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Licht aus – Wenn in Deutschland der Strom ausfällt

PlayMit der Energiewende sind die Stromnetze extrem belastet.
Licht aus – Wenn in Deutschland der Strom ausfällt | Video verfügbar bis 24.01.2019 | Bild: dpa / Friso Gentsch

– Stromausfälle haben kostspielige Folgen für Unternehmen.
– Notstromaggregate sind Mangelware in vielen Industriebetrieben.
– Die Energiewende belastet die Stromversorgung.
– Das Bundesamt für Katastrophenhilfe mahnt zur Vorsorge.

Wir sind abhängig vom Strom wie nie, Industrie, Kommunen und Haushalte. Doch mit der Energiewende sind die Stromnetze extrem belastet. Kleine Störungen haben große Wirkung.

Als Orkan Friederike in der dritten Januarwoche über Deutschland fegt, fällt für 300.000 Menschen der Strom aus. Aber auch an ganz normalen Tagen kommt es zu Ausfällen – Strom weg und Licht aus. Wie am 16. November, morgens in Wiesbaden. Weil im Umspannwerk ein Schalter versagt, legt das die hessische Landeshauptstadt lahm. Ein Kurzschluss mit massiven Folgen – denn 290.000 Wiesbadener haben plötzlich für 25 Minuten keinen Strom mehr.

Stromausfall – Millionenschäden für Industrie

Das klingt nach einer kurzen Zeitspanne, hat aber für die Industrie gravierende Folgen: So sind zum Beispiel die Unternehmen im Wiesbadener Chemiepark von einer zuverlässigen Stromversorgung abhängig. Die Maschinen die dort zur Produktion eingesetzt werden benötigen zum Teil einen Tag Vorlauf, um wieder vernünftige Qualität zu liefern. Der Schaden beträgt diesmal 400.000 Euro. Beim Unternehmen Schott, auf der anderen Rheinseite, gibt es einen zweistelligen Millionenschaden. In den Brennöfen wird Glas für Cerankochfelder produziert, dafür wird sehr viel Strom benötigt.

Kaum Vorsorge – Notaggregate zu kostenintensiv

Trotz der großen Abhängigkeit von Strom sorgen Unternehmen in Deutschland kaum mit Notaggregaten vor. Deshalb hat schon ein kleiner Stromausfall gravierende Konsequenzen. Millionenschäden werden in Kauf genommen, weil alles andere noch teurer wäre, weiß der Chef des Industrieparkbetreibers infraserv, Peter Bartholomäus: "Das wäre so kostenintensiv und gerade bei energieintensiver Industrie, wie der Chemie, ist Wettbewerbsfähigkeit auch durch die Energiekosten gegeben." Deshalb könne man nicht doppelt und dreifach vorsorgen: "Das kann keiner mehr bezahlen", so Bartholomäus.

Energiewende belastet Stromversorgung

Stromversorgung durch Kraftwerke
Stromversorgung durch Kraftwerke | Bild: hr

Fest steht, dass das Stromnetz immer anfälliger wird. Laut TenneT, einer der vier großen Netzbetreiber, ist das Stromnetz wegen des starken Zubaus der Erneuerbaren Energie weiter extrem belastet. Die Stromversorgung habe sich vor allem durch die Energiewende verändert. Wo früher viel Strom gebraucht wurde, da stand meist ein großes Kraftwerk. Heute ist Strom umweltschonend, erneuerbar aber vor allem: dezentral. Die Wege sind viel länger geworden und wann es wie viel Strom gibt, ist schwankend. Der zweite große Netzbetreiber Amprion schreibt Plusminus: "Um das Netz stabil zu halten, müssen wir daher immer häufiger eingreifen."

Stromversorgung nach Energiewende
Stromversorgung nach Energiewende | Bild: hr

Wenn das Netz wackelt, kommt Hans-Peter Erbring mit seiner Firma Gridlab ins Spiel. Die Berliner bereiten Kommunen, Städte und Netzbetreiber auf den Ernstfall eines Stromausfalls vor. So mahnt der Unternehmer: "Das heutige Stromnetz in Deutschland und Europa wird, was seine Auslastung betrifft, ziemlich an den Grenzen gefahren – und zwar tagtäglich. Wenn wir früher eine Netzauslastung von 30-, 40-, oder 50 Prozent hatten, dann hätte uns eine Störung nicht so doll gejuckt." Doch kommt es zu einem Orkan, wie in der dritten Januarwoche, gelangt das ohnehin überlastete Netz an seine Grenzen.

Tag für Tag fällt in Deutschland 473 Mal der Strom aus

Von jetzt auf gleich ohne Strom. Einen Blackout hat Ochtrup im Münsterland bereits erlebt. Rund um die Kleinstadt knicken im Winter 2005, 83 Strommasten ein. 150.000 Menschen leben bis zu sechs Tage ohne Strom. Landwirt Thomas Ostendorf wird das nie vergessen. An jedem Jahrestag des Stromausfalls testet er seitdem sein Notstromaggregat. Im Stall sind gerade Ferkel geboren worden. Was hier ohne Strom passieren würde, ist klar. Der Bauer ist überzeugt: Wer den Ernstfall einmal erlebt hat, der sorgt vor. Er selbst hat immer 1.000 Liter Diesel in Reserve, die für fünf Tage reichen.

Schlecht gerüstet für den Blackout

Christoph Unger vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn sieht uns im Falle eines Blackouts schlecht gerüstet. "Wir sehen da auch unsere wesentliche Aufgabe, die Bevölkerung, die Gesellschaft, die Unternehmen und Behörden zu sensibilisieren. Häufig erfahren wir, dass es erst zu einem Ereignis gekommen sein muss, wie im Münsterland, dass die Leute aufwachen und sich vorbereiten." Deutschland habe zwar eine Reserve von 24 Millionen Tonnen Treibstoff, mit der im Ernstfall Notstromaggregate betrieben werden sollen. Nur ohne Strom kommt keiner an die Reserve. Der Treibstoff muss über stromgetrieben Aggregate aus den Tanks in einen Lkw gepumpt werden – die bei Stromausfall nicht funktionieren.

Kommt es tatsächlich zum Blackout, müssen Helfer von der Feuerwehr ran. Ralf Ackermann, Chef des Hessischen Feuerwehrverbands betont, dass die Vorsorge bei jedem Einzelnen mit Kleinigkeiten beginnt. Er rät sich darüber Gedanken zu machen, dass es im Ernstfall möglicherweise nicht so einfach ist, dann noch im Supermarkt einkaufen zu gehen und: "man eine Taschenlampe hat, die funktioniert."

Deutschlands Stromnetz wird immer anfälliger und zugleich sind Menschen und Industrie vom Strom abhängig, wie nie zuvor. Höchste Zeit sich auf den Fall der Fälle besser vorzubereiten.

Autor: Moritz Zimmermann

Stand: 25.01.2018 12:40 Uhr