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Radikaler Schnitt – Wie Banker um ihre Jobs zittern

Radikaler Schnitt - Wie Banker um ihre Jobs zittern | Video verfügbar bis 23.11.2017

Der Jobabbau im Bankensektor läuft auf Hochtouren. Bei der Deutschen Bank fallen 4.000 Stellen in Deutschland weg. Noch radikaler ist der Kahlschlag bei der Commerzbank: 9.600 Arbeitsplätze weniger. Der Jobabbau bei Bankern begann schleichend und spitzt sich jetzt dramatisch zu. Im Jahr 2000 arbeiteten noch 775.000 Menschen im Bankgewerbe. Inzwischen sind es nur noch 627.000. Das ist ein Rückgang um 19 Prozent, also fast jeder fünfte Arbeitsplatz.

Das ist erst der Anfang. Walter Sinn, Bankenexperte bei der Unternehmensberatung Bain and Company, zeichnet für die gesamte Branche ein düsteres Bild. Sinn sagt: "Das Thema spitzt sich zu. Wenn wir strukturelle Kosten abbauen wollen von 20 bis 30 Prozent, dann geht damit ein kräftiger Personalabbau einher. Übersetzt man das in Zahlen, sind da über 100.000 Arbeitsplätze im Banking bedroht. Die werden faktisch wegfallen."

Job-Kahlschlag als Reaktion auf historische Probleme

"Plusminus" hat die 30 größten Banken zum geplanten Stellenabbau befragt. Sofort ist klar, dass es nicht nur die großen Privatbanken sind. Auch Landesbanken wie die in Baden-Württemberg streichen 1.000 Stellen oder die Sparkassen wie in Nürnberg. Andere Banken wie die Postbank wollten keine konkreten Zahlen nennen. 

Belastungen für Banken
Die zentralen Herausforderungen für Banken

Der historische Job-Kahlschlag ist die Reaktion auf historische Probleme. Davon haben die Banken gleich drei:  Niedrigzinsen schmälern die Einnahmen. Mehr staatliche Regulierung bedeutet höhere Kosten. Die Digitalisierung erfordert teure Investitionen, die zusätzlich Jobs kosten. Diese drei Faktoren zusammen sind eine fatale Kombination, die den Bankensektor in eine tiefe strukturelle Krise gebracht hat.

Wer muss seinen Schreibtisch räumen?

Diese Frage wollen wir mit der Gewerkschaft Verdi klären. Banken-Fachfrau Birgit Braitsch weiß, welche Mitarbeiter nun besonders zittern müssen. "Sicherlich nicht diejenigen, die in der IT-Branche arbeiten. Es sind vielmehr diejenigen, die klassisch am Bankschalter sitzen.  Das sind die, die zu aller erst gehen müssen", sagt Braitsch. Dann landen sie über kurz oder lang bei der Arbeitsagentur. Noch liegt bei Bankfachleuten die Arbeitslosenquote unter einem Prozent.

Stellenabbau Banken
Banken bauen Stellen radikal ab.

Was Jobsuchende Banker mitbringen müssen, weiß der Chef der Arbeitsagentur der Regionaldirektion Hessen Frank Martin ganz genau. "Die Erfahrung zeigt, dass immer dann, wenn die Leute flexibel sind und wie die Bankmitarbeiter eine gute Ausbildung mitbringen, auch wieder etwas finden", sagt Martin.

Was Banker im Schnitt verdienen

Flexibilität heiß auch weniger Gehalt. Aber was verdient ein Banker in Deutschland? Das Bild von den Supergehältern steckt in den Köpfen. Dabei verdienen gerade mal 3,3 Prozent aller Bankmitarbeiter 10.000 Euro und mehr. Laut Statistischem Bundesamt liegt das Durchschnittsgehalt in Banken bei 4.865 Euro. Das deutsche Durchschnittsgehalt für alle Branchen beträgt 3.695 Euro.  

Beim Thema Abfindung aber spielen die Bankmitarbeiter tatsächlich in einer eigenen Liga. Für eine Sparkasse und eine Großbank liegen "Plusminus" exklusiv die vertraulichen Vereinbarungen vor. Für einen 55-Jährigen, 30 Jahre beschäftigt, zwei Kinder und 5.000 Euro Verdienst heißt das: Bei einer Sparkasse bekommt er 105.000 Euro. Der gleiche Mitarbeiter erhält von einer Großbank satte 345.000 Euro. In anderen Branchen ist das unvorstellbar.    

"Schlankes Banking" für die Zukunft

Der Blick nach vorne heißt "schlankes Banking". Das ist die neue Onlinekonkurrenz mit viel weniger Personal. Wir sind bei der Frankfurter Fintech Group AG. Sie hat 500 Beschäftigte, Computer statt Mitarbeiter. Firmenchef Frank Niehage beschreibt plastisch, was Digitalisierung konkret bedeutet. "Wir wickeln heute im Jahr zehn Millionen Wertpapiertransaktionen ab. Wenn wir 20 Millionen abwickeln würden und würden unser Geschäft verdoppeln, dann müsste ich gegebenenfalls nur ein oder zwei Mitarbeiter neu einstellen. Das System ist so schön skalierbar", sagt Niehage.

Die Hälfte der Beschäftigten hat einen technischen Background und arbeitet hier mit klassischen Bankern wie Ramon Hack zusammen. Er hat den  Stellenabbau bei der Commerzbank miterlebt und weiß, was heute gefragt ist. "Hier ist es so: Sie haben eine Idee, besprechen das mit dem Vorstand oder dem Geschäftsführer. Dann kann, wenn die Idee gut ist, das schnell umgesetzt werden", sagt Hack.

Welchen Nachwuchs sucht eine Branche im Umbruch?  

Die Zahl der Azubis geht zurück, seit dem Jahr 2000 um ein Drittel. Wir treffen angehende Bankkaufleute in einer Aschaffenburger Berufsschule. Die Lehrerin und gelernte Bankkauffrau Susanne Neger erklärt, wie sich das Anforderungsprofil an die neuen verändert. "Es werden vor allem Verkäufer eingestellt. Man merkt direkt, dass die Banken in erster Linie nicht mehr für die internen Abteilungen einstellen, sondern Leute für den Markt, die Produkte verkaufen sollen. Dementsprechend sind kommunikative Leute gefragt, die auf Leute zugehen können", sagt Neger.

Fazit:
Die Bankenwelt wird gerade durchgerüttelt wie noch nie. Im Vergleich zu anderen Branchen fallen die Mitarbeiter aber weicher.     

Autor: Steffen Clement

Stand: 24.11.2016 13:16 Uhr