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Das Billionen-Risiko – Wie gefährlich sind die Target-Salden?

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Das Billionen-Risiko – Wie gefährlich sind die Target-Salden? | Video verfügbar bis 18.07.2019 | Bild: Das Erste

– TARGET ist ein Zahlungssystem zwischen den Zentralbanken in Europa
– Experten schätzen die Lage von Target-Salden unterschiedlich ein
– Target-Salden der einzelnen Länder laufen immer weiter auseinander

Die Forderungen der Bundesbank gegenüber der Europäischen Zentralbank – und somit den EU-Partnerländern – ist eine Zahl mit zwölf Nullen: fast eine Billion Euro. Kommt irgendwann der Tag der Abrechnung? Die Kluft zwischen Ökonomen bei der Antwort auf diese Frage könnte größer nicht sein.

Panikmache oder ernsthaftes Problem?

"Ein gigantisches Problem für Deutschland"
"Ein gigantisches Problem für Deutschland" | Bild: Das Erste

"Ein gigantisches Problem für Deutschland", – sagt das Lager von Professor Clemens Fuest, Präsident des Münchner ifo-Instituts. Professor Marcel Fratzscher, Präsident des DIW in Berlin, sagt "nein". Es gäbe keine Kosten für deutsche Unternehmen oder deutsche Steuerzahler. Das sei Panikmache, was hier viele im Augenblick machten. "Dass es kein Thema sein soll, wenn man bis zu einer Billion Euro an Forderungen verliert, das ist für mich schwer nachvollziehbar", entgegnet Professor Clemens Fuest vom ifo-Institut.

"Es gibt keine Kosten für deutsche Unternehmen oder deutsche Steuerzahler"
"Es gibt keine Kosten für deutsche Unternehmen oder deutsche Steuerzahler" | Bild: Das Erste

Wie kommen renommierte Experten zu so gegensätzlichen Einschätzungen? In Köln am "Flossbach von Storch-Institut" fragen wir Direktor Professor Thomas Mayer. Für ihn ist offensichtlich, was im Kern die beiden Lager trennt. "Die einen sagen: Der Euro ist bombensicher, es gibt kein Risiko, dass er jemals zerbricht. Die anderen sagen: Es gibt zumindest ein gewisses Risiko, dass ein Land rausgeht oder dass der Euro in Gänze zerbricht. Je nachdem, wo sie sich da hinstellen, schätzen sie diese T-Salden unterschiedlich ein."

"TARGET steht für Trans-European Automated Real-time Gross settlement Express Transfer system und ist das Zahlungssystem der Zentralbanken des Eurosystems für die schnelle Abwicklung von Überweisungen in Echtzeit." (Quelle: Deutsche Bundesbank)

Die Situation in Italien

Die Lage in Italien
Die Lage in Italien | Bild: Das Erste

Der Austritt eines Landes aus der Eurozone ist aber jetzt gerade ein Thema. Denn in Italien sind Eurokritiker an der Macht. Ausgerechnet in dem Land, das wirtschaftlich im Tabellenkeller der Eurozone steckt. Italien hat unter den 19 Euro-Ländern mit 132 Prozent die zweithöchste Schuldenquote und liegt beim Wirtschaftswachstum auf dem vorletzten Platz, mit 1,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote von 11,2 Prozent ist der drittschlechteste Wert. Die italienischen Banken haben elf Prozent fauler Kredite in ihren Büchern – nicht einmal Mittelmaß. Doch die eigentliche Gefahr droht woanders.

Sorge vor einem "italienischen Brexit“

Italien habe große wirtschaftliche Probleme, die man mit Reformen lösen könne. Mehr Sorgen mache er sich aber über die politische Situation, so Professor Clemens Fuest, vom Ifo-Institut. Das befürchtet auch Professor Marcel Fratzscher vom DIW: denn wenn die italienische Regierung die Idee habe, wie die Briten über den Verbleib in EU und der Eurozone abzustimmen – dann könne die Panik an den Finanzmärkten die Krise von 2008, nach Lehman-Brothers, deutlich übersteigen. – Wenn Italien den Euro verlassen sollte, dann muss eine Lösung für die Target-Verpflichtungen her.

Wie entstehen Target-Salden?

Ein Beispiel: Ein deutsches Unternehmen verkauft eine Maschine nach Italien. Der italienische Käufer gibt das Geld mit dem Zahlungsauftrag an seine Geschäftsbank, die gibt es weiter an die italienische Zentralbank "Banca d’Italia". Nun leitet die italienische Zentralbank die Transaktion weiter über die Europäische Zentralbank (EZB) an die Bundesbank in Deutschland. Damit der deutsche Hersteller sein Geld bekommt, geht der Zahlungsauftrag von der Bundesbank weiter an die Hausbank des Unternehmers. Von dort bekommt er das Geld für die verkaufte Maschine.

Zwischen den Zentralbanken fließt das Geld aber nicht physisch, sondern es entsteht auf Seiten der italienischen Zentralbank eine Verbindlichkeit, und auf Seiten der Bundesbank eine Forderung, gegenüber der EZB. Dort wird täglich alles gesammelt und verrechnet. Das Ergebnis sind die Target-Salden: Die Bundesbank im Plus, Italiens Zentralbank im Minus. Und was passiert damit, wenn Italien tatsächlich die Eurozone in Zukunft verlässt?

Professor Marcel Fratzscher vom DIW meint "Dann würde Deutschland eine massive Krise erleben. Weil viele Forderungen und Verbindungen der Unternehmen nicht mehr bestehen würden, würde hier die Arbeitslosigkeit durch die Decke schießen und die Einkommen zurückgehen. Da wären die T-Forderungen die letzte Sorge, die ich hätte". Ifo-Präsident Professor Clemens Fuest meint: "Wir müssten mit einer Finanzkrise rechnen. Aber in einer Finanzkrise kann man auch sagen – wenn man da obendrauf noch 500 Milliarden Euro verliert – macht das zusätzlich alles nur noch schlimmer."

Target-Salden laufen immer weiter auseinander

500 Milliarden Euro – so hoch sind fast die italienischen Target-Verpflichtungen gegenüber der EZB. Lange Zeit gab es diese großen Unterschiede nicht. Doch mit Beginn der Finanzkrise laufen die Target-Salden der beiden Länder immer weiter auseinander.

Nach der Beruhigung führen die Anleihekäufe der EZB zu neuen Höchstständen: Aktuell hat Italien ein Minus von 465 Milliarden Euro. Die Exportnation Deutschland ein Plus von 976 Milliarden Euro.

Und die Sicherheit?

Von Bedingungen wie bei Target kann ein Immobilienkäufer nur träumen. Bei ihm ist die Kreditsumme festgelegt, genauso wie die Frist für die Rückzahlung. Zinsen werden fällig, und als Sicherheit hat die Bank das Haus. – Dagegen ist bei Target die Summe grenzenlos. Es gibt weder Rückzahlungsfrist noch Zinsen. "Hier stehen Sicherheiten dahinter. Die werden zwar an Wert verlieren, aber den Forderungen steht etwas gegenüber.“, erklärt DIW-Präsident, Marcel Fratzscher. "Wenn ein Land aus dem Euro austritt, dann wird die Begleichung der T-Salden Gegenstand einer politischen Verhandlung sein. Besichert ist da gar nichts – es gibt nichts, auf was man sich da felsenfest verlassen könnte.", warnt Ifo-Instituts-Chef Clemens Fuest.

Das bedeutet: In so einem Fall wird es Verluste für die Bundesbank geben, nur die Höhe ist extrem umstritten. Am Ende könnten die Taget-Salden beim Steuerzahler landen. "Dann müsste die Bundesbank wohl einen Teil ihrer Forderungen an die EZB abschreiben. Das heißt, die Bundesbank würde Eigenkapital verlieren und das müsste der Steuerzahler langfristig über Steuergeld wieder aufbauen", erklärt Professor Thomas Mayer Flossbach, vom Storch Research Institute.

Weg vom Krisenszenario und mit optimistischen Blick in die Zukunft: Italien bleibt im Euro und die Währungsunion besteht für immer. Ist zumindest dann Target bedeutungslos? Schaut man auf die politische Debatte, dann drängt sich dieser Eindruck auf. Das Thema Target wird weitgehend gemieden.

Target-Salden als Fieberthermometer

"Die T-Salden sind so etwas wie ein Fieberthermometer. Wenn diese T-Salden auseinanderlaufen, wie wir es jetzt sehen, dann zeigt das, dass der Patient Euro nicht gesund ist. Um diesen Patient Euro gesund zu machen, wären schmerzhafte Eingriffe notwendig. Das will aber die Politik vermeiden, und ignoriert daher das Fieberthermometer.", erklärt Professor Thomas Mayer.

Die Temperatur wird steigen – das zumindest ist sicher: Noch in diesem Jahr werden die deutschen Forderungen die Billionen-Grenze übersteigen.

Ein Beitrag von Steffen Clement

Stand: 31.07.2018 12:11 Uhr

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Mi, 18.07.18 | 21:45 Uhr
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Hessischer Rundfunk
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