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Türkei-Krise

Wie Unternehmen auf die Eskalation reagieren

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Türkei-Krise | Video verfügbar bis 26.07.2018

Deutsche Mittelständler, die ihr Türkeigeschäft zurückziehen. Türkische Unternehmer, die um ihre Existenz bangen oder Unternehmer, die für türkische Standorte keine Mitarbeiter finden: Die Auswirkungen der Krise sind krass.

Die Krise zwischen Deutschland und der Türkei trifft alle Firmen mit Verbindungen in die Türkei. "Plusminus" trifft einen Mittelständler, der schon eine radikale Kehrtwende vollzogen hat: Rolf Heinecke von der Firma Christmann & Pfeifer erklärt: "Für uns hat sich das Thema Türkei im Augenblick mit Sicherheit erledigt." Eine Firmengruppe mit türkischen Wurzeln fährt in der Türkei auf Sicht: Ali Yüzer, der Geschäftsführer der LY-Holding erzählt, kleine Investitionen würden noch gemacht, aber bei größeren Investitionen werde abgewartet. Und bei einer türkischen Bäckereikette hängt alles an der Türkei, erfahren wir von Yasin Polat von der Bäckereifiliale Simit Sarayi in Gießen: "Ohne Hoffnung geht es nicht weiter. Alles, was man nicht verlieren darf, ist die Hoffnung."

Das Büro in Istanbul ist schon dicht

Die Hoffnung auf das Türkeigeschäft hat die Stahlbau-Firma Christmann & Pfeifer im mittelhessischen Angelburg schon verloren. 1.000 Mitarbeiter, 150 Millionen Euro Umsatz – aber aus der Türkei wird in Zukunft kein Cent hinzukommen. Dabei haben sie in Istanbul vor fünf Jahren mit viel Hoffnung ein Vertriebsbüro eröffnet. Gerade eben wurde es geschlossen. Das Türkeiabenteuer hat Firmenchef Rolf Heinecke eine halbe Million Euro gekostet. Schon nach dem Putschversuch vor einem Jahr kamen ihm die ersten Zweifel: "Es hat sich sukzessive, von Mal zu Mal, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat herauskristallisiert und heute gibt es in unserem Haus überhaupt keine Zweifel mehr, dass es der richtige Schritt war, sich aus der Türkei zurückzuziehen."

Das eigene Büro in Istanbul ist schon mal dicht. Und die Brücken sind jetzt sogar komplett abgebrochen. Denn von hier aus startet kein einziger Mitarbeiter mehr in das frühere Partnerland – allenfalls im Privaturlaub, erzählt Heinecke: "Es gibt hier in unserem Hause eine klare Anweisung, keine Dienstreisen in die Türkei anzutreten. Und zwar ganz wesentlich aus den Sicherheitsgründen."

Auf die Arbeit konzentrieren…

Die Türkei ist dagegen bei der Bäckerei-Kette Simit Sarayi Kern der Firma. "Plusminus" besucht eine Filiale. Das Unternehmen ist eine ganz große Franchise-Nummer aus der Türkei mit 10.000 Mitarbeitern in weltweit 400 Filialen. Über die politische Situation in der alten Heimat will Geschäftsführer Yasin Polat von der Bäckereifiliale Simit Sarayi, Gießen, nicht sprechen. Das gilt nicht nur fürs TV-Interview: "Wir verkaufen keine Politik oder Meinung hier, sondern wir verkaufen hier türkische Waren, die aus der Türkei geliefert worden sind."

Die Leckereien, so regelt es der Vertrag mit dem türkischen Franchise-Geber, werden ihm nach Deutschland geliefert. Aber was passiert, wenn das nicht mehr klappt? Niemand weiß, ob es mal zu Handelsbeschränkungen kommen wird. So groß die Sorge auch ist, der Investor Polat will sich davon nicht verrückt machen lassen: "Natürlich kommt die Frage, ob irgendwann eine Störung bei der Lieferung auftaucht. Aber jeden Tag mit der Angst zu leben, stört unseren Tagesablauf. Wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren."

Beträchtliche Zusatzkosten

Im hessischen Michelstadt ist die Störung schon angekommen. Die LY-Holding führen deutsche und türkischstämmige Geschäftsführer gemeinsam. 1.600 Mitarbeiter produzieren Verpackungen oder Gummiteile. 10 Prozent des Jahresumsatzes von 85 Millionen Euro machen die 200 Mitarbeiter in der Türkei. Geschäftsführer Ali Yüzer stieß gerade auf eine absurde Situation, als er diese Verpackungsmaschine direkt in der Türkei einem deutschen Kunden übergeben wollte. Yüzer erzählt: "Das ist eine Maschine, die wir eigentlich gemeinsam in der Türkei abnehmen wollten. Doch der deutsche Partner hat es abgelehnt, mit mir in die Türkei zu fahren. Wir mussten dann also die Maschine nach Deutschland bringen und aufstellen, um die Abnahme hier in dem Werk durchzuführen. Das sind natürlich doppelte Kosten für uns."

10.000 Euro Zusatzkosten allein in diesem Fall. Solche Schwierigkeiten konnte sich bisher niemand vorstellen. An große Investitionen in der alten Heimat ist derzeit nicht zu denken. Und selbst wenn die Holding wollte – die deutschen Partner ziehen viel schneller die Reißleine, weiß Yüzer: "Wenn wir mit deutschen Partnern gemeinsam investieren wollen, dann besteht die Gefahr, dass die sagen: Wir wollen lieber nicht. Das bedeutet dann automatisch, dass wir nicht vor Ort gemeinsam investieren können."

So unterschiedlich die Situation für all die Firmen auch ist – am Ende macht sie der Konflikt alle zu Verlieren.

Autor: Steffen Clement

Stand: 27.07.2017 12:04 Uhr

Sendetermin

Mi, 26.07.17 | 21:45 Uhr
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Diese Sendung wurde vom
Hessischen Rundfunk produziert.