SENDETERMIN Mi, 24.01.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

Versicherungs-Falle – Wenn der Beitrag durch die Decke geht

Versicherungs-Falle – Wenn der Beitrag durch die Decke geht | Video verfügbar bis 24.01.2019 | Bild: Das Erste

– Der Beitrag zur Berufsunfähigkeitsversicherung ist für einige Kunden stark gestiegen.
– Oftmals weisen die Versicherer nicht ausreichend auf die Gefahr steigender Beiträge hin.
– Rückläufige Zinsen und Krankheiten machen Versicherern zu schaffen.

Für WWK-Kunden begann das Jahr mit einem Schrecken. Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist plötzlich 40 Prozent teurer, ganz legal und womöglich der Anfang einer Preiserhöhungswelle in der gesamten Branche.

Erhöhung der Versicherungsbeiträge

Bei der WWK hat der Augsburger Andreas Häußler seine Berufsunfähigkeitsversicherung und die ist zum Jahreswechsel teurer geworden – um fast 40 Prozent. Er ärgert sich über diese Erhöhung, denn sie kam für ihn überraschend. Der selbständige Messtechniker hatte vor fünf Jahren die Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Zum Jahreswechsel kam ein Brief von der WWK, mit einer Beitragserhöhung von 1.089 Euro auf mehr als 1.500 Euro im Jahr.

"Gefährliche" Preisspanne in den Verträgen

Was ihm wie zehntausendenden WWK-Kunden zum Verhängnis wurde: In den Verträgen steckt eine gefährliche Preisspanne. Der Kunde zahlt zunächst den günstigen Netto-Beitrag – der ist aber nur die Untergrenze. Die Obergrenze ist der teure Brutto-Beitrag und nur dieser ist im Vertrag festgeschrieben. Das bedeutet: Geht es der Versicherung gut, gibt sie ihre Überschüsse direkt als Rabatt an den Kunden weiter. Gibt es aber weniger Überschüsse, sinkt dieser Rabatt und der Nettobeitrag steigt. Ohne Überschüsse sind Netto- und Bruttobeitrag sogar identisch.

Von der WWK hätten wir gerne gewusst, was da schief läuft – aber seit Wochen keinerlei Reaktion auf Mails und Anrufe. Aber können auch andere Versicherer die Beiträge in Zukunft erhöhen? Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg gibt da keine Entwarnung. Er geht davon aus, dass es in Zukunft Versicherer gibt, die ihren Beitrag erhöhen werden – und vieleicht auch massiv erhöhen müssen.

Rückläufige Zinsen, medizinischer Fortschritt und psychische Erkrankungen treiben Kosten in die Höhe

Den Grund dafür benennt die BaFin als Aufsichtsbehörde auf Anfrage von Plusminus: "Durch die rückläufigen Zinsen sinken die Erträge aus Kapitalanlagen, was sich unmittelbar auf die Überschüsse der Unternehmen und mithin die Überschussbeteiligung auswirkt. (…) Eine Reduzierung der Überschussbeteiligung führt somit direkt zu einem Anstieg der Beiträge."  

Was den Versicherern noch mehr zu schaffen macht, beobachtet "Morgen & Morgen", ein führendes Analysehaus für Versicherungstarife. Geschäftsführer Peter Schneider nennt zwei Volkskrankheiten als größte Kostentreiber. Bei Krebserkrankungen lebten die Menschen durch den medizinischen Fortschritt erfreulicherweise länger – das führe aber auch zu einem längeren Rentenbezug. Auch die psychischen Erkrankungen machten den Versicherern zu schaffen, weil das Krankheitsbild Burn-out zu mehr Leistungsfällen geführt habe.

Wie massiv die Versicherer bei Bedarf die Beiträge erhöhen könnten, zeigt der Vergleich für einen Musterfall: Bei der Versicherung Signal Iduna gibt es die größte Preisspanne: 41,37 Euro netto gegenüber 82,74 Euro brutto, dem maximalen Monatsbeitrag. Dies entspricht einer Steigerung um 100 Prozent. Bei der Interrisk sind es noch 89 Prozent, gefolgt von LV 1871 mit 85 Prozent. Im Durchschnitt aller Anbieter sind Erhöhungen um 47 Prozent in diesem Beispielfall möglich.

BU-Vergleich von Brutto- und Nettobeiträgen
BU-Versicherung: Vergleich von Brutto- und Nettobeiträgen | Bild: hr

Doch vom Risiko steigender Beiträge hat Andreas Häußler von seinem Berater bei Vertragsabschluss nur am Rande erfahren. Machen es wenigstens die freien Berater transparent? In einer Stichprobe zeigt sich, dass immerhin drei der fünf Berater auf die Gefahr steigender Beiträge hinweisen.

Brutto-Beitrag? Für den Kunden schwer zu durchschauen

Bei den Versicherungen selbst – wenn sie online werben – ist es mit der Transparenz schnell vorbei. Die Gothaer nennt nur den niedrigen Nettobeitrag. Bei den Vergleichsportalen, zum Beispiel bei "Check24", steht für alle Anbieter jeweils nur ein Betrag. Doch wo steht der höhere Brutto-Beitrag? "Die Ausweisung der Netto-Preise in der Ergebnisliste dient als reine Indikation und Orientierung für eine erste Einschätzung des Kunden.", antwortet "Check24" auf eine schriftliche Anfrage.

Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg meint, es sei auf keinen Fall verbraucherfreundlich, wenn nur der Nettobeitrag ausgewiesen werde und der Bruttobeitrag nur "irgendwann und irgendwo dann noch versteckt, genannt wird. Im Einzelfall sei zu prüfen, wie das rechtlich zu werten ist.

Die Gefahr steigender Beiträge ist so groß wie nie. Umso wichtiger ist es deshalb, dass die Branche transparenter wird.

Tipp für betroffene Kunden:
Peter Grieble von der Verbraucherzentale Baden-Württemberg rät, auf gar keinen Fall überstürzt den Vertrag zu kündigen. Es sei besser, in Ruhe zu schauen, ob es nicht die Möglichkeit gebe, sinnvoll zu wechseln. Dies sei oft möglich, wenn der Vertrag noch nicht lange läuft und der Versicherte gesund ist. Bei schon länger laufenden Verträgen sei eine Kündigung schon deshalb problematisch, weil oft der Gesundheitszustand schlechter geworden ist und man deshalb keinen Vertrag – oder nur einen sehr teuren angeboten bekomme. "Wenn ich einen Vertrag abschließe, sollte ich davon ausgehen, dass ich dort mein gesamtes Berufsleben bleiben werde."

Tipp für Neukunden:
Peter Schneider, Geschäftsführer des Analysehauses "Morgen & Morgen" würde als Verbraucher darauf achten, dass die Spreizung zwischen dem Netto- und dem Bruttobeitrag nicht zu hoch ist. Dafür gebe es Analysen und Programme: "Sind das 20 Prozent oder gar 60 Prozent? Das wäre für mich ein erstes Merkmal zur Einschätzung. Sollte der Nettobeitrag der günstigste im Markt sein, aber der Bruttobeitrag deutlich über dem anderer Marktteilnehmern liegen, dann ist in jedem Fall Vorsicht geboten."

Autor: Steffen Clement

Stand: 25.01.2018 12:48 Uhr

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