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Tür zu, Finger ab: Welche Risiken moderne Autotüren haben

Welche Risiken moderne Autotüren haben | Video verfügbar bis 10.01.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Bei der Soft-Close-Automatik wird eine Autotür auf die letzten Millimeter von einem Elektromotor geschlossen.
– Es gibt Fälle, bei denen Fingerglieder eingeklemmt und sogar von der Automatik abgetrennt sein sollen.
– Ein Gutachter sieht die großen Spaltmaße und die Kraft des Motors als wesentliche Ursache und empfiehlt eine Notabschaltung.
– Die Hersteller sehen keinen Handlungsbedarf.
– Neuere Versionen der Automatik reduzieren aber das Risiko, indem sie die Tür in zwei Stufen schließen. Eine Notabschaltung fehlt weiterhin.

In unseren Autos gibt es bald nichts mehr, was nicht mit HighTech funktioniert. Head-up-Display, Remote Park-Pilot, Attention Assist, Pre-Safe-System, Drive Pilot, Distronic und wie die teuren Extraausstattungen alle heißen. Sie sollen das Autofahren angenehmer und vor allem sicherer machen. Dass manche dieser automatischen Features aber auch gefährlich sein können, wird gerne übersehen. Eine Frau aus Nordrhein-Westfalen hat das schmerzhaft erfahren müssen.

Tür zu, Finger ab

Kordula Schweineberg
Kordula Schweineberg streitet sich mit BMW, weil sie ein Fingerglied verloren hat.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Kordula und Heiner Schweineberg fahren einen fünf Jahre alten 5er-BMW. Der Wagen ist ausgestattet mit einer sogenannten Soft-Close-Automatik für die Seitentüren. Sobald man die Tür nur leicht anlehnt, wird ein Elektromotor aktiviert, der die Tür vollautomatisch schließt. Das gefiel den Schweinebergs ganz gut, bis Kordula Schweineberg – so ihre Darstellung – vor etwa zwei Jahren zu spüren bekam, welche Kraft der Mechanismus hat. Sie erinnert sich, wie sie in einer engen Straße ausgestiegen ist, weil sie noch etwas herausholen wollte, und dabei die Tür mit dem Daumen aufgehalten habe. Als sie wegen eines vorbeifahrenden Autos zurückwichen sei, habe plötzlich die Soft-Close-Automatik eingesetzt: "Als ich realisiert habe, dass da was gegen meinen Finger drückt, da war es schon zu spät." Kordula Schweineberg habe noch versucht, ihren Finger aus dem Spalt zu bekommen, vergeblich. "Dann fiel mir der Finger entgegen."

ein Daumen an einer halboffenen Autotür
Ist die Heranziehautomatik eine Gefahr für die Finger? | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass sie die Daumenspitze nicht mehr annähen können. Seitdem muss sie mit einem stark verkürzten Daumen leben. Die Familie beschwert sich bei BMW. Der Konzern reagiert mit einem Brief – und sieht sich nicht in der Verantwortung. Erstens habe der TÜV den Mechanismus auf mögliche Einklemmgefahren geprüft. Und zweitens werde in der Betriebsanleitung vor der Verletzungsgefahr gewarnt. "Vor diesem Hintergrund sehen wir keine Grundlage für eine Haftung unseres Unternehmens", befindet BMW.

BMW sieht keinen Fehler. Im Gegenteil.

Die Schweinebergs fühlen sich als Opfer eines Produktfehlers und verklagen BMW auf Schmerzensgeld. Die Anwälte des Konzerns lehnen ab – und zweifeln ganz offiziell die Angaben von Kordula Schweineberg an: "Schlussendlich wird bestritten, dass die von der Klägerin behaupteten Verletzungen, insbesondere die Abtrennung des Endglieds des Daumens, durch die 'Soft-Close-Automatik' verursacht worden sein sollen."

Automatik unter der Lupe

Die Dicke eines Fingers wird mit einer Schiebelehre gemessen.
Der Gutachter misst zum Vergleich bei sich die Fingerdicke.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Wie gefährlich ist die Soft-Close-Automatik? Das soll der öffentlich bestellte und vereidigte Unfallgutachter Dr. Michael Weyde im Auftrag von "Plusminus" analysieren.

Zunächst misst der Spezialist den Spalt, ab dem es gefährlich wird. Das Ergebnis: Bei sechs bis sieben Millimetern setzt die Schließ-Automatik ein. Zum Vergleich misst Weyde seine eigenen Finger und kommt zu folgendem Befund: "Ein Finger kann unter sieben Millimeter dick sein. Also ist der Spalt schlicht und ergreifend zu groß."

Klarer Befund

Ein Schweineschwanz wird in einer Autotür eingeklemmt.
Zu Testzwecken lässt Dr. Michael Weyde einen Schweineschwanz von der Automatik einklemmen.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Aber reicht die Kraft der Soft-Close-Automatik, um einen Daumen zu zerquetschen? Das testet Dr. Weyde mit einem Schweineschwanz. Unter dessen Haut liegen Knochen, Knorpel und Sehnen. Weil er mit diesem Aufbau einem menschlichen Finger ähnelt, ist er optimal als Vergleichsmaterial für den Gutachter. Nachdem er den Schwanz absichtlich von der Automatik hat einklemmen lassen, nimmt er seine äußere Erscheinung in Augenschein: "Auf den ersten Blick würde ich sagen, wir haben hier keine vollständige Durchtrennung, aber eine fast vollständige Durchtrennung."

Röntgenaufnahme eines gebrochenen Schweineschwanzes
Die Röntgenaufnahme zeigt: Der Schweineschwanz ist gebrochen! | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Wie stark der Schweineschwanz tatsächlich verletzt wurde, lässt sich allerdings nur über ein Röntgenbild analysieren. Im Gerichtsmedizinischen Institut von Berlin wird das Präparat unter dem Computer-Tomographen durchleuchtet. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Knochen ist gebrochen. Für den Unfallgutachter ist nun klar: "Nach den durchgeführten Experimenten habe ich keinen Zweifel, dass es möglich ist, sich tatsächlich ein Finger- bzw. das Daumenendglied abzureißen."

Auch Fälle in den USA

Dass Soft-Close gefährlich sein kann, bestätigt auch unsere Recherche. Nicht nur in Deutschland, auch in den USA stoßen wir auf Fälle. Rechtsanwalt Avi Cohen aus New York vertritt einen Mann, der sich beim Aussteigen aus seinem BMW verstümmelt haben soll: "Mein Mandant musste aufpassen wegen des vorbeifahrenden Verkehrs. Seine Hand lag auf der Türsäule. Plötzlich löste die Soft-Close-Automatik aus und trennte die Hälfte seines rechten Daumens ab."

Das Bild der Verletzung gleicht dem Foto von Kordula Schweinebergs Daumen direkt nach ihrem Unfall. In den USA fordert der Anwalt allerdings Schadenersatz und Schmerzensgeld in Millionenhöhe.

BMW will die laufenden Gerichtsverfahren nicht kommentieren. Allerdings gibt es auch andere Automarken, die eine automatische Zuziehhilfe anbieten. Neben der Luxusklasse wie Rolls Royce, Bentley oder Maybach sind es vor allem Audi, Mercedes und Porsche, bei denen man dieses Extra bestellen kann.

Wie sicher sind andere Autotüren?

An einer Autotür wird das Spaltmaß gemessen.
Gutachter Weyde misst die Spaltbreite, bei der die Automatic einsetzt.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Dr. Weyde schaut sich zunächst einen aktuellen Audi A8 an. Mit speziellen Gummikeilen misst er den Spalt, bei dem die Soft Close Automatik zuzieht – und kommt auch hier zu einem kritischen Befund: "Wir haben hier ein Spaltmaß von sechs Millimetern, was bleibt. Also es ist auch mit diesem Audi möglich, dass einem die Fingerkuppe abgequetscht wird."

Bei einem Porsche Panamera mit dem Baujahr 2017, der über den gleichen Mechanismus verfügt, findet er ein ähnliches Spaltmaß von sechs bis sieben Millimetern vor. Damit ist die Automatik aus der Sicht des Experten auch bei diesem Fahrzeug unbefriedigend.

Zwei Stufen für etwas mehr Sicherheit

Bei einem nagelneuen BMW gibt es dagegen eine Überraschung: Die Soft-Close-Automatik arbeitet hier in zwei Stufen: Nach dem Einrasten und der ersten Bewegung pausiert die Automatik mehr als eine halbe Sekunde, bevor die Tür sich endgültig schließt. Das modifizierte System macht in der ersten Stufe spürbar, dass sich die Tür schließt und gibt nach Ansicht des Gutachters durch die Pause die Chance, einen Unfall zu vermeiden: "Es vergeht etwa eine halbe Sekunde und das reicht aus, um in dem Moment, wenn ich das spüre, noch den Finger wegzuziehen."

Auch die aktuelle S-Klasse von Mercedes ist mit der zweistufigen Automatik ausgerüstet. Ist nun die Gefahr gebannt? Weyde bleibt kritisch. Angesichts der Tatsache, dass alle Systeme mit der gleichen zerstörerischen Kraft arbeiten, kann sich der Gutachter selbst damit nicht anfreunden:

"Grundsätzlich besteht bei jedem Fahrzeug mit einem Zuziehmechanismus der Tür ein Restrisiko, dass man sich etwas ungewollt einklemmt, beispielsweise die Fingerkuppen vorne. Dieses Restrisiko kann man durch eine Notabschaltung verhindern."

Warum gibt es kein Soft-Close-System mit einer Notabschaltung, ähnlich wie bei elektrischen Fensterhebern? "Plusminus konfrontiert die Hersteller mit der Forderung des Gutachters. Bei Audi und Porsche heißt es, man setze "auf den bewährten Stand der Technik". BMW schreibt: "Ein Soft-Close-System mit einer automatischen Abschaltvorrichtung ist uns bisher nicht bekannt." Und Mercedes teilt mit, eine Notabschaltung für die Zuziehhilfe sei "mit bekannten technischen Mitteln zur Zeit nicht möglich".

Ingenieur und Unfallgutachter Dr. Michael Weyde
Ingenieur und Unfallgutachter Dr. Michael Weyde rät zu einer Notabschaltung. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Ingenieur und Unfallgutachter Dr. Michael Weyde ist anderer Meinung: "Eine solche Möglichkeit besteht auf jeden Fall: Das heißt, es ist technisch möglich, einen Abschaltmechanismus hier einzubringen." Er schlägt eine Art von Band-Schaltern vor, die entsprechend angepasst in die Dichtungen eingebaut werden. Sobald ein Finger dann dazwischen gerät, würden sie die Automatik sofort unterbrechen.

Wie viele Fahrzeuge es mit Soft-Close-Automatik gibt, lässt sich nur schätzen, da die Hersteller keine Angaben dazu machen. Wir recherchieren auf einem Online-Fahrzeugmarkt. Dort lässt sich Soft Close als Extraausstattung anwählen. Das Ergebnis von 13.052 Angeboten muss allerdings noch korrigiert werden. Bei einigen Autos wird nur die Heckklappe automatisch zugezogen. Vorsichtig geschätzt kommen wir so auf rund 11.000 angebotene Fahrzeuge. Hochgerechnet auf den deutschen Fahrzeugbestand bedeutet das: Es gibt mehrere Hunderttausend Autos mit Soft-Close-Automatik an den Seitentüren.

Wie groß ist das so genannte Restrisiko? Wir fragen nach beim Kraftfahrtbundesamt. Die Antwort: Dort sei "eine geringe Anzahl von Unfällen bei BMW u. a. mit der Soft-Close-Automatik" bekannt. Man sei dabei, diese Fälle zu bewerten.

Einer dieser Fälle ist Kordula Schweineberg. Sie sieht sich als Opfer eines technisch nicht ausgereiften Systems. Ob sie Schmerzensgeld bekommt, wird sich vor Gericht entscheiden. Im Prozess vor dem Münchener Landgericht hat BMW ihr bisher 2.500 Euro als Vergleich angeboten. Das hat sie abgelehnt. Das Verfahren geht in die nächste Runde.

Stand: 11.01.2018 10:21 Uhr