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Krankenkassen

Knausern bei Hilfsmitteln, klotzen bei Wellness-Reisen

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Krankenkassen - Knausern bei Hilfsmitteln | Video verfügbar bis 16.02.2017

Schlank, sportlich und gesundheitsbewusst – diese Kunden werden von Krankenkassen bestens umsorgt. Im Wettbewerb um Mitglieder werden sie mit Wellness-Reisen, Akkuschraubern oder Fitnessarmbändern gelockt. Ganz anders sieht es bei Versicherten aus, die auf Hilfsmittel, wie etwa Inkontinenzwindeln oder Rollstühle, angewiesen sind. Immer häufiger müssen sie um eine angemessene Versorgung kämpfen. Plusminus über eine absurde Fehlentwicklung des Systems.

Kampf um Hilfsmittel

Inkontinenzwindeln
Inkontinenzwindeln müssen passen

Seit 18 Jahren ist Beate N. ein Pflegefall. Nach einer schweren Hirnblutung kann sie nicht mehr sprechen und braucht bei allem Hilfe. Ihr Mann versorgt sie rund um die Uhr, macht das auch gern. Doch ihn nervt der Kampf mit der Krankenkasse um die notwendigen Inkontinenzwindeln. Davon werden rund 180 Stück pro Monat benötigt. Ständig kommen jedoch andere Windeln, da die DAK die Windelversorgung regelmäßig neu ausschreibt. Dieses Recht räumt ihr der Gesetzgeber ausdrücklich ein. So sollen Kosten gespart werden. Die Qualität wird jedoch immer schlechter, stellt Joachim N. fest. Zwischenzeitlich war sie so schlecht, das eine Prägung der Windeln in die Leiste seiner Frau schnitt, bis es blutig war.

Windeln, die mehr schaden als helfen, sind aber nicht die einzige Schwierigkeit, mit der er zu kämpfen hat. Als die DAK nach einer neuen Ausschreibung den Lieferanten wechselt, gehen die Windeln sogar aus. Plötzlich werden keine Windeln mehr geliefert.  Joachim N. muss die Windeln selbst kaufen, sechs Monate lang.  Kosten: über 200 Euro jeden Monat. Dann werden von der DAK für den ersten Monat 35 Euro erstattet. Schließlich schaltet er einen Anwalt ein. Erst später entschuldigt sich die DAK und erstattet das Geld, nicht aber die Anwaltskosten.

Grundversorgung nicht mehr gewährleistet?

In Deutschland sind rund fünf Millionen Menschen von Inkontinenz betroffen. Die Beschwerden über die Windelqualität wurden zuletzt immer massiver. Zwei Drittel der Betroffenen zahlen inzwischen zu. Das ergab eine Studie der Zeitschrift "Welt der Krankenversicherung". Die DAK beispielsweise übernimmt im Allgemeinen nur 12,50 Euro pro Monat für die Windelversorgung. Für Vertreter von Sozialverbänden wie den Vorsitzenden des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Prof. Rolf Rosenbrock, ein Skandal: "Also zunächst einmal muss man sagen, dass für Menschen mit Inkontinenz eine Versorgung mit qualitativ hochwertigen Windeln zur medizinischen Grundversorgung gehört und es deshalb inakzeptabel ist, wenn da Unterbrechungen oder Herstellerwechsel und sonstige Unzuverlässigkeiten in der Belieferung und Versorgung auftreten."

Die Kassen drücken die Kosten und die Verantwortung für die Qualität schieben sie ab. So schreibt uns die DAK: "Bei nicht ausreichenden Produkten muss der Lieferant nachbessern und ein anderes Produkt zur Verfügung stellen."

Wellnessprogramme für Gesunde

Bei Schwerkranken wie Beate N. sparen die Kassen. Gesunde Versicherte hingegen bekommen Prämien spendiert. Wer etwa regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen geht und ein bisschen Sport treibt, wird schon mal mit einem Akkuschrauber oder einer Digitalkamera belohnt.

Knausern bei Hilfsmitteln für Kranke

Elektronische Laufhilfe
Die Elektronik könnte helfen

Mit solchen Prämien für Gesunde lockt auch die AOK Nordost, bei der auch Paul G. versichert ist. Er hat von solchen Prämien jedoch gar nichts, denn er leidet seit an Multipler Sklerose. Inzwischen kann er den linken Fuß nicht mehr richtig bewegen. Jeder Teppich wird für ihn zur Stolperfalle. In einem Sanitätshaus probiert er eine spezielle Elektronik für 6.000 Euro aus. Er ist begeistert, denn endlich kann er seinen Fuß wieder heben.

Einfaches soll reichen

Einfache Orthese statt elektronischer Hilfe
Einfache Orthese statt elektronischer Hilfe

Doch die AOK Nordost möchte dieses Hilfsmittel nicht zahlen, noch nicht einmal einen Zuschuss. Aus medizinischer Sicht nicht notwendig, so die Begründung. Stattdessen soll Paul G. eine einfache Orthese für 800 Euro tragen. Doch diese hat bei Weitem nicht den gleichen Nutzen.

Obwohl Patienten wie Paul G. einen Anspruch auf Hilfsmittel haben, ist es immer schwieriger geworden, moderne Hilfsmittel von den Kassen genehmigt zu bekommen. Im ersten Anlauf werden viele Anträge abgelehnt. Kranke Menschen, die eigentlich angemessen versorgt werden sollten, müssen mühsam kämpfen. Gesunde und Fitte hingegen werden von den Kassen mit Zuschüssen für Apple Watches oder fürs Fitnessstudio umworben.

Fehler im System

Prof. Rolf Rosenbrock, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands meint dazu: "Hier liegt ein Fehler im System. Der Gesetzgeber hat die Krankenkassen zueinander in Wettbewerb gesetzt. Und in diesem Wettbewerb sind für die Krankenkassen junge und gesunde, gutverdienende Versicherte sehr viel interessanter als kranke und alte Menschen. Und deshalb sind die Krankenkassen anreizgerecht zu jungen und gesunden Versicherten sehr viel großzügiger als für kranke Menschen."

Krankenkassenkarten
Krankenkassen kämpfen um Mitglieder

Bei der IKK beispielsweise dürfen die Versicherten in den Wellnessurlaub im 4-Sterne-Hotel, für einen kleinen Eigenanteil. Zwei Gesundheitskurse müssen dort allerdings besucht werden. Experten bezweifeln, dass das Geld der Krankenkassen hier sinnvoll angelegt ist, so auch Prof. Ingrid Mühlhauser, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Hamburg: "Es gibt eben sehr viele von diesen Maßnahmen, die hier angeboten werden und um die hier geworben wird, die keinen Nutzen haben. Die wissenschaftliche Beweislage hierfür ist schlecht oder das, was wir haben an Daten spricht dagegen, dass man es überhaupt durchführt."

Der Patientenbeauftrage der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, sieht dennoch keinen Anlass, etwas am Bonussystem der Krankenkassen zu ändern. Nur bei Hilfsmitteln, wie Windeln, sieht er Handlungsbedarf und will die Krankenkassen jetzt unter Druck setzen: "Weil die so schludrig gearbeitet haben, um das mal ganz deutlich zu sagen, finde ich, muss der Gesetzgeber jetzt einfach das Gesetz schärfen, dass der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen gezwungen ist, ständig die sogenannte Heilmittel- und Hilfsmittelrichtlinie zu überarbeiten."

Langer Atem ist nötig

Bis es soweit ist, geht der Kampf um die Hilfsmittel weiter. Paul G. hat sich eine Rechtsanwältin beauftragt. Joachim N. hat die passenden Windeln für seine Frau bekommen, doch dass es so ein langer Kampf sein würde, hätte er nie für möglich gehalten.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen hat nun angekündigt, die Anforderungen bei Inkontinenz-Windeln zu überarbeiten – nach 23 Jahren.

Stand: 18.02.2016 11:59 Uhr