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Teurer Müll – Wie Entsorger Kasse machen

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Teurer Müll - Wie Entsorger Kasse machen | Video verfügbar bis 23.11.2017

In der Gemeinde Sundern im Sauerland sorgt die Müllabfuhr derzeit für Unmut bei den Bürgern. Die Gebühren ziehen kräftig an. Ab Januar 2017 kostet die grüne Papiertonne 34 Prozent mehr. Die Restmülltonne wird 21 Prozent teurer. Für einen Zweipersonenhaushalt heißt das 45 Euro mehr pro Jahr.

"Plusminus" trifft Hans-Walter Becker von den Stadtwerken in Sundern. Fast 400.000 Euro mehr im Jahr müssen die Stadtwerke an den privaten Entsorger zahlen. Denn bei der aktuellen Ausschreibung gab es nur drei Bieter. Mit Remondis bekam, trotz der Kostenexplosion, der Günstigste den Zuschlag. "Jetzt haben wir nur noch drei ernstzunehmende Angebote. Es konzentriert sich wirklich nur noch auf einen Anbieter hier im Raum. Es hat eine Marktbereinigung stattgefunden, eine Konzentration auf wenige große Anbieter, die ihre Marktposition ausnutzen", sagt Becker .

Konzentration bei Müllkonzernen nimmt zu

Wie die Konzentration bei der Müllabfuhr zunimmt, zeigt beispielhaft die Region Hochsauerland. Wir ziehen einen Radius von 50 Kilometer um Sundern. In Kreuztal gibt es nur zwei Angebote bei Ausschreibungen. Der Gewinner ist Remondis. Ähnlich sieht es in Olpe und anderen Orten aus. In Eslohe gibt es gar keine Konkurrenz mehr. Die Gemeinde mit rund 9.000 Einwohnern hat 2015 die Müllabfuhr erstmals europaweit ausgeschrieben. Eslohes Bürgermeister Stephan Kersting (CDU) hoffte auf viele Angebote. Doch es kam ganz anders.

Regionale Konzentration Müllentsorger
Die regionale Konzentration der Müllentsorger

"Da haben wir überrascht festgestellt, dass wir nur noch einen einzigen Anbieter bei einer europaweiten Ausschreibung hinterher hatten. Das macht natürlich ärgerlich und auch wütend. Denn der Rat und der Bürgermeister müssen das am Ende des Tages den Bürgerinnen und Bürgern erklären", sagt Kersting. Auch hier holt Remondis den Hausmüll ab und kassiert dafür rund 30 Prozent mehr.

Was läuft falsch in der Müllbranche?

In den 90er-Jahren startet mit viel Euphorie die Privatisierungswelle bei der Müllabfuhr. Private Entsorger sollten das Geschäft günstiger betreiben. Deren Zahl aber schrumpft längst wieder. Björn Klippel, Unternehmensberater aus Mannheim, kennt das Müll-Geschäft. Er betreut mehr als 100 Kommunen. "Was wir jüngst beobachten ist, dass die Gründergeneration aus den 70er-Jahren langsam an die Ruhestandsgrenze kommt. Sie kaufen dann die überlebenden Großen, die noch überlebenden Mittelständler, einfach im Zuge des Generationswechsels auf", sagt Klippel.

In vielen Regionen ist nur noch ein großer Entsorger am Markt. Beim Restmüll zum Beispiel ist Remondis der Platzhirsch in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, in der Eifel und in Teilen Ostdeutschlands. Remondis Konkurrent in Mecklenburg-Vorpommern, Mittelhessen und Rheinland-Pfalz ist Veolia. Der französische Konzern Suez konzentriert sein Geschäft in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Alba hat sein Revier vor allem in Ostdeutschland.

Konzentration lässt Müllgebühren explodieren

Die Konzentration auf wenige Entsorger führt zu explodierenden Müllgebühren. Wie in Sundern, das jährlich rund 635.000 Euro an Remondis zahlt. Das sind 161 Prozent mehr als vorher. Vor der Kamera will sich Remondis zur Kostensteigerung nicht äußern, nennt aber schriftlich als Hauptgründe: "(...) Die flächendeckendere Einführung der Biotonne, die Einführung und Aufstockung des Mindestlohns sowie (…) notwendige Investitionen in Standortmodernisierung und neue Fahrzeugtechnik."

Tatsächlich kicken teure Investitionen in moderne Abfalltechnik immer mehr Mittelständler aus dem Markt. "Das ist ja heute ein Hightec-Bereich. Wir haben Chips in den Mülltonnen. Ein Unternehmer muss in Fahrzeuge und in Behälter Millionen investieren, um eine mittlere Kommune abzufahren", sagt der Unternehmensberater Klippel.

Kommunen nehmen Müllabfuhr wieder selber in die Hand

Zu wenig Konkurrenz, da nehmen Kommunen wie Neuwied in Rheinland-Pfalz die Müllabfuhr wieder selber in die Hand. Eine neue Ausschreibung hätte hier die Kosten um rund 40 Prozent nach oben getrieben. Deshalb erledigt Neuwied das Geschäft seit 2016 in Eigenregie im Verbund mit anderen Landkreisen. 20 neue Müllfahrzeuge wurden angeschafft und 40 neue Mitarbeiter eingestellt. Der Dezernent für Abfallwirtschaft Neuwied Achim Hallerbach ist sich sicher, dass die Rechnung langfristig aufgeht. "Wir haben mit Status heute, November 2016, voll den Kostenplan einhalten können. Für die Bürger heißt das keine Gebührensteigerung. Wenn wir ein großes Interesse daran haben, Gebührenstabilität und Entsorgungssicherheit zu gewährleisten, gehört die Abfallwirtschaft in kommunale Hände", sagt Hallerbach.

Rekommunalisierung Müllabfuhr
Kommunen fahren Restmüll wieder vermehrt selber ab.

Die Müllabfuhr zurück in kommunale Selbstverwaltung: Justus Haucap, Wettbewerbsökonom an der Universität Düsseldorf, bestätigt diesen Trend. "Wie so häufig in der Geschichte schlägt das Pendel mal in die eine Richtung und mal in die andere Richtung. Jetzt schlägt es gerade wieder in die Richtung, dass man mit den Privaten unzufrieden ist und rekommunalisiert", sagt Haucap.

Privater Sektor ist dennoch wichtig

Vor zehn Jahren sammelten 39 Prozent aller Kommunen den Restmüll noch selber ein. Aktuell sind es schon wieder 47 Prozent. Die Marktkonzentration bei privaten Entsorgern und die zunehmende Rekommunalisierung ist für den Müll-Experten Haucap ein Dilemma: "Wenn die Privaten erst mal weg sind, hat man gar keine Vergleichsmöglichkeiten mehr. Dann weiß man gar nicht, wie es effizienter gehen könnte. Von daher wäre es schon sehr wichtig, dass der private Sektor nicht komplett plattgemacht wird."

So oder so sitzen die Bürger in der Gebührenfalle. Private Entsorger schöpfen ihre Marktmacht voll aus und erhöhen die Preise. Dass Kommunen das Müllgeschäft wirklich besser beherrschen, ist mehr als fraglich.

Autor: Daniel Hoh

Stand: 24.11.2016 09:20 Uhr