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Homöopathie: Wirksame Medizin oder Geldverschwendung?

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Homöopathie: Wirksame Medizin oder Geldverschwendung? | Video verfügbar bis 15.03.2018

– Schon 60 Prozent der Deutschen nutzen homöopathische Arzneimittel.
– Trotz Kritik: Immer mehr Ärzte bieten homöopathische Therapien.
– Homöopathie ist eine zusätzliche und freiwillige Kassenleistung.
– Der Stand der internationalen Forschung ist eindeutig.

Die einen schwören auf sie, die anderen halten sie für Humbug: die Homöopathie. Die sogenannte "sanfte Medizin" ist höchst umstritten. Wissenschaftler und Homöopathen streiten, ob die Behandlungsform Patienten überhaupt helfen kann.

Die Homöopathie – ein Riesengeschäft

Plusminus: Umsatz Homöopathie
600 Millionen Euro Umsatz in der Homöopathie

Fakt ist, die Homöopathie ist inzwischen ein Riesengeschäft. Schon 60 Prozent der Deutschen nutzen homöopathische Arzneimittel: Kügelchen, Tabletten, Kapseln, Tropfen. Der Umsatz stieg bis Ende 2015 innerhalb von vier Jahren um über 30 Prozent auf rund 600 Millionen Euro. Tendenz weiter steigend. Was macht Homöopathie so erfolgreich und wirkt sie überhaupt?

Die homöopathischen Mittel, allen voran die weißen Kügelchen namens Globuli, sind stark verdünnt. Je stärker verdünnt, desto besser sollen sie wirken, glauben Homöopathen. Oft sind die "Arzneien" so stark verdünnt, dass kein Molekül des Wirkstoffs mehr nachweisbar ist. Aber was soll dann noch wirken?

Das fragte sich auch Nathalie Grams. Die Ärztin hat sechs Jahre als Homöopathin in Heidelberg gearbeitet. Sie setzte sich mit der Kritik an der Homöopathie auseinander. Mit der Zeit kamen ihr immer mehr Zweifel an den homöopathischen Mitteln.

Nathalie Grams, Ärztin:

»Früher meinte ich, dass sie tatsächlich wirken könnten und meinte auch, das erlebt zu haben. Ich weiß aber heute, dass sie allenfalls über Placebo-Effekte wirken oder durch dieses Gefühl, das entsteht, wenn man meint, eine gute Behandlung zu bekommen.«

Alles nur Einbildung?

Plusminus: Homöopathie
Ist Homöopathie nichts weiter als Placebo?

Der Placebo-Effekt ist jedoch in der Medizin häufig zu beobachten. Immer dann, wenn sich Ärzte um ihre Patienten kümmern, und diese den Eindruck haben, sie seien in guten Händen. Das solche Effekte allein reichten Nathalie Grams nicht. Ihre Praxis als Homöopathin hat sie deshalb aufgegeben.

Ist Homöopathie nichts weiter als Placebo? Der Gesundheitsexperte Jürgen Windeler hat zahlreiche Studien zur Homöopathie ausgewertet. Der Stand der internationalen Forschung ist eindeutig.

Jürgen Windeler, Leiter Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen:

»Die einheitliche Einschätzung dieser unabhängigen Untersuchung ist, dass homöopathische Mittel keinen über einen Placebo-Effekt hinausgehenden Nutzen haben.«

Wir haben dazu den Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte um ein Interview gebeten. Der Verein wollte wissen, ob auch Kritiker der Homöopathie zu Wort kommen. Einen Interviewtermin haben wir nicht bekommen.

Falsche Heilsversprechen im Netz

Es gibt zahlreiche Heilversprechen im Internet, selbst bei schweren Erkrankungen wie Krebs. Ärzte der Schweizer Klinik Santa Croce am Logo Maggiore behaupten, Krebs mit Homöopathie behandeln und selbst austherapierten Krebspatienten helfen zu können.

Wissenschaftliche Belege dafür kann die Klinik nicht liefern. Der Mann einer früheren Klinikpatientin berichtet, dass die Homöopathen seiner Frau nicht helfen konnten. Im Gegenteil: Der Zustand der Frau hat sich im Verlauf der homöopathischen Behandlung immer weiter verschlechtert. Ein Jahr nach dem Klinikaufenthalt ist sie gestorben.

Gefährliche Krebsberatung

Plusminus will herausfinden: Was versprechen Homöopathen Krebspatienten alles? Mit einer angeblichen Krebspatientin machen wir Termine bei Homöopathen in München aus. Die Homöopathen erwecken in den Beratungsgesprächen tatsächlich den Eindruck, man könne mit Homöopathie Krebs heilen.

Krebsärztin Jutta Hübner vom Uniklinikum Jena
Jutta Hübner, Krebsärztin

Sie empfehlen, erst mal mit einer homöopathischen Therapie zu beginnen, obwohl bei der angegeben Krebserkrankung schnell schulmedizinisch behandelt werden muss. Die Krebsärztin Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena übt heftige Kritik.

Jutta Hübner, Universitätsklinikum Jena:

»Das ist ziemlich klar ein Versprechen, das Homöopathie möglicherweise dieses Lymphom, diese bösartige Erkrankung, heilen kann. Und dass man, wenn das nicht geschieht, immer noch Zeit genug hat, um dann eventuell später noch mit einer anderen Therapie einzugreifen. Beides sind falsche Aussagen und eine Falschaussage am Patienten ist schlicht und einfach verwerflich.«

Kritik an Krankenkassen

Trotz der vielen Kritik, bieten immer mehr Ärzte homöopathische Therapien an und immer mehr gesetzliche Krankenversicherungen übernehmen die Kosten, manche zahlen sogar für homöopathische Arzneimittel. Nach Plusminus-Recherchen steckt dahinter ein knallharter Wettbewerb unter den Krankenkassen.

Durch die Erstattung homöopathischer Leistungen versuchen die Kassen, gesundheitsbewusste Versicherte zu gewinnen. Für den Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses Josef Hecken ist das ein Unding. Die Krankenkassen setzen seiner Ansicht nach damit ein völlig falsches Signal.

Josef Hecken, Vorsitzender Gemeinsamer Bundesauschuss:

»Der Eindruck ist ein ganz fataler. Die Versicherten vertrauen Gott sei Dank regelhaft ihrer Krankenkasse, und das impliziert, dass sie sagen, dass das, was die Kasse bezahlt, das muss doch gut sein, das muss doch wirksam sein, die Kasse wird doch kein Schwachsinn bezahlen. Und das halte ich eben mit der Verantwortung, die die gesetzliche Krankenversicherung auch gegenüber ihren Versicherten hat für nicht vereinbar.«

Laut Hecken geben die Krankenkassen jährlich fast 20 Millionen Euro für homöopathische Therapien und Arzneien aus. Der Ausschusschef würde den Krankenkassen die Kostenübernahme gerne verbieten, kann es aber nicht. Denn der Gemeinsame Bundesausschuss entscheidet nur, welche Kosten die gesetzlichen Krankenkassen erstatten müssen. Homöopathie ist aber eine zusätzliche und freiwillige Kassenleistung.

Die Regierung handelt nicht

Josef Hecken fordert nun die Politik auf, einzuschreiten. Das Bundesgesundheitsministerium soll den gesetzlichen Krankenversicherungen untersagen, die Kosten für homöopathische Therapien und Arzneien zu übernehmen. Doch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe reagiert nicht. So wird die Homöopathie weiterhin politisch geadelt und das Geschäft geht ungehindert weiter.

Stand: 16.03.2017 13:29 Uhr