "metzgerfrisch" oder "kühlfrisch" – im Supermarkt werden die Regale mit angeblich "frischen" Produkten immer länger. Doch eine allgemeine Definition für Frische gibt es im Lebensmittelrecht nicht. So legen immer mehr Hersteller den Begriff aus, wie sie wollen. Wie viel "frisch" steckt drin, wenn es draufsteht? Das wollen wir mit dem Verbraucherschützer Jürgen Stellpflug herausfinden. Schnell merken wir: Frische und lange Haltbarkeit sind ein Widerspruch. So steht im Kühlregal auf allen Milchpackungen "frisch". Und das, obwohl der Großteil der Milchprodukte bis zu drei Wochen haltbar ist.

Jürgen Stellpflug sagt: "Diese Milch ist erhitzt oder mikrofiltriert worden. Dadurch werden Keime abgetötet, die da drin sind. Die Milch ist dann länger haltbar. Aber mit frischer, traditionell hergestellter frischer Milch hat diese länger haltbare Milch überhaupt nichts zu tun." Beim Blick auf das Kleingedruckte erkennt man: Die Milch ist pasteurisiert, also hocherhitzt. Dadurch hat länger haltbare Milch weniger Vitamine als wirklich frische Milch.

"Frisch" ist nicht gleich frisch

Auch bei Säften im Kühlregal heißt es oft "frisch gepresst". Schaut man genau hin, steht auch da "pasteurisiert", also wärmebehandelt. Wir fragen die Supermarktkette Rewe, was daran frisch ist. Rewe teilt uns mit: "Unsere Produkte 'REWE Beste Wahl Kühlfrische Säfte' durchlaufen im Produktionsprozess eine Kurzzeiterhitzung. Die können wir als 'schonend' bezeichnen." Valensina schreibt: "Kühlpflichtige Direktsäfte bestehen zu 100 Prozent aus Früchten, die (…) schonend pasteurisiert werden." Diese "Frische" ist zwei- bis dreimal so teuer wie der Saft aus dem Regal. Ist das gerechtfertigt? "Der Qualitätsunterschied zwischen diesen Säften ist nicht so groß, dass hier ein Unterschied von zwei Euro pro Liter gerechtfertigt wäre," sagt Lebensmittelexperte Stellpflug.

Warum Kunden für Frische einen höheren Preis akzeptieren, erklärt uns Marketingexperte Jon Christoph Berndt vom "brandmagazin". Frische spricht das Herz an. Das nutzen die Hersteller. "Die wissen sehr genau, dass sie mit Frisch das Emotionszentrum ansprechen. Wenn ein Kauf emotionsgesteuert ist, dann ist das nicht so rational. Es geht nicht nur ums Geld", sagt Berndt. Die Hersteller versuchten so, sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen und einen höheren Preis zu erzielen.

Lange Haltbarkeit spricht gegen Frische

Auch "frisch" und das Thema "Konservierungsstoffe" passen nicht zusammen. Was bei Milch und Saft die Erhitzung ist, sind bei frischem Teig und Pasta die Zusatzstoffe. Jürgen Stellpflug sagt dazu: "Wir haben jede Menge Zusatzstoffe. Diese sollen dafür sorgen, dass die Mindesthaltbarkeit immer noch den Eindruck machen soll, es sei frisch. Aber mit frisch hat dieser Teig in drei Wochen überhaupt nichts mehr zu tun."

In unserer Stichprobe haben wir 48 "frische" Produkte unter die Lupe genommen. Mehr als drei Viertel sind wärmebehandelt oder mit Zusatzstoffen haltbar gemacht. Das ist weit entfernt von dem, was der Kunde von Frische erwartet.

Beim Beispiel Fleisch und Frische haben die Discounter ein Problem, mit den Supermärkten mitzuhalten. Denn sie haben keine Frischetheken. Ihre Lösung ist ein großes Sortiment an Fleisch, das "unter Schutzatmosphäre" verpackt wurde.

Vorsicht bei abgepacktem Fleisch!

Was das heißt, erklärt uns Lebensmittelwissenschaftlerin Gertrud Morlock vom Institut für Lebensmittelwissenschaften der Uni Gießen: "Es können zum Beispiel Kohlendioxid, Sauerstoff oder Stickstoff eingesetzt werden. Der Anteil von Kohlendioxid ist nötig, um das Wachstum von Mikroorganismen zu hemmen. Ein schöner Nebeneffekt des hohen Sauerstoffgehalts ist, dass das Fleisch länger rot bleibt." Sogar Hackfleisch ist dadurch bis zu einer Woche haltbar und sieht immer noch frisch aus.

Fleisch unter Schutzatmosphäre verändert auch nach Tagen nicht sein Aussehen, dafür aber die Kocheigenschaften. Wir machen ein Brat-Experiment mit dem Koch Jürgen Schreuer. Einmal braten wir eine frische Hackfleisch-Frikadelle vom Metzger und zum Vergleich eine aus abgepacktem Hackfleisch. Schon nach wenigen Minuten sieht die abgepackte Frikadelle schön braun und durchgebraten aus und das bei gerade mal 50 Grad. Die Frikadelle aus dem Metzgerhack ist bei der gleichen Brattemperatur innen noch komplett roh. Der Koch warnt, um keimfrei zu werden, müsse Hackfleisch auf mindestens 70 Grad erhitzt werden! Das Schutzatmosphären-Hack ist also noch gar nicht durch, obwohl es so aussieht.

Unser Fazit: Nicht immer geht es wie beim Hack gleich um Lebensmittelsicherheit. Aber das Etikett sollte nicht vortäuschen, was der Inhalt nicht hält. Fest steht: Hinter den angeblich frischen Produkten im Supermarkt steckt oft mehr Marketing als Qualitätsoffensive.

Autorin: Katja Sodomann

Stand: 07.04.2016 16:00 Uhr

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