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Landflucht – Wie der Staat mit Jobs hilft

Landflucht – Wie der Staat mit Jobs hilft | Video verfügbar bis 08.11.2018

– Die Politik soll mittels Behördenverlagerung Arbeitsplätze in strukturschwache Regionen bringen. In Bayern gibt es beispielsweise den "Heimatplan".
– Bis 2020 will das Land 50 Behörden und Universitäten mit insgesamt 3.155 Plätzen verlagern.
– Arbeitsplätze üben einen Multiplikationseffekt aus und können weitere Ansiedlungen von jungen Unternehmern anziehen.
– Neben Hessen und Bayern arbeiten auch schon Behörden in Sachsen und Brandenburg an einer Verlagerung.

Landflucht – Welche Lösungen gibt es?
Landflucht – Welche Lösungen gibt es?

Abgehängte Regionen auf dem Land sollen in Deutschland bald Vergangenheit sein. Als strukturschwach gilt inzwischen fast jeder dritte Landkreis. In den Großstädten dagegen boomt es: 1,4 Millionen Menschen zogen in den letzten Jahren vom Land in die Stadt. Alle wollen in die deutschen Big 7: Frankfurt, Stuttgart, München, Berlin, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Und deshalb scheint auf dem Land nur noch zu bleiben, wer muss. Seit Jahren rückläufige Bevölkerung – hier geht kaum noch etwas.



Das soll sich nun ändern. Die Politik bringt Arbeitsplätze in die Region, und zwar ihre eigenen. Behördenverlagerung heißt das Zauberwort, für Beamte heißt es ab aufs Land. So wie hier in der Kleinstadt Lauterbach in Hessen. Ab nächstem Jahr kommen 120 Arbeitsplätze. Die Zentralstelle für Grunderwerbssteuer wird neu aufgebaut. Die Vogelsberger sind jedenfalls begeistert: Das könne nur positiv sein für eine Kleinstadt, jeder Arbeitsplatz sei wichtig, meint ein Anwohner. Der Bürgermeister von Lauterbach, Rainer-Hans Vollmöller, freut sich über mehr Menschen in der Innenstadt und sieht Chancen, "... dass Leute, die einpendeln, dann auch dauerhaft hier ihren Wohnsitz nehmen."

Ein Heimatplan für Bayern

Denn das ist das Ziel im strukturschwachen Vogelsbergkreis. Seit Jahren werden die Menschen hier weniger und die Prognose für 2030 sieht auch nicht gut aus. Demnach soll es 10 Prozent weniger Arbeitsplätze geben und 21 Prozent der jungen Erwachsenen den Landkreis verlassen. 



In Bayern gibt es die Idee mit dem "Heimatplan" schon länger. Bis 2020 will das Land 50 Behörden und Universitäten mit insgesamt 3.155 Plätzen verlagern. So wie hier in Tirschenreuth, nahe der tschechischen Grenze. Aus Regensburg ist das Amt für ländliche Entwicklung hingezogen – mit 130 Arbeitsplätzen. Einer davon Karsten Heßing. Der Landvermesser ist mit seiner Familie nach Tirschenreuth gekommen. Die Großstadt Regensburg vermissen sie nicht: "Man ist auf dem Land, hat Natur um sich herum und trotzdem hat man alle Möglichkeiten. Wir sind in zwei Minuten in jedem Einkaufsladen, jedem Discounter. Das ist das Schöne am Land."

Das bayerische Tirschenreuth hat ein Amt bekommen und damit stark hinzugewonnen.
Das bayerische Tirschenreuth hat ein Amt bekommen und damit stark hinzugewonnen.

Die meisten Kollegen aus Regensburg wollten nicht in die Provinz und sind in den Ruhestand gegangen oder haben den Job gewechselt. Der passionierte Koch hat für sich aber das Beste aus der Situation gemacht. Das Leben hier findet er auch viel günstiger als in der Großstadt, weiß Heßing: "Der Euro ist in München noch 70 Cent wert und in Tirschenreuth 1,30. Mit Sicherheit haben wir hier Lebenshaltungskosten die mit München oder Hamburg nicht zu vergleichen sind."

Grüner und günstiger

Vergleicht man die Immobilienpreise Regensburg und Tirschenreuth, so bekommt man hier schon ein Haus mit 120 Quadratmetern für 239.000 Euro. In der Stadt kostet es das Doppelte. Man rechnet mit einem Multiplikationseffekt Amtschef Thomas Gollwitzer pendelt immer noch jeden Tag von Regensburg. 120 Kilometer hin und zurück. Die Behörde hat einen Extra Bus, erzählt er: "Viertel nach fünf aufstehen, um viertel nach sechs fährt der Bus in Regensburg weg. Dienstbeginn ist 07:30 Uhr, also eineinviertel Stunden später. Um 17:15 wieder zurück. Ich bin dann um halb sieben wieder in Regensburg und hab dann noch eine viertel Stunde bis ich wieder zuhause bin."

Auf dem Land ist das Leben günstiger.
Auf dem Land ist das Leben günstiger.

Und dennoch hält er es für das richtige, dass sein Amt nun in der bayerischen Provinz ist. Und er sieht inzwischen auch Vorteile: "Ein Drittel unserer Mitarbeiter sind Frauen, auch in Führungspositionen. In Leitungsfunktionen haben wir ein Drittel. Wenn ich das vergleiche mit Regensburg, da hatten wir von 30-40 Leitungsfunktionen eine Dame. Das ist also toll und wir sind jünger geworden."

Professor Holger Magel von der technischen Universität München ist Experte für die Entwicklung des ländlichen Raums. Er glaubt an den Heimatplan und hält ihn für ganz Deutschland umsetzbar: "Wenn ich davon ausgehe, dass es in Bayern 3.000 Arbeitsplätze sind und das hochrechne, auf die großen und die kleinen Bundesländer, da komme ich auf 15.000 Arbeitsplätze insgesamt. Da könnte man sagen, das ist nicht viel, aber wenn man davon ausgeht, dass diese Arbeitsplätze einen Multiplikationseffekt ausüben, dass sie weitere Ansiedlungen von jungen Unternehmern ausüben, dann ist das eine ganz großartige Sache." 


Hunderte von neuen Arbeitsplätzen sind entstanden

Die positiven Effekte waren sogar im abgelegen Tirschenreuth deutlich zu spüren. Für den Bürgermeister Franz Stahl ist die Behördenverlagerung daher eine Win/Win–Situation: "Seitdem wir das Amt für ländliche Entwicklung in Tirschenreuth haben, hat sich die Anzahl der Arbeitsplätze natürlich gewaltig gesteigert." Und wie: Insgesamt 264 Behördenstellen wurden rund um Tirschenreuth in der Oberpfalz vom Land Bayern bisher geschaffen. Und die Privatwirtschaft zieht nach.

Behörden sollen umziehen – weg aus den Metropolen.
Behörden sollen umziehen – weg aus den Metropolen.

2016 sind hunderte von neuen Arbeitsplätzen in der Oberpfalz, rund um Tirschenreuth, entstanden. Ist das die Lösung für die vielen strukturschwachen ländlichen Gebiete in Deutschland? Wir haben alle Bundesländer schriftlich angefragt.

Das Ergebnis: Neben Hessen und Bayern arbeiten auch schon Sachsen und Brandenburg an einer Verlagerung. Kommen die Maßnahmen, profitieren Stadt und Land. Eine Entlastung der überfüllten Schwarmstädte wäre möglich und gleichzeitig die Wiederbelebung des ländlichen Raums, der sonst langsam aber sicher ausblutet.

Autorin: Diana Löbl

Stand: 09.11.2017 09:16 Uhr