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Risiko Zinswende: Was droht, wenn die lockere Geldpolitik endet?

Risiko Zinswende: Was droht, wenn die lockere Geldpolitik endet? | Video verfügbar bis 06.09.2018

Nach zehn Jahren ist die Zinswende so nah wie noch nie. Also: Vorsicht Zinswende! Denn der 'Einstieg in den Ausstieg' läuft. Aber wann gibt es wieder Geld fürs Geld? Professor Otmar Issing weiß, wie eine Zinswende geht. Issing hat die Euro-Einführung begleitet und war Chef-Volkswirt der EZB. Issing sagt zu "Plusminus":

»So sehr die Niedrigzinsphase eine starke Veränderung gegenüber der Vergangenheit war, so sehr wird nach dieser langen Zeit die Wende nach oben einen tiefen Einschnitt bedeuten. Darauf müssen sich die Anleger, die Märkte, die Welt erst einmal einstellen.«

Was kommt da auf uns zu? "Plusminus" zeigt die Folgen für Bankkunden, Banken, Unternehmen, den Staat und die Euro-Krisenländer.

Zinswende macht Hausbauer zu Verlierern

Die Immobilienkäufer und die Zinswende: Wer in einem Frankfurter Neubaugebiet als Käufer zugeschlagen hat, steht schon jetzt als Gewinner fest. Erst die Niedrigzinsen haben viele Wohnträume ermöglicht. "Wir haben zu einem niedrigen Zinssatz abgeschlossen. Insofern können wir ruhig schlafen, ganz egal, was jetzt noch passiert", sagt uns ein Käufer.

Höhere Zinsen für den Hausbau
Höhere Zinsen für den Hausbau

Mit der Zinswende werden Häuslebauer in Zukunft zu Verlierern. Im Schnitt leiht sich der Käufer 250.000 Euro. Insgesamt haben die Deutschen so 1,2 Billionen Euro Immobilienschulden. Ein Prozent höhere Zinsen und die Monatsbelastung würde um 210 Euro für den Durchschnittskredit steigen.

Tipp: Forward-Darlehen
Was also tun? Wer jetzt kauft, sollte sich die noch günstigen Zinsen für lange Zeit sichern. Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen hat aber auch einen Tipp für alle, die den Kredit erst später brauchen: "Wenn ich mit meiner Finanzierung schon vor zehn oder 15 Jahren angefangen habe, dann muss ich jetzt irgendwann refinanzieren. Da sollte man sich jetzt ein Forward-Darlehen sichern, damit es die niedrigen Zinsen, die es im Augenblick noch gibt, auch noch in zwei Jahren sichert. Das ist eine Wette auf die Zukunft. Bleiben die Zinsen niedrig, zahlt man ein bisschen zu viel. Aber es ist eine Wette, die man eingehen kann."

Staat wäre größter Verlierer

Der Staat wird in der Zinswende zum größten Verlierer. Von den Nullzinsen hat er am meisten profitiert. Da geht es um die größten Summen. Die Folgen einer Zinserhöhung um einen Prozentpunkt: Zwei Billionen Euro Schulden würden da für Mehrkosten von 20 Milliarden Euro pro Jahr sorgen.  Professor Timo Wollmershäuser vom Münchner ifo-Institut macht plastisch klar, was das heißt:

»Wenn man das mal in Relation setzt zu den 15 Milliarden, die gerade als Steuerentlastungen diskutiert werden, dann sieht man , wie schnell einem als Staat die verfügbaren Mittel verschwinden können, wenn es zu einer Zinswende kommt.«

Zinswende Staatsschulden
Der Staat wäre der größte Verlierer der Zinswende

Sparen lohnt sich wieder

In der Zinswende werden die fleißigen Sparer wieder zu Gewinnern – zumindest ein bisschen. Auf Tagesgeldkontoen oder Sparbüchern liegen 974 Milliarden. Steigen die Zinsen um einen Prozentpunkt, sind das statistisch 121 Euro mehr für jeden Deutschen im Jahr. Und was wird aus den Gebühren? Das kostenlose Konto haben die Banken über die Jahre abgeschafft. Aber auch da sei für uns Kunden Besserung in Sicht, sagt Bankexperte Professor Jan-Pieter Krahnen von der Frankfurter Goethe-Uni mit Blick auf all die Gebühren:

»Die werden erst einmal bleiben bei einer Zinswende, weil die Institute versuchen, die Einnahmequelle zu erhalten. Dann setzt der Wettbewerbsdruck wieder ein und die Gebühren werden dann so zurückgefahren, wie sie früher auch einmal gewesen waren.«

Zinswende Sparer
Sparer wären die Gewinner der Zinswende

Banken droht größtes Risiko

Zinswende Banken
Banken würden erst mal draufzahlen

Das größte Risiko bei einer Zinswende droht den Banken selbst. In der Übergangsphase zu höheren Zinsen geht es ans Eingemachte. Bankenexperte Krahnen sagt zu "Plusminus": "Wenn sich die Zinsen verändern, muss die Bank sofort mehr Geld an die Sparer bezahlen, aber erhält von den Unternehmen und Hausbesitzern erst viel später eine Preiserhöhung. In der Zwischenzeit verliert sie Geld im Rahmen einer solchen Zinswende." Diese Übergangsphase hat dramatische Folgen: Nach einem aktuellen Stresstest der Bankenaufsicht könnten 60, vor allem kleinere Institute, vor dem Aus stehen.

Unternehmen können Zinswende verkraften

Die Unternehmen können die Zinswende locker verkraften. Zwar kommen bei einem Kreditvolumen von 1,5 Billionen Euro Mehrkosten von 15 Milliarden auf die Firmen zu. Doch Konjunkturexperte Wollmershäuser sagt:

»Unternehmen sind eben nicht zu ihren Banken gegangen, haben da keine Kredite aufgenommen, um damit zu investieren, sondern sie haben das zum größten Teil aus Eigenmitteln gemacht. Das ist schon anders als in früheren Aufschwüngen. Das bedeutet dann natürlich bei der Zinswende, dass die Unternehmen vergleichsweise wenig belastet werden«

Zinswende Unternehmen
Belastung der Unternehmen wäre vergleichsweise niedrig

Zinswende träfe Krisenländer schwer

Die Krisenländer müssen die Zinswende fürchten. Für die angeschlagenen Staaten hat die EZB die Zinsen immer weiter gedrückt. Haben diese Länder die Zeit der Minizinsen genutzt? Obwohl die Konjunktur fast überall anzieht, sitzen die Krisenländer immer noch auf einem riesigen Schuldenberg. Deutlich macht das der Blick auf die Schuldenquote: Frankreich hat sich nicht verbessert. Spanien hat sich dramatisch verschlechtert und erst vor zwei Jahren die Kurve bekommen. Italien, ohnehin ein Rekordschuldenstaat, steht am schlechtesten da. Wollmershäuser sagt:

»Das heißt: Wenn internationale Anleger Italien Geld leihen wollen, dann verlangen sie dafür einen Risikoaufschlag. Und wenn die Zinswende kommt, und die Konjunktur weiterhin schlecht läuft und die Probleme im Bankensektor weiter bestehen, dann ist Italien überproportional stark von der Zinswende betroffen.«

Zinswende Eurostaaten
Die Staatsschuldenquote im Vergleich

Fazit: Egal wann die EZB die Zinswende beginnt und egal in welchem Tempo: Es gibt Gewinner, Verlierer und jede Menge Risiken.

Autor: Steffen Clement

Stand: 07.09.2017 08:57 Uhr