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Schicker Schuh – dreckige Produktionsbedingungen

PlayInterview Lederwarenmesse
Schicker Schuh - dreckige Produktionsbedingungen | Video verfügbar bis 10.11.2016

Lederschuhe und Ledertaschen: Viele dieser Lederwaren werden 6.000 Kilometer entfernt von uns in Indien gefertigt. Die Produktion dort ist günstig, aber: Zu welchem Preis? Um das herauszufinden, waren wir undercover in indischen Fabriken, haben mit Arbeitern gesprochen. Das Ergebnis dieser Recherche ist erschreckend.

Samstag, Fußgängerzone in München. Einkaufen für den Winter. Wohin man schaut: Leder! Lederschuhe, Lederjacke, Ledertasche … Wir fragen nach, worauf die Passanten hier achten, wenn sie Leder kaufen. Wir hören immer wieder: Der Preis, das Aussehen. An die Produktionsbedingungen denken hier die Wenigsten.

"Das ist eine gute Frage, also ich habe mir da gar keine Gedanken drüber gemacht. Wird man auch nicht so informiert, deshalb…", sagt uns ein Schuhkäufer in der Fußgängerzone, "die Pflicht sollte da bei den Verkäufern sein, also fragen Sie die doch mal!"

Wir wenden uns an die Verkäufer: Gehen nach Offenbach, zur größten Lederwarenmesse in Deutschland. Um herauszufinden wie Leder produziert wird, müssen wir wissen, wo es produziert wird. Von den Herstellern bekommen wir immer wieder die selben Antworten:

"Wir produzieren nicht in Deutschland nein, das wird alles importiert, tut mir leid."

"Wir fertigen in Fernost, in Indien.“„...sonst ist es nicht zu bezahlen."

Ursprungsland Indien

Wir reisen nach Indien, zum Ursprung der Produktion. Indien ist eines der Hauptländer für Lederproduktion. Laut dem "Council for Leather Exports India" nutzen viele große europäische Marken indisches Leder. Aber unter welchen Bedingungen wird es hergestellt?

Kühe für die Lederproduktion
Kühe für die Lederproduktion

5 Uhr morgens: Unsere Recherchen führen uns zuerst auf einen Viehmarkt in Vellore. Hier werden heute Tiere zum Schlachten verkauft. An Tierschutzgesetze hält sich hier kaum wer – was zählt ist der Profit.

Abwasser-Entsorgung in den Fluss

Aber nicht nur Tierschutz – auch Umweltschutz ist ein Problem in Indien. In Kanpur, einer der Lederhochburgen Indiens, entsorgen Fabriken ihre Abwässer direkt  in den Fluss. Ein Bauer, Gajapathi, will uns hier bei einem See in Ranipet zeigen, dass überall in der Gegend Gifte im Wasser sind.  Er sammelt Wasserproben: Beweise vor Gericht. "Das ist ein Mix aus 100 verschiedenen Chemikalien," sagt er uns.

Durch Chemikalien verschmutzter Fluss in Indien
Durch Chemikalien verschmutzter Fluss in Indien

Er zeigt uns Fotos von einem Unfall vor wenigen Monaten. Giftiger Klärschlamm von gleich mehreren Gerbereien hat hier eine ganze Straße überflutet. Weil die Gerbereien den Schlamm nicht entsorgt, sondern in einem illegal gebauten Tanker aufgestaut haben -– bis der brach. Zehn Arbeiter wurden von der giftigen Schlammlawine überrollt und lebendigem Leibe begraben.

Arbeiter ohne Handschuhe und barfuss

Warum entsorgen die Fabriken ihr Wasser nicht ordentlich? Wir wollen direkt dort nachfragen, schauen wie die Zustände dort sind. Aber als die Fabrikbetreiber die Kamera sehen, werden wir sofort wieder weggeschickt. Wir versuchen es erneut, bei einer andern Firma: Dieses Mal als interessierte Leder-Einkäufer, drehen verdeckt. Und tatsächlich: plötzlich dürfen wir die Produktionsstätten anschauen. Dass die Arbeiter ohne Handschuhe in giftige Farbe langen, scheint niemanden zu stören. Auch Atemschutz trägt keiner hier – obwohl das eigentlich vorgeschrieben ist. Und in einer Zulieferungsfirma sehen wir einen Arbeiter, der beim Gerben mit Chrom barfuß ist: Einem Schwermetall, das mit der bloßen Haut keinesfalls in Berührung kommen sollte.

In seiner Schuhfabrik können wir sehen, für wen der Besitzer Schuhe produziert. Stolz führt er uns rum, zeigt uns Schuhe der italienischen Marke GEOX . Und auch für einen hochpreisigen deutschen Schuhhersteller aus Rosenheim produziert er: Für Gabor.

Umweltverschmutzung durch Lederproduktion in Indien
Umweltverschmutzung durch Lederproduktion in Indien

Wir besuchen noch eine komplett andere Fabrik – auch hier bei der Lederherstellung ein ähnliches Bild. Und noch was fällt uns auf: Die Arbeiter, sie wirken jung. Tag und Nacht wird hier gearbeitet – Leder auch für große deutsche  Marken. Unter anderem wieder für Gabor.  Und direkt neben den Arbeitshallen, sehen wir, dass die meisten Arbeiter sogar hier schlafen, direkt neben Fässern mit Chemikalien.

Zurück in Deutschland: Wir kontaktieren die Marken, auf die wir in den beiden Fabriken gestoßen sind. Gabor, der Schuhhersteller aus Rosenheim wirbt auf seiner Internetseite groß mit Produktionsstätten in Europa. Von Indien keine Rede. Wie passt das zusammen mit den Bedingungen, die wir vor Ort gesehen haben? Wir fragen an, bitten um Interviews.

Ein Interview vor der Kamera will Gabor uns nicht geben, schreibt uns stattdessen:

"Selbstverständlich gehen wir Ihren Hinweisen verantwortungsbewusst nach. Bedingungen, wie die von Ihnen geschilderten, würden in keiner Weise unseren Vorgaben, Kodizes und Geschäftsvereinbarungen entsprechen."

Auch Geox antwortet nur schriftlich: " Die Fabrik gehört nicht zu unseren Lieferanten."

Schadstoffe im Leder

Und noch etwas finden wir bei unseren Recherchen: Eine riesige Datenbank – voll von Lederprodukten – vor denen die EU warnt - wie eine Ledersohle in einem Deichmann-Schuh. Wegen Chrom VI – ein Schadstoff der hier verboten ist. Wie kann das passieren? Auf unsere Nachfragen schreibt Deichmann:

"Um jegliches Risiko auszuschließen, haben wir diese Hausschuhe im Rahmen einer freiwilligen, vorbeugenden Maßnahme zurückgerufen." Weiter heißt es: "Dass dieser konkrete Artikel auffällig ist und wir unseren Kunden durch den Rückruf Umstände bereiten, bedauern wir." Auch käme die Sohle gar nicht aus Indien.

Fakt ist, der Schadstoff kann im Schuh landen, wenn bei der Lederproduktion technische Standards ignoriert werden.  Stichproben, die Kontrollbehörden in Deutschland nehmen, finden in jedem zehnten Leder-Produkt den Schadstoff! Miese Bedingungen bei der Herstellung bedeuten am Ende also nicht nur ein Risiko für die Arbeiter vor Ort – sondern auch für uns hier.

Bericht: Anne Hinder

Stand: 12.11.2015 08:42 Uhr