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Elektrogeräte: Geschönte Verbrauchswerte?

PlayStiftung Warentest Mitarbeiter
Geschönte Verbrauchswerte? | Video verfügbar bis 17.11.2016

Wie in der Autoindustrie geben auch Elektrogerätehersteller realitätsfremde Werte an. "Plusminus" testete Staubsauger, Fernseher und Waschmaschinen.

Unsere Probandin Bärbel B. macht eigentlich alles richtig. Sie hat einen Staubsauger mit Effizienzklasse A gekauft. Da sie sehr gründlich ist, benutzt Bärbel B. ein Stromverbrauchsmessgerät. Zunächst hält der Sauger sein Versprechen. 750 Watt verbraucht das Gerät. Aber wehe sie saugt - dann steigt in minutenschnelle der Verbrauch auf mehr als 1100 Watt. Je voller der Beutel, desto mehr Verbrauch. Am Ende verbraucht der Staubsauger ähnlich viel, wie Modelle der Effizienzklasse E.

Um wirklich Strom zu sparen muss Bärbel B. alle 15 Minuten zum Müll und einen fast leeren Staubsaugerbeutel wegschmeißen. Das stand nicht auf dem Effizienzlabel. Sie fühlt sich verschaukelt. Wir fragen beim Verband deutscher Elektrotechniker (VDE) nach. Zusammen mit ähnlichen Instituten anderer Länder haben sie die Staubsauger-Messnorm für die EU entwickelt. "Man musste erst mal einen gemeinsamen Nenner finden. Wie kann man einen Staubsauger mit Beutel gleichwohl auch ohne Beutel auf gleicher Ebene vermessen", so Jürgen Ripperger vom VDE. "Da der Staubsaugerbeutel mit ohne Staub gleichwohl aber auch das beutellose Gerät auch ohne Staub gleichsam auf Null gesetzt werden, kann man sie erstmal vermessen. Das war die ursprüngliche Idee und demzufolge misst man auch ohne Staub."

Wir wollen wissen, warum ohne Staub gemessen wird, wenn es doch europaweit genormten Teststaub gibt. Laut VDE sei dieser Teststaub zu grobkörnig, um bei unterschiedlichen Geräten genaue Messergebnisse zu erzielen. Das sieht man bei Stiftung Warentest anders. "Man kann natürlich Staubsauger nicht nur mit leerem sondern auch mit halbvollem oder vollem Beutel prüfen. Die dann erzielten Messwerte sind valide, reproduzierbar und geben natürlich eine Aussage, wie sich dieser Staubsauger im Laufe der Nutzung verhält", so Dr. Holger Brackemann.

Label an einem Herd
Wie aussagekräftig sind die Effizienzklassen?

Für die Hersteller ist die Norm in erster Linie praktisch. Denn laut Werbung erhält der Staubsauger in allen Kategorien den Bestwert A. Die Technik kam just in dem Jahr als die Norm verabschiedet wurde. Dank Powersensor kein Saugkraftverlust. Dass der Stromverbrauch dabei steigt erwähnt die Werbung nicht.

Großes Vertrauen in das Label

Ein Großteil der Bevölkerung vertraut der Kennzeichnung A. So auch bei Fernsehgeräten. Auch hier machen wir den Test. Schon bei der Inbetriebnahme weist das geprüfte Gerät darauf hin: Es hat einen Öko-Sensor, der den Stromverbrauch senkt. "Wir stellen bei den Fernsehern fest, dass die Bilder in der Werkseinstellung gar nicht optimal sind, sondern häufig zu dunkel, insbesondere bei Geräten von Samsung und LG", so Dr. Brackemann. "Wenn wir dann das Bild optimal eingestellt haben, ist der Energieverbrauch deutlich höher. Bei vielen Geräten 30 Prozent aber öfter auch schon 50 oder 60 Prozent höher als in den Werkseinstellungen."

Samsung schreibt dazu, man sei überzeugt, „dass der Bildmodus ‚Standard‘ eine für alltägliche Nutzungssituationen geeignete Bildqualität liefert. Das bestätigen unter anderem auch viele Tests der Stiftung Warentest." Unsere Probandin misst den Strombedarf: In Werkseinstellung, in der auch für das Label gemessen wird, verbraucht das Gerät rund 25 Watt. Das Bild war - nun ja - irgendwie doch etwas duster. Und kaum dreht Bärbel B. einen Tick an der Helligkeit oder schaltet in einen anderen Bildmodus ist der Stromverbrauch doppelt so hoch. Der stromsparende Ökosensor schaltet sich automatisch aus. Für das EU Label aber wird natürlich im Standardmodus mit Sensor gemessen.

Eine Hand auf einer Waschmaschine
Durch die Länge des Programms lässt sich die effizienz einer Maschine beeinflussen.

"Die Normen werden ja in der Praxis ganz wesentlich von den Herstellern mitgestaltet. {...[ Insofern wird dann versucht, eine Norm so zu bauen, dass man doch das eine oder andere Schlupfloch hat um mit einem besonders niedrigen Energieverbrauch aus den Messungen herauszukommen" sagt Dr. Brackemann. So treibt Energieeffizienz teils absurde Blüten. Etwa bei Waschmaschinen - inzwischen mit doppelt und dreifach A.

Langes Warten für hohe Effizienz

Für den Kunden bedeutet die hohe Effizienzstufe in erster Linie lange Warten. So viel Geduld haben die Kunden nicht. Die Uni Bonn fand heraus, dass nicht mal jeder fünfte Waschgang in Deutschland im Effizienzprogramm läuft. Offensichtlich fehlt den meisten die Geduld. Sie wählen ein anderes Programm, das schneller läuft. "In den übrigen Programmen hat sich in den letzten zehn Jahren kein nennenswerter Fortschritt ergeben. Die brauchen teilweise zwei bis drei mal soviel Energie wie die Labelprogramme", sagt Dr. Brackemann.

Wer wirklich sparen will, muss genau das Kleingedruckte lesen und die Tricks der Hersteller kennen. Und realistischere Normen? Die Staubsaugermessung mit Staub wird seit letztem Jahr diskutiert… Bis die irgendwann gilt wird Bärbel B. noch viele Beutel wegwerfen.

Autor: Michael Houben

Stand: 19.11.2015 09:05 Uhr

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Mi, 18.11.15 | 22:05 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.