SENDETERMIN Mi, 06.06.18 | 23:15 Uhr | Das Erste

Discounter-Label – Woher soll so viel besseres Fleisch kommen?

PlayEine Mitarbeiterin sortiert abgepacktes Fleisch in einem Kühlregal.
Woher soll so viel besseres Fleisch kommen? | Video verfügbar bis 06.06.2019 | Bild: dpa / Patrick Pleul

– Discounter Lidl und Netto haben jeweils ein eigenes Herkunftssiegel für Fleisch entwickelt.
– Bei Stichproben waren nicht alle Haltungsstufen in den Märkten verfügbar.
– Verbraucherschützer fordern ein staatliches Siegel.

Ausgerechnet die Discounter, die mit billigem Fleisch ihre Kunden locken, werben mit eigenen Herkunftssiegeln für Transparenz und besserer Tierhaltung. Das Versprechen von Lidl oder Netto: Jetzt kann der Kunde entscheiden, welches Fleisch, aus welcher Tierhaltung er kauft. "Plusminus" nimmt die Kampagnen von den Discountern unter die Lupe und zeigt, dass tolle Labels allein noch kein Garant für besseres Fleisch sind.

Herkunftssiegel beim Fleisch: Lidl preschte im April vor. Netto zog einen Monat später nach. Keine Frischfleischpackung mehr, ohne dass drauf steht, was drin ist – und wie es gehalten wird. Die Discounter Lidl und Netto haben jeweils ein eigenes Label dafür entworfen. Es soll dazu dienen, Kunden bessere Orientierung über die Tierhaltung zu geben. Lidl nennt das "Haltungskompass", Nettos Kennzeichnung heißt "Haltungszeugnis". Beide Discounter haben sich gängige Kennzeichnungen zum Vorbild genommen und unterscheiden verschiedene Stufen:

Stufe 1 – Stallhaltung. Massentierhaltung, nach gesetzlichem Standard.
Stufe 2 – Stallhaltung plus. Mehr Platz, entspricht dem Tierwohllabel.
Stufe 3 – Außenklima. Vergleichbar mit dem Label des Tierschutzbundes.
Stufe 4 – Bio. Die Merkmale des EU-Bio-Siegels.

Trotz neuem Fleisch-Siegel kaum Verbesserungen bei der Tierhaltung

"Plusminus" schaut sich das Angebot näher an, und besucht 20 Märkte im Rhein-Main-Gebiet. Gibt es wirklich jedes Fleisch in allen Stufen? – Nein. Schnitzel finden wir nur in Stufe 1, der Massentierhaltung. Das ganze Hühnchen gibt es nur bei Stufe 3 – für mehr Tierschutz. Die Verbraucherzentralen kommen bei ihren Stichproben zum gleichen Ergebnis. In 13 Städten wurden Stichproben gemacht. Das Ergebnis: 95 Prozent des Fleisches stammten aus Massentierhaltung. So erklärt Klaus Müller vom Bundesverband Verbraucherzentrale: "Tatsächlich war das Angebot an tierschutzgerechtem Fleisch extrem überschaubar. Es gab nur die geringen Stufen an Verbesserungen. Wirkliche Verbesserungen – bis hin zur Bio-Qualität – haben die Kollegen meistens vergeblich gesucht."

"Plusminus" will wissen, warum das so ist, und fragt bei den Discountern nach. Netto antwortet nicht. Lidl schreibt: "Aufgrund komplexerer Lieferketten und schwierigerer Rückverfolgbarkeit, vor allem im Bereich "Schweinefleisch", sind aktuell lediglich Geflügelfleischprodukte mit Stufe 2 "Stallhaltung Plus" oder 3 "Außenklima" gekennzeichnet. Was aber sollen dann vier Haltungsstufen, wenn der Verbraucher sie nicht im Laden findet?

Nicht genügend Fleischlieferanten für alle Qualitätsstufen

Lidl und Netto sind offensichtlich vorgeprescht, ohne ausreichend Fleischlieferanten zu haben. Beim Hühnerfleisch gibt es zu wenig Mäster, die die unterschiedliche Qualität liefern könnten. Stufe 1 bei Lidl und Netto entspricht bei der Hühnerhaltung, der konventionellen Massentierhaltung – maximal 25 Hühner je Quadratmeter. Stufe 2 entspricht den Vorgaben der Initiative Tierwohl, und heißt: 23 Hühner, ungekürzte Schnäbel und zusätzlich Beschäftigungsmaterial. Die Stufe 3 – Kriterien entsprechen den Haltungsvorgaben des Tierschutzbunds, mit 18 Hühnern im Außenklima und  genfreiem Futter. Stufe 4 bedeutet Bio-Haltung, mit zehn Tieren und zusätzlich Zugang zu Grünflächen.

Im Laden zu finden ist bei der Stichprobe von "Plusminus" allerdings nur die Stufe 3 – nur ganze Hühner. Bei der Recherche stoßen wir auf Wiesenhof, den größten Hersteller für Geflügelfleisch in Deutschland – mit 4,5 Millionen Schlachttieren täglich, überwiegend in Massentierhaltung. Der Branchenriese hat aber den Trend erkannt, dass Verbraucher Fleisch aus besserer Haltung wollen. Seit sechs Jahren betreibt Wiesenhof sogenannte Privathöfe. Hier mästen Landwirte Hühner, die später unter dem Label  für mehr Tierschutz vermarktet werden. So wie Landwirt Geißler, im Landkreis Eichstätt, der auch für Lidl das Hühnerfleisch produziert. Für die Bessere Haltung bekommt dieser Bauer 30 Prozent mehr pro Kilo Huhn. Aber nach dieser Haltungsart gibt es gerade einmal 35 Mästereien in Deutschland.

Konventionelle Massentierhaltung beherrscht weiterhin den Markt

Tierhaltung bei Hühnern
Tierhaltung bei Hühnern | Bild: Das Erste

Noch beherrscht die konventionelle Massentierhaltung, mit 3.300 Höfen, den Markt. 2.200 Produzenten züchten nach Tierwohl-Kriterien und 345 sind Bio-Mäster. Kein Wunder also, dass sich in den Kühltheken, bei Lidl und Netto, kaum Geflügel mit besserer Tierhaltung  findet.

Huhn gibt es zu wenig – und beim Schwein hapert es an der fehlenden Produktionskette. Auch das Schweinefleisch von Bauer Martin Allmenröder landet bei Netto und Lidl. Er hat umgestellt, von Massentierhaltung auf Tierwohl, und hat 15.000 Euro dafür investiert. Mehrkosten, die er über Fördergelder zurück bekommt. Obwohl er nach diesem Standard mästet, finden wir sein Fleisch bei Lidl und Netto nur unter der niedrigsten Stufe 1. Der Grund: Transport und Schlachthof entsprechen nicht den Tierwohl-Kriterien. Solange die Kette, von der Geburt, bis zur Schlachtung nicht vollständig ist, bekommt Bauer Allemröders Fleisch nicht die Stufe 2, bei Netto und Lidl – und deswegen auch der Kunde nicht.

Schweine-Haltung nach Tierwohl-Kriterien
Schweine-Haltung nach Tierwohl-Kriterien | Bild: Das Erste

Die Schweinemast in Deutschland: Konventionell arbeiten 37.000 Höfe (Massentierhaltung). Nach den Tierwohl-Kriterien arbeiten 4.000 Betriebe, für mehr Tierschutz gerade einmal 44, Bio-Höfe gibt es 1.400. Will man weg von der Massentierhaltung, hin zu mehr Tierschutz, muss viel Geld investiert werden. Agrarökonom Harald Grethe hat für die Bundesregierung ausgerechnet, was mehr Tierschutz  bei der gesamten Fleischkette kosten würde. Das Gutachten geht davon aus, dass pro Jahr eine Investition von drei bis fünf Milliarden Euro nötig wäre, um die Nutztierhaltung deutlich zu verbessern. Letztendlich müsse man die Kosten aufteilen, zwischen staatlichen Mitteln und dem Verbraucher. Nach seiner Rechnung hieße es für den Kunden, zehn Prozent mehr beim Fleischeinkauf zu zahlen. 

Verbraucherschützer fordern staatliches Siegel

Solange es die Politik nicht ernst meint, nutzt der Handel allerdings die Lücke. So analysiert Klaus Müller, vom Bundesverband Verbraucherzentrale: "Der Handel macht Druck und die Wirtschaft überholt gerade die Politik – das kann eigentlich nicht sein. Es verwirrt die Verbraucher mehr, wenn sie bei jedem Supermarkt, bei jedem Handelsunternehmen, unterschiedliche Kennzeichnung sehen. Deshalb ist ein staatliches Tierwohllabel so wichtig."

Auch der Berater der Regierung, Agrarökonom Harald Grethe, findet, dass man mit Engagement, innerhalb eines Jahres ein Label entwickeln könnte – und in eineinhalb Jahren sogar schon die Waren auf den Markt hätte.

Das sieht das Landwirtschaftministerium ganz anders. Auf eine Nachfrage von "Plusminus",  wann das staatliche Siegel für Fleisch endlich  kommt, heißt es: "Bei Einhaltung des von der Ministerin vorgelegten, ambitionierten Zeitplans, ist es realistisch, dass Produkte mit Tierwohl-Kennzeichnung bis 2020/2021 in den Regalen sind."

Solange wartet der Handel nicht. Edeka teilt uns mit, dass sie gerade eine eigene Kennzeichnung prüfen. Der Discounter Aldi bestätigt, dass sie noch in diesem Jahr ein eigenes Fleischlabel einführen. – Verkehrte Welt.

Ein Beitrag von Barbara Berner

Stand: 07.06.2018 09:39 Uhr