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Langsames Internet: Wenig Leistung für viel Geld

Wenn Internetprovider zu viel versprechen | Video verfügbar bis 19.07.2018

"Bis zu" sind die beiden Lieblingswörter von Internet-Providern. Egal ob bei Kabel, DSL oder LTE: Immer steht "bis zu" vor der Datenrate. Die hingegen ist meistens riesig. Bis zu 100, 200 oder sogar 400 Megabit pro Sekunde versprechen Telekom, Vodafone oder die großen Kabelanbieter. Doch nur ein kleiner Teil der Nutzer bekommt diese Datenraten wirklich. Jetzt kommt endlich Bewegung in die Sache, denn die Politik hat sich des Problems angenommen – zumindest halbherzig.

Jochen Bonitz aus Limbach-Oberfrohna im Erzgebirge hat sich extra eine LTE-Antenne mit Verstärker aufs Dach montiert, seinen Internet-Router optimal positioniert und korrekt konfiguriert. Doch das alles nützt ihm wenig.

Auf dem Monitor eines Laptops wird die Datenübertragungsrate gemessen. Ergebnis: 0,0 Mbis/s
Als Jochen Bonitz uns beim Dreh zeigen will, wie gering die Datenübertragungsrate ist, erlebt er selbst einen neuen "Rekord": 0,0 Mbis/s!

Dabei ist eigentlich alles in seinem Magenta-Hybrid-Vertrag mit der Telekom geregelt. Weil seine DSL-Leitung nicht einmal zwei Megabit schafft, hat er den sogenannten LTE-Turbo mit bis zu 50 Mbit bestellt, für den er 45 Euro im Monat zahlt. Als er uns mit einer Messung das Problem zeigen will, erlebt er gerade einen neuen "Rekord":

"So wenig, nämlich 0,0, hatte ich noch nie. Man sieht aber, dass die Verbindung grundsätzlich da ist. Der Upload ist in voller Schönheit vorhanden."

Funkzelle überlastet

Mobilfunkturm im Wald
Die Ursache des Ärgers soll dieser Mobilfunkturm sein, dessen Kapazitäten längst ausgelastet sind.

Die Ursache des Ärgers liegt rund zwei Kilometer entfernt im Wald. Dort steht ein Mobilfunkturm, über den die Telekom die gesamte Umgebung mit angeblich schnellem Internet per LTE versorgen will. Vor drei Jahren hat das sogar funktioniert, doch inzwischen muss der Turm so viele Handys, Tablets und Laptops mit dem Internet verbinden, dass für jeden einzelnen immer weniger übrigbleibt. Das bekam auch Jochen Bonitz zu hören:

"Sie haben es mir auch ab und zu mitgeteilt, wenn ich angefragt habe, warum mein Empfang so schlecht ist, dass die Funkzelle ausgelastet ist."

Auch bei DSL

Ein Mann vor einem Kasten der Telekom, auf dem ein eingerissener Aufkleber klebt.
Wolfgang Neumann vor einem Telekom-Kasten. "Ich stehe hier für schnelles Internet" stand darauf. Jemand hat den Slogan abgerissen

Nicht nur bei LTE, sondern auch bei DSL-Anschlüssen halten die Provider nicht immer, was sie versprechen. "Ich stehe hier für schnelles Internet", stand auf einem Kasten, den die Telekom im nordhessischen Vellmar vor das Haus von Wolfgang Neumann montiert hatte. Inzwischen steht der Satz nicht mehr da:

"Das hat jemand abgerissen, weil es leider nicht stimmt. Das ist für uns Anwohner, speziell für mich, der hier direkt gegenüber wohnt, eine richtige Provokation."

Gebrochene Versprechen

Wolfgang Neumann ist Außendienstler und soll seine Kunden eigentlich vom Homeoffice aus betreuen. Doch seit Monaten geht das praktisch nicht. Dabei hat auch Wolfgang Neumann vertraglich zugesicherte Datenraten. Doch sein Upload liegt regelmäßig unter 100 Kilobit – also bei Werten aus der Internet-Steinzeit. Kein Wunder, dass sich Neumann ärgert:

"Es ist einfach ein Leistungsversprechen, was nicht gehalten wird. Das heißt, man wird mit Leistungen geködert, mit Versprechen, schnelles Internet."

"Bis zu 100 Mbit pro Sekunde", "Mit bis zu 150 Megabit", " Hol Dir jetzt bis zu 200 Mbit pro Sekunde" oder "LTE – schneller kann keiner", lauten die typischen Werbeversprechen der Internet-Provider. Für sie sind hohe Datenraten gute Verkaufsargumente. Dem Kunden wird das Gefühl vermittelt, überall schnell surfen zu können. Zudem suggeriert die Werbung hohe Verfügbarkeit.

Erhebliche Versorgungslücken

Doch wie sieht es wirklich aus? Mit fachlicher Beratung der TU Ilmenau hat "Plusminus" in zwölf Großstädten und zwölf kleineren Gemeinden die Übertragungsraten nachgemessen. Fazit von 100 Stichproben: Die Telekom erreichte maximal 167 Mbit im Download, Vodafone 79, O2 38. Das sind an sich gute Werte, doch es gibt auch jede Menge schlechte LTE-Verbindungen auf dem Land. Und auch in Großstädten wie Hamburg, Frankfurt oder Berlin kann die Datenrate unter mickrige sechs Mbit sinken. Wie sich das beheben ließe, erklärt Prof. Reiner Thomae von der TU Ilmenau:

"Dann müsste eben der entsprechende Netzanbieter, wenn er die Qualität seines Netzes verbessern wollte, dort eine zusätzlich Basisstation aufstellen. Das kostet Geld, und das muss er abwägen, ob das geht."

Bundesnetzagentur spricht von "Fantasieprodukten"

Fiete Wulff, Sprecher Bundesnetzagentur
Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur

Eine Studie der Bundesnetzagentur bestätigt unsere Ergebnisse: Danach erhalten nur zwölf Prozent der DSL- und Kabelnutzer auch wirklich die versprochene Datenrate. 18 Prozent bekommen weniger als die Hälfte. Bei LTE erhalten nur fünf Prozent der Nutzer die maximale Datenrate, 70 Prozent dagegen weniger als die Hälfte. Fiete Wulff, Sprecher der Behörde fasst es so zusammen:

"Wir sehen im Mobilfunk, dass insgesamt der Abstand zwischen dem, was versprochen wird, und dem, was tatsächlich herauskommt, schon sehr groß ist."

Selbst die Bundesnetzagentur benutzt für einige der Angebote die Bezeichnung "Fantasieprodukte".

Kein Provider will vor die Kamera

Vor der Kamera will keiner der großen Provider mit uns darüber sprechen. Die Telekom teilt mit:

"Niemand investiert so viel wie die Deutsche Telekom. Wir investieren mehr als alle anderen Provider."

Von Vodafone heißt es: "Vodafone kommuniziert in allen Kanälen transparent über die angebotenen Leistungen."

Telefónica als Betreiber des O2-Netzes stellt "theoretische Höchstgeschwindigkeiten (…) insbesondere bei Mobilfunktarifen nicht in den Mittelpunkt der Kundenwerbung."

Keine Gebührensenkung trotz schlechter Verbindung

Stefanie Siegert, Verbraucherzentrale Leipzig
Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Leipzig

Oft aber weigern sich die Provider sogar, Kunden mit langsamen Anschlüssen die Monatsgebühren zu senken. Laut Verbraucherzentralen müssen Kunden dann mühsam beweisen, dass ihr Anschluss zu langsam ist, wie Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Leipzig erklärt:

"Die Schwierigkeit liegt oft darin, dass die Provider außerordentliche Kündigungen nicht akzeptieren, sondern vielmehr am Vertrag festhalten wollen und im Endeffekt weiter Rechnungen stellen."

Jochen Bonitz zum Beispiel hat monatelang Datenraten gemessen, um die schlechte Leistung seines Anschlusses nachzuweisen. Doch eine Klage gegen die mächtige Telekom erschien ihm aussichtlos. Selbst die Verbraucherzentrale riet ihm davon ab.

Politik entscheidet halbherzig

Tabea Rößner, Sprecherin der Grünen für Medien und digitale Infrastruktur
Die Grünen-Abgeordnete Tabea Rößner fordert mehr Verbraucherschutz.

Der Bundestag beschäftigt sich seit drei Jahren mit dem Thema. Eine Änderung am Telekommunikations-Gesetz und eine Transparenzrichtlinie sind gerade in Kraft getreten. Opposition und Verbraucherzentralen hatten Sonderkündigungsrechte und sogar Schadenersatzansprüche für die Kunden verlangt. Das haben die Regierungsfraktionen abgelehnt. Stattdessen darf die Bundesnetzagentur Bußgelder verhängen, wenn Internet-Anbieter zu niedrige Datenraten liefern. Tabea Rößner, Sprecherin der Grünen für Medien und digitale Infrastruktur, findet das einfach nur ärgerlich und nicht ausreichend für den Verbraucherschutz:

"Wir haben festgestellt, dass die Bundesnetzagentur sehr zurückhaltend ist mit der Verhängung von Bußgeldern. Es ist insofern wichtig, dass wir Sanktionen haben, die wirksam sind, und dass Verbraucher in ihren Rechten geschützt werden. "

Telekom-Logo auf einem Gebäude
Haben die Telekom und andere Provider Einfluss auf die Politik genommen?

Ob und wie Telekom und Co. Einfluss auf die Politik genommen haben, lässt sich nicht belegen. Das Ergebnis aber spricht für sich. Und das findet die Grünen-Abgebordnete Tabea Rößner problematisch:

"Es ist im politischen Geschäft normal, dass die Unternehmen und die Verbände ihre Interessen deutlich machen. Fatal ist es halt, wenn die Politik sich davon unter Druck setzen lässt."

Bundesnetzagentur legt Kriterien fest

Immerhin hat die Bundesnetzagentur jetzt festgelegt, wie Verbraucher nachweisen können, dass ihre Internet-Verbindung zu langsam ist. Danach müssen an zwei unterschiedlichen Tagen mindestens 20 Messungen über LAN, also per Kabel und nicht per Funk, vorgenommen werden. Eine nicht vertragskonforme Leistung von Festnetz-Breitbandanschlüssen liegt dann vor, wenn im Download:

  • "nicht an mindestens zwei Messtagen jeweils mindestens einmal 90 Prozent der vertraglich vereinbarten Maximalgeschwindigkeit erreicht werden oder
  • die normalerweise zur Verfügung stehende Geschwindigkeit nicht in 90 Prozent der Messungen erreicht wird oder
  • die vertraglich vereinbarte Mindestgeschwindigkeit an mindestens zwei Messtagen jeweils unterschritten wird."

Anbieter müssen klarer informieren

Darüber hinaus verpflichtet die neue TK-Transparenzverordnung die Anbieter, künftige Kunden vor Vertragsabschluss mit Informationsblättern verständlich und gut erfassbar über ihre Leistungen zu informieren. So müssen sie unter anderem neben der maximalen Datenübertragungsrate auch angeben, welche Normalgeschwindigkeit und welche minimale Übertragungsrate zu erwarten sind.

Außerdem müssen die Anbieter erklären, wie die Verbraucher die Geschwindigkeit ihrer Internetverbindung testen können, zum Beispiel über das Online-Messangebot breitbandmessung.de der Bundesnetzagentur. Die Messergebnisse dieses Portals lassen sich speichern und dienen auch dazu, etwaige Abweichungen der vereinbarten Leistungen zu dokumentieren.

TK-Transparenzverordnung ist zum 1. Juni mit einer Übergangsregelung von sechs Monaten in Kraft getreten.

Taten sind besser als Versprechen

Wolfgang Neumann hat nach massiven Beschwerden diese Woche eine neue DSL-Leitung bekommen. Sie arbeitet tatsächlich stabil mit 100 Mbit. Auch Jochen Bonitz hat die Telekom mittlerweile eine richtige DSL-Leitung versprochen. Doch er weiß inzwischen: Versprechen von Internet-Providern sind nicht allzu ernst zu nehmen.

Autor: Matthias Weidner

Stand: 20.07.2017 09:32 Uhr