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Neuer Maut-Ärger – Wie deutsche Spediteure zu Verlierern werden

PlayLastkraftwagen fahren an einem Straßenschild mit dem Hinweis zur Lkw-Maut vorbei.
Wie deutsche Spediteure zu Verlierern werden | Video verfügbar bis 07.06.2019 | Bild: dpa / Ronald Wittek

– Lkw-Maut wird ab 1. Juli 2018 auf Bundestraßen erhoben
– Deutsche Spediteure kämpfen gegen die Dumpingpreise osteuropäischer Unternehmen
– Europaweite Ruhezeitenregelung bei Lkw-Fahrern schwer zu kontrollieren
– Verkehrsministerium rechnet mit 2,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen

Lkw-Maut ab Juli 2018 auf Bundestraßen

Auf den Bundesstraßen wird ab 1. Juli eine Lkw-Maut fällig. Für die Speditionsbranche ein harter Rückschlag – haben sich doch viele Unternehmen wegen osteuropäischer Dumpingpreise vom Fernverkehr auf regionale Kurzstrecken verlagert. Neben den Speditionen sind erstmals auch Handwerker und Baubetriebe betroffen. Zahlt der Verbraucher am Ende die Mehrkosten? Ein Branchenstück zur Mauterweiterung.

Blaue Säulen am Bundesstraßen-Rand: Die "Maut-Blitzer"
Blaue Säulen am Bundesstraßen-Rand: Die "Maut-Blitzer" | Bild: Das Erste

Eine blaue Maut-Säule steht an der Bundesstraße 7 zwischen Helsa und Hessisch-Lichtenau. Ab Juli zahlen Lkw, ab 7,5 Tonnen, auch auf allen Bundesstraßen. Die neue Maut sorgt für Ärger. Denn nach der Autobahn-Maut, ist jetzt auch die Maut für die Bundesstraßen fällig. Im ohnehin brutalen Speditionsgeschäft kommen nun auch kleine, mittelständische Betriebe unter die osteuropäischen Räder.

Deutsche Spediteure kämpfen gegen Dumpingpreise

Spediteur Jochen Eschborn hat seinen Standort in Alzenau. Seine 150 Lkw sind in ganz Deutschland unterwegs. Nur in Deutschland – denn aus dem europäischen Geschäft hat der Spediteur sich verabschiedet. "Da kommen wir nicht mehr mit. Bestimmte Linien können wir als deutsche Frachtführer nicht mehr anbieten." Man könne nicht nach Spanien, Rumänien oder in die Türkei fahren. "Das sind Linien, die fest in der Hand von osteuropäischen Frachtführern, mit anderen Kostenstrukturen, sind."

Harter Konkurrenzkampf unter Spediteuren
Harter Konkurrenzkampf unter Spediteuren | Bild: Das Erste

Für eine Fuhre nach Spanien berechnet ein deutscher Spediteur 2.400 Euro. Die Konkurrenz aus Osteuropa fährt die Strecke für 2.000 Euro. Der Grund dafür sind die Personalkosten. Der deutsche Spediteur kalkuliert für einen Fahrer 2.600 Euro brutto im Monat. Dazu gibt es 350 Euro Prämie für spritsparendes Fahren, 380 Euro Spesen und 670 Euro als Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben. Insgesamt sind das rund 4.000 Euro.

Eine osteuropäische Spedition zahlt insgesamt 1.800 Euro, das sind 2.200 Euro weniger, pro Fahrer, jeden Monat. Die Konsequenz für Spediteur Jochen Eschborn: "Wir konzentrieren uns auf das deutsche Geschäft, auf den Regionalverkehr, auf Teilladungsverkehre, – das ist unser Geschäft."

Transport-Branche boomt – harte Konkurrenz für deutsche Spediteure

"Plusminus" begleitet Peter Kamella, einem Fahrer der Spedition. Seit 45 Jahren ist er auf der Straße unterwegs. Diesmal geht es von Alzenau nach Stuttgart. Der Lkw-Fahrer ist fünf Tage die Woche unterwegs – am Wochenende dann zu Hause bei seiner Frau. Es ist sein Traumberuf, sagt er. Doch in den letzten 15 Jahren ist der Kampf auf der Straße härter geworden.

Die Transport-Branche boomt. Der Umsatz in Deutschland explodierte von 47 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf fast 100 Milliarden Euro bis heute. Immer mehr davon fahren osteuropäische Speditionen ein. Ihr Anteil verdoppelte sich im gleichen Zeitraum auf 35,1 Prozent – mit steigender Tendenz.

Ein "Leben" auf der Rastanlage

Manche osteuropäische Lkw-Fahrer "leben" auf der Raststätte.
Manche osteuropäische Lkw-Fahrer "leben" auf der Raststätte. | Bild: Das Erste

Eine Folge, osteuropäische Fahrer leben auf Raststätten – wie in Weiskirchen an der A3: Polen, Bulgaren, Rumänen und Litauer halten sich hier auf, wenn ihr Lastwagen stehen muss. Lkw-Fahrer Sergej aus der Ukraine zeigt "Plusminus" sein kleines Reich. Der Campingkocher steht mitten in der Fahrerkabine, der Kühlschrank befindet sich unter dem Schlafplatz. "Wenn ich an meinen russischen Lastwagen von früher denke, gab es so einen Schlafplatz nicht. Das ist schon Luxus hier." Ein Leben im Führerhaus – wochenlang auf deutschen Raststätten.

Dieses Nomadenleben dürfte es eigentlich gar nicht geben, denn seit einem Jahr gilt eine europaweite Ruhezeitenregelung. Sie schreibt vor, dass alle zwei Wochen 45 Stunden Pause gemacht werden muss – nicht im Führerhaus, sondern in einem Hotel oder einer Pension.

Europaweite Ruhezeitenregelung schwer zu kontrollieren

Doch diese Regelung funktioniert nicht. Das zuständige Bundesamt für Güterverkehr (BAG) ist machtlos. Das Problem sei, dass man nicht wisse, ob ein Fahrer gerade jetzt seine reguläre oder eine regelmäßige Ruhezeit mache. "Er hat keine Nachweispflicht, sondern wir müssen ihn auf frischer Tat ertappen.", erklärt Horst Roitsch, vom BAG. Die Regelung läuft so komplett ins Leere, bestätigt auch Jens Meisegeier, von der thüringischen Autobahnpolizei. Der Leiter der Lkw-Kontrolleinheit ist seit über 20 Jahren auf den Straßen unterwegs und kritisiert die Regelung der Arbeitsschutzvorschrift, denn die Kontrollmöglichkeiten seien sehr eingeschränkt. "Wir sind auf die Aussagen des Fahrers angewiesen", so der Polizist.

Rückzug aus dem internationalen- und nationalen Geschäft

Viele Speditionen ziehen sich nach dem internationalen-, sogar aus dem nationalen Geschäft zurück und fahren nur noch regional. Insbesondere diese Unternehmen trifft jetzt die neue Bundesstraßen-Maut. Zu den bisher 15.000 mautpflichtigen Autobahn-Kilometern kommen nun noch die Bundesstraßen-Strecken hinzu. Insgesamt wird die Maut nun auf 52.000 Kilometern fällig.

Unternehmer Ralf Brückmann aus Edermünde trifft das besonders hart. Seine Fahrer sind mit ihren Kipplastern auf Baustellen unterwegs, bringen und holen Material, rund um Kassel. Dieses Geschäft ist eng kalkuliert. Im Umkreis von 60 Kilometern um seinen Betrieb in Edermünde zahlt er zusätzlich zu den drei Autobahnen nun auch noch für zehn Bundesstraßen. Der Spediteur sieht nur die Möglichkeit, diese Mehrkosten weiterreichen. "Es kann nur der Endverbraucher zahlen."

Bund rechnet mit 2,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen

Letztendlich kommt die Lkw-Maut schließlich bei uns allen an. Der Staat profitiert davon, denn das Verkehrsministerium rechnet mit 2,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen – allein durch die Bundesstraßen-Maut. Der Protest der Spediteure bleibt ungehört. "Wir haben jetzt einen Milliardenbetrag im Verkehrshaushalt, der in Zukunft nicht zur Disposition stehen wird. Die Mehreinnahmen fließen direkt und zweckgebunden in den Ausbau unseres Straßennetzes.", heißt es aus dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI).

"Aber warum denn nur der Lkw? Und nicht auch Bus, Sprinter – oder auch der Pkw. Wir alle fahren auf den Straßen. Wir alle müssen uns an diesen Kosten beteiligen." meint Spediteur Jochen Eschborn. Die Pkw-Maut lässt – wenn sie überhaupt kommt – noch Jahre auf sich warten. Der Überlebenskampf der deutschen Spediteure wird derweil immer härter.

Ein Beitrag von Moritz Zimmermann

Stand: 07.06.2018 09:39 Uhr

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Mi, 06.06.18 | 23:15 Uhr
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Hessischer Rundfunk
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