SENDETERMIN Mi, 18.01.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Heizkosten: Das lukrative Geschäft der Ableser

Heizkosten: Das lukrative Geschäft der Ableser | Video verfügbar bis 18.01.2018

Inhalt in Kürze:
– Vermieter beauftragen Unternehmen mit dem Ablesen des Heizungsverbrauchs, die Kosten dafür tragen die Mieter
– Nur wenige Unternehmen teilen sich den Markt und fahren mit einer einfachen Dienstleistung erhebliche Gewinne ein.
– Hinter den Unternehmen stehen internationale Investoren.
– Das Bundeskartellamt hat Untersuchungen aufgenommen.

Werner Fischer hat die Nase voll. Der Besitzer eines Dresdner Mietshauses ermittelt die Heizkosten seiner Mieter seit dieser Heizperiode selbst. Bisher übernahm die Firma Techem in seinem Auftrag die Verteilung der Kosten – mit Hilfe von Verdunsterröhrchen an jedem Heizkörper. Doch der Preis für diese Dienstleistung stieg zuletzt rasant an. Zu Lasten von neun Familien – Fischers Mietern.

"Wenn wir die letzten zehn Jahre ins Auge fassen, habe ich alleine für die Abrechnung eine Preissteigerung von etwa 80 Prozent. Das könnte mir natürlich egal sein, weil das umlegbare Kosten sind, die die Mieter tragen."

Von der Sparmaßnahme zum guten Geschäft

Die seit 1981 in der Bundesrepublik geltende Heizkostenverordnung schreibt vor, dass die Heizkosten für jede einzelne Wohnung getrennt abgerechnet werden müssen. Das sollte die Mieter zum Sparen zu motivieren. Fortan hingen in Mehrfamilienhäusern an fast jedem Heizkörper Verdunsterröhrchen. Die Ermittlung der Heizkosten entwickelte sich jedoch schnell zum guten Geschäft für die Dienstleister. Drei große Anbieter beherrschen heute den Markt: Techem als Marktführer mit 28 Prozent der installierten Wärmezähler und Ista mit 26 Prozent, zudem Brunata-Metrona mit 16 Prozent. Ob es hier noch genügend Wettbewerb gibt, untersucht inzwischen sogar das Bundeskartellamt, wie dessen Präsident Andreas Mundt erläutert:

"Zum einen hatten wir viele Beschwerden im Haus von Mietern und Vermietern. Zum anderen hatten wir den Markt vor vielen Jahren schon mal angeschaut, damals Fusionen untersagt. Wir wussten also, dass der Markt sehr konzentriert ist."

Die Anbieter arbeiten oft sehr renditeorientiert. Das hat Werner Fischer in Dresden erlebt: Im Juni kündigt ihm Techem den Vertrag über die Verdunsterröhrchen. Die Firma bietet ihm an, stattdessen Funk-Heizkostenverteiler einzubauen – zu einem deftigen Preis. Das sprengte für den Vermieter den Rahmen:

"Ich wollte gerne mit der Firma weiter zusammenarbeiten, aber die Angebote, die gekommen sind, haben für mich nicht erkennen lassen, dass ich im Kostenrahmen meiner Vorstellung bleiben kann."

Enorme Kostensteigerungen

Wie schnell die Preise steigen, zeigt ein Vergleich der Preislisten von Techem aus den Jahren 2012 und 2015. Ein Verdunsterröhrchen abzulesen und auszuwerten, verteuerte in diesem Zeitraum sich um 37 Prozent. Beim Funk-Heizkostenverteiler stieg der Preis in zweieinhalb Jahren um 14 Prozent. Beim Warmwasserzähler mit Funk werden 17 Prozent mehr fällig. Zu den Gründen teilt die Firma auf Anfrage von "Plusminus" mit:

"Techem muss, wie andere Dienstleister auch, allgemeine Kostensteigerungen in seine Preise für Erfassungs- und Abrechnungs-Dienstleistungen einkalkulieren und diese darum bei Bedarf anpassen."

Eine Heizung wird aufgedreht
Eine Heizung wird aufgedreht

Eine höchst problematische Situation

Den Vertrag über die Ablesung schließen allerdings Vermieter und Dienstleister miteinander ab – zahlen muss hingegen der Mieter, und zwar alles. Daraus ergibt sich eine höchst problematische Situation, wie Ulrich Ropertz, der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds erklärt:

"Der Vermieter oder die Verwaltung, die mit der Wärme-Messdienstfirma den Vertrag macht, hat überhaupt kein eigenes wirtschaftliches Interesse, kein Interesse daran, Preise zu drücken oder verschiedene Angebote einzuholen, denn sie sind in der Situation, dass sie die Kosten der Wärmemessdienstfirma auf die Mieter abwälzen."

"Wir können die Mieter ausnehmen"

Die Anbieter wie Techem wissen das genau. Und sie profitieren davon. Das zeigen Dokumente, die dem Journalisten Klaus Max Smolka zugespielt wurden. In einer Präsentation für Investoren wirbt Techem offen mit der Low Customer Price Sensitivity, also der geringen Preissensibilität der Kunden. Techem schreibt weiter:

"Unsere funkbasierten Geräte sind nicht kompatibel mit denen der Konkurrenz, was uns eine relativ stabile Marktposition verschafft."

Klaus Max Smolka von der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" fasst diese Aussagen für uns folgendermaßen zusammen:

"Wenn man es übersetzt vom Investoren-Englisch in normales Deutsch, kann man verkürzt sagen: 'Wir können die Mieter ausnehmen.'"

Diesen Vorwurf weist Techem zurück:

"Grundsätzlich sehen wir eine hohe Preissensibilität und eine über die Jahre hinweg steigende Tendenz bei unseren Kunden, über Preise zu verhandeln."

Trotzdem sprudeln die Gewinne kräftig: Für 18 Millionen Wohnungen in Deutschland müssen Heizkosten abgelesen werden. Für seine weltweiten Aktivitäten hat Techem zwischen Juni 2015 und Juni 2016 insgesamt 753 Millionen Euro Umsatz gemacht und dabei 282 Millionen Euro Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) eingefahren, also fast 40 Prozent. Die Firma verweist auf hohe Investitionen, dennoch hat Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund eine klare Meinung dazu:

"Wenn ein Unternehmen tatsächlich 40 Prozent Rendite erzielt am Markt mit einem relativ schlichten Angebot, nämlich: 'Wir messen den Verbrauch an Energie', dann ist das schlicht und ergreifend unanständig."

Techem-Konkurrent Ista räumt ebenfalls hohe Gewinne ein, stellt jedoch fest:

"... dass wir über 30 Jahre unsere Prozesse optimiert haben. Davon profitieren wir nun. Das ist nicht verwerflich."

Es geht ums Geld

Hinter Techem und Ista stecken internationale Finanzkonzerne, nämlich die australische Bank Macquaire und das Private-Equity-Unternehmen CVC-Partners. Für sie geht es vor allem darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Die Preisspirale dürfte sich also munter weiter drehen. Journalist Klaus Max Smolka weiß noch mehr:

"Beide Unternehmen werden demnächst zum Verkauf gestellt werden. Nach unseren Informationen haben die Eigner sowohl von Ista als auch von Techem schon Investmentbanken bestellt, um den Verkauf vorzubereiten."

Es geht auch anders

Doch es gibt immer mehr Vermieter, die da nicht mitspielen, wie unser Fall aus Dresden zeigt. Werner Fischer hat in jeder Wohnung einen Wärmezähler einbauen lassen, den er einmal im Jahr selbst abliest. Die Heizkosten berechnet er auch selbst, mit einer schlichten Excel-Tabelle. Zeitaufwand: etwa eine Stunde pro Jahr. Dafür will er nicht einmal etwas haben:

"Geld von meinen Mietern zu nehmen, wäre genauso unfair. Das ist mir einfach zu primitiv. Hier ist keine schöpferische Leistung dahinter. Hier ist kein hoher Aufwand dahinter und da versuche ich, meine Mieter auf diesem Weg etwas zu entlasten."

Ein Mann sitzt an einem Laptop.
Vermieter Werner Fischer erledigt die Abrechnung der Heizkosten inzwischen selbst – kostenlos.

Die Untersuchung des Bundeskartellamts soll in den nächsten Monaten abgeschlossen werden. Wie sie ausgeht, ist bisher völlig ungewiss.

Autor: Matthias Weidner

Stand: 26.01.2017 14:10 Uhr