SENDETERMIN Mi, 06.06.18 | 23:15 Uhr | Das Erste

Verpasste Chance – Warum die Impfung gegen Krebs kaum einer nutzt

PlayImpfung gegen HP-Viren
Warum die Impfung gegen Krebs kaum einer nutzt | Video verfügbar bis 06.06.2019 | Bild: Das Erste

– HPV-Impfung wirkt gegen Gebärmutterhalskrebs und andere Krebsvorstufen
– HP-Viren werden durch Geschlechtsverkehr übertragen
– Weltweit 207 Millionen Impfdosen verabreicht
– Impfrate in Deutschland liegt nur bei 42 Prozent
– Impfung auch für Jungen

Es war die medizinische Sensation im Kampf gegen Krebs. Vor genau zehn Jahren erhielt der deutsche Krebsforscher Harald zur Hausen den Nobelpreis für Medizin. Er entdeckte die Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen. Daraus resultierte der erste und bislang einzige Impfstoff gegen Krebs. Zehn Jahre später konfrontiert "Plusminus" den Forscher mit der Erkenntnis, dass in Deutschland kaum Mädchen und junge Frauen geimpft sind. Dabei ist dieser Krebs der dritthäufigste bei Frauen – Tausende erkranken jedes Jahr. Andere europäische Länder hingegen haben Impfquoten nahe 100 Prozent.

Jährlich 140.000 Operationen am Gebärmutterhals

Sabrina Scherbarth erkrankte mit 34 Jahren zum ersten Mal an Gebärmutterhalskrebs. 10 Jahre später noch einmal. Die Wiesbadenerin ist sich sicher: die  HPV-Impfung hätte sie davor bewahrt. Jährlich werden 140.000 Frauen wegen krebsverdächtiger Befunde am Gebärmutterhals operiert, 4.600 bekommen die Diagnose Krebs, ein Drittel stirbt daran. Dabei gibt es seit 2006 eine Impfung gegen diese Art von Krebs, doch bisher hat sie sich in Deutschland nicht durchsetzten können.

"Plusminus" besucht an der Charité in Berlin den Biologen und Immunologen Andreas Kaufmann. Er forscht seit 20 Jahren zu den HP-Viren-, den sogenannten "Humane Papillom-Viren". Sie sind die Auslöser für den Gebärmutterhalskrebs. "Wir haben heute eine Impfung, die ein Durchbruch in der Medizingeschichte ist. Eine Impfung gegen Krebs. Diese müssen wir nutzen, um zukünftige Generation zu schützen. Das wir das nicht ausreichend tun, treibt mich um. Wir riskieren Erkrankungen bei Menschen, die wir hätten retten können", erklärt Kaufmann.

Impfmüdigkeit in Deutschland

Die HP-Viren übertragen sich beim Geschlechtsverkehr, und so kommt fast jeder sexuell-aktive Mensch mit ihnen in Berührung. Umso erstaunlicher ist, dass eine Impfung, gerade in Deutschland, nicht funktioniert. – In dem Land, wo alles begann. Es war der Deutsche Krebsforscher Professor Harald zur Hausen, der den HP-Virus entdeckte. Dafür bekam er vor zehn Jahren den Medizin-Nobelpreis. Seine Entdeckung schuf die Grundlage zur Entwicklung des ersten und immer noch einzigen Krebsimpfstoffs. Doch zur Freude damals kam auch Frustration. "An diesem Tag, als ich den Nobelpreis empfing, kam in Deutschland ein Memorandum von 13 Gesundheitswissenschaftlern heraus, die sich negativ zu der Impfung äußerten. Das hat hier in Deutschland relativ früh zu einer verstärkten Impfmüdigkeit geführt", beklagt der Medizin-Nobelpreisträger.

HPV-Impfrate bei Mädchen
HPV-Impfrate bei Mädchen | Bild: Das Erste

Die Angst vor Impfschäden wirkt nach. Nicht einmal die Hälfte der Mädchen ist geimpft. Dass es auch anders geht, zeigen unsere europäischen Nachbarn.  Deutschlands Impfrate liegt gegenwärtig bei 42 Prozent. Dagegen wird in den Ländern Großbritannien (85 Prozent), Norwegen (83 Prozent), Portugal (83 Prozent), Schweden (77 Prozent), Österreich (75 Prozent) und auch in der Schweiz (63 Prozent) und Spanien (60 Prozent), mehr geimpft.

Warum Deutschland so nachhinkt

Das hat drei wesentliche Gründe. Erstens herrscht immer noch eine allgemeine Verunsicherung. Dazu beigetragen haben Meldungen über Todesfälle, aufgrund der Impfung. Später stellte sich allerdings heraus, dass es keinen Zusammenhang zwischen Tod und Impfung gab. Die Wissenschaftlerin Anja Takla, vom Robert Koch Institut, arbeitet für die Impfkommission und bestätigt, dass mittlerweile mehr als 207 Millionen Impfdosen weltweit gegen HPV verimpft worden seien und die WHO keine schweren, unerwünschten Wirkungen erkannt habe.

Der zweite Grund, warum es hier nicht funktioniert, ist die eigentliche Zielgruppe, Mädchen zwischen neun und 14 Jahren rutschen durchs Ärzteraster. Sie sind zu jung für den Gynäkologen und Kinderärzte haben die Impfung kaum im Blick, kritisiert Kinderarzt Christoph Bonhöft. "Das liegt daran, dass mit dem Eintritt ins Schulalter die üblichen Vorsorgeuntersuchungen rum sind, und die Eltern wenig Anlass haben, zum Kinder- und Jugendarzt zu kommen."

Der dritte Grund sind die Kosten. Die Krankenkassen zahlen zwar, aber nur bis zum Alter von 17 Jahren. Wer älter ist, muss die 470 Euro teure Impfung aus eigener Tasche zahlen.

Informationskampagne in Schulen

Impfung gegen HP-Viren
Impfung gegen HP-Viren | Bild: Das Erste

Von Hessen aus startete ein in Deutschland einzigartiges Projekt. Ein Netzwerk von Ärzten zieht seit zweieinhalb Jahren durch die Schulen und informiert über die Impfung. Nobelpreisträger Professor zur Hausen unterstützt das Projekt. Erste Ergebnisse sind vielversprechend. "Es hat sich gezeigt das die Schulprogramme die von Hessen ausgeführt wurden, ein schlagenden Erfolg zeigen. Die Impfraten, die vorher relativ niedrig waren, sind dann nach der Kampagne annähernd auf 80 Prozent gestiegen."

Und  je höher die Impfraten, umso niedriger die Erkrankungsraten bei den Krebsvorstufen. Auf diesen Zusammenhang, verweist HPV-Forscher Andreas Kaufmann. Auch Internationale Studien belegen das. "Wir wissen sehr genau, dass die direkte Krebsvorstufe verhindert wird." 

Die Impfung für Jungen

Während hierzulande noch um die Impfung der Mädchen gerungen wird, drängt die Wissenschaft schon auf den nächsten Schritt. Die Impfung für Jungen. Die war in Deutschland bislang überhaupt kein Thema. Nur wenige  Eltern, so wie Katja Tobiasz, lassen ihren Sohn impfen. Dabei sind gerade die Männer die Virus Überträger. "Männer im Alter zwischen 15 und 45 haben in der Regel weltweit mehr sexuelle Kontakte als Frauen, der gleichen Altersgruppe – und kommen vor allem als Überträger in Frage. Zum anderen kommen Krebserkrankungen auch bei Männern vor, die durch die gleichen Viren verursacht werden", erklärt der Nobelpreisträger Harald zur Hausen.

Noch fehlt die Impfung für die Jungen. Die Kommission prüft noch. Dabei geht es vor allem auch um Sicherheit. Voraussichtlich im Herbst, hat "Plusminus" erfahren, wird es eine Impfempfehlung auch für Jungen geben.

Kurz vor der Sendung erreichte uns die Information der IKK Südwest: Ab sofort ist die HPV-Impfung, bei dieser Krankenkasse, für Mädchen und Jungen – unabhängig vom Alter – kostenlos.

Ein Beitrag von Barbara Berner

Stand: 08.06.2018 18:12 Uhr