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Neustart 2016: Infrastruktur

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Neustart 2016: Infrastruktur | Video verfügbar bis 12.01.2017

Und noch ein zentrales Thema: Die Zukunft der öffentlichen Infrastruktur. Man sieht jeden Tag, dass es an vielen Stellen bröckelt. Deutschland lebt schon lange von der Substanz. Auch hier ist es höchste Zeit für einen Neustart.

Kaputte Straßen, marode Schulen

Mit der Infrastruktur hat Oberbürgermeisterin Wohlgemuth echte Sorgen. Viele Straßen haben Schlaglöcher. Eine Brücke musste gesperrt werden. Das führt jeden Tag zu neuen Staus. Die knapp 30 Schulen sind in die Jahre gekommen und sanierungsbedürftig. Das gleiche gilt für das Krankenhaus. Die Bürger schimpfen über die vielen Staus in der Stadt. Doch obwohl immer wieder versprochen, hat Musterstadt den Öffentlichen Personennahverkehr nicht ausgebaut. Im Gegenteil: Busse und die Straßenbahn sind verschlissen. "Es war einfach kein Geld da“, sagt die Bürgermeisterin.

Folgeschäden: wer heute spart, zahlt morgen doppelt

Kaputte Straßen und Brücken für Eisenbahnen und Autos. Die Schiersteiner Rhein-Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden ist nur das bekannteste Beispiel. Probleme auch bei Straßen- und U-Bahnen. In Duisburg müssen Kunden in den Bus umsteigen, weil Bahnen marode sind. Die Schaltzentrale: Wie aus einem Technik-Museum.

Das Geld, das heute eingespart wird, muss man morgen doppelt und dreifach aufbringen, um die Folgeschäden zu beheben. Der Investitionsstau in den Kommunen: Über 130 Milliarden Euro. Visionen für die Zukunft: meist Fehlanzeige. Da muss dringend etwas passieren, sagen Forscher. Das falsch gesparte Geld von heute sind die verschenkten Chancen von morgen. Beim Projekt "Morgenstadt" im Fraunhofer-Institut Stuttgart geht es um die Zukunft der Infrastruktur.

Alexander Rieck ist weltweit unterwegs, plant auch mal ganze Stadtteile neu. Frische Ideen für mehr Lebensqualität müssen nicht automatisch teuer sein. Beispiel: Gemüseanbau mitten in der City. Neudeutsch: "Urban gardening".  "Wir sehen Entwicklungen wie in Berlin, wo das Urban gardening stärker Fuß fasst. Und da sehen wir natürlich schon die Möglichkeit, Und da sehen wir natürlich schon die Möglichkeit, wie man eine Straße, wie die Karl-Marx-Allee, vielleicht neu denkt, wo wir natürlich nicht die ganze Stadt abreissen wollen, weil wir gerade eine neue Technologie oder eine neue Entwicklung haben, sondern sich schon die Frage für uns stellt, wie wir daraus eine lebenswerte Stadt generieren können. Wir fahren viel Rad. In Berlin sehen wir beispielsweise, dass das Rad extrem stark im Kommen ist. Und das sind Entwicklungen, die eigentlich ganz modern sind und die eine Stadt von innen heraus anfangen zu verändern“, erklärt Alexander Rieck.

Wien bei ÖPNV und Wohnungsbau vorbildlich

Ortswechsel: Wien. Nicht nur beim Wohnungsbau, auch beim Nahverkehr ist die Stadt Vorbild. 39 Prozent aller Wege werden inzwischen per Bus und Bahn zurückgelegt. Keine deutsche Stadt hat einen so hohen Anteil. Der Verkehrsplaner Hermann Knoflacher ist einer der Väter des Erfolgs. Wien hat die Straßenbahn nicht abgeschafft wie viele deutsche Kommunen, sondern modernisiert. Der Anteil der Fahrgäste hat sich glatt verdoppelt.

"Das Auto wird auch als parkendes Auto aus den Straßenräumen verschwinden müssen. Das heißt: In den Straßenräumen wird man sich wieder sicher und frei bewegen können, die Kinder werden wieder Fußball spielen wie es seinerzeit war, als ich als Student nach Wien gekommen bin. Es entstehen Sozialbeziehungen und es entstehen wieder Geschäfte", resümmiert Hermann Knoflacher.

Für einen Euro am Tag Bus und Bahn fahren

Fast revolutionär das Tarifsystem. Eine Jahreskarte kostet nur noch 365 Euro. Einen Euro pro Tag. Jeder dritte Wiener besitzt heute eine Dauerkarte. Die Taktzeiten: kurz. Die Linien: pünktlich. Und die Leute sind zufrieden. Davon kann man in vielen deutschen Städten nur träumen.

Die Straßenbahn hat Vorfahrt. In fast allen Bezirken wird eine Parkgebühr erhoben. Aber die Bürger bekommen auch etwas dafür: Die Einnahmen fließen direkt in die Straßen- und U-Bahnen.

"Damit kommt Geld in die Kassen, und mit diesem Geld kann ich die Stadt umbauen. Und wenn ich die Stadt umbaue, brauche ich nicht mehr politisch zu befürchten, dass die Bürger mich abwählen, weil an den guten Beispielen bekommen sie einen Geschmack dafür, wie die zukünftige Stadt aussehen kann. Und das möchte dann jeder haben, denn jeder Mensch ist froh, wenn sich seine Kinder in einem sicheren Umfeld bewegen, wenn er reine Luft atmen kann, wenn er die Fenster zur Straße öffnen kann", erläutert Hermann Knoflacher.

Radfahrverkehr mit Potenzial

So könnte ein Neustart aussehen: Wenn der öffentliche Verkehr optimal läuft, können viele auf ein eigenes Auto in der Stadt verzichten.

Auch der Radverkehr bietet noch viel mehr Chancen.  Ein Vorbild: Die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Mehr als jeder dritte Weg wird hier auf zwei Rädern zurückgelegt, nur ein Viertel mit dem Auto. Die Stadt ist neben Amsterdam die radlerfreundlichste Europas. Es gibt sogar Fahrradhighways und eine grüne Welle für Radfahrer. Zukunftsfähige Städte müssen finanziell besser ausgestattet werden, und auf Lebensqualität für alle setzen statt auf überteuerte Prestigeobjekte. Das löst auch private Investitionen aus und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Stadtplaner Alexander Rieck sieht das so: "Die Stadt ist nicht für die Technologie da, sondern sie ist dafür da, dass die Menschen eine Chance sehen in einer lebenswerten Umgebung. Die viel größere Frage wird sich deshalb für uns stellen, welche Gesellschaftsmodelle und Arbeitsmodelle wir anhand der neuen Technologien und den Möglichkeiten der Technologien entwickeln werden.“

Die vorhandene Bausubstanz bietet enorme Möglichkeiten. Aber sie darf nicht weiter verfallen. Dann kann auch aus einer Karl-Marx-Alle eine lebenswerte Umgebung werden.

Wiener Linien

Zahlen, Daten und Fakten

http://www.wienerlinien.at/eportal3/ep/programView.do?pageTypeId=66528&channelId=-47395&programId=67199

Stand: 13.01.2016 23:10 Uhr

Sendetermin

Mi, 13.01.16 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.