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Fernfahrer: Die neuen Sklaven im LKW

Fernfahrer: Die neuen Sklaven im LKW | Video verfügbar bis 14.12.2017

Inhalt in Kürze:

– Fernfahrer aus Osteuropa arbeiten in Deutschland unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.
– Deutsche Unternehmen profitieren von der Arbeit der Billiglöhner.
– In Deutschland gezahlte Löhne von 2.500 Euro pro Monat sind nicht konkurrenzfähig.

Das Transportgewerbe boomt. Auf europäischen Straßen herrscht harter Preiskampf. 40 Prozent der Lkw auf deutschen Autobahnen kommen inzwischen aus dem Ausland, die meisten aus Osteuropa. Dort zahlen die Speditionen ihren Fahrern Niedriglöhne und können dadurch die Konkurrenz, auch aus Deutschland, unterbieten. Die Leidtragenden: Millionen Kraftfahrer. Sie leben oft monatelang auf ihren Lkw unter unwürdigen Bedingungen, bei schlechter Bezahlung.

Fernfahrer aus Osteuropa verbringen Ruhezeit in Deutschland

Viele Rast- und Parkplätze sind in Deutschland an Wochenenden bis auf den letzten Stellplatz belegt. Vor allem osteuropäische Fahrer verbringen dort ihre gesetzlich vorgeschriebene Wochenruhezeit von 45 Stunden. Aus gutem Grund: In Ländern wie Belgien und Frankreich ist es verboten, die 45-stündige Ruhezeit im Lkw zu verbringen. Die Fahrer müssen dort dafür bis zu 1.800 Euro Strafe zahlen. Bei eisiger Kälte kochen viele unter freiem Himmel. Die Dusche oder eine warme Mahlzeit auf dem Rastplatz können sich viele nicht leisten.

Viele Fahrer bezeichnen sich als "moderne Sklaven"

Der Blick eines LKW-Fahrers auf die Straße.
Die Arbeitsbedingungen von Lkw-Fahrern sind oft schlecht.

Die Fahrer kommen aus Litauen, Bulgarien, Rumänien, Polen, Ungarn und der Ukraine. Sie verdienen je nach Heimatland zwischen 500 und 1.700 Euro pro Monat inklusive Spesen. Viele Fahrer bezeichnen sich als moderne Sklaven. Sie leiden oft unter den Arbeitsbedingungen und der Trennung von ihren Familien. In ihren Heimatländern gibt es oft keine andere Arbeit. Einige Fahrer zerbrechen an diesem Leben, flüchten sich in Alkohol. Schwere Unfälle mit betrunkenen Fahrern sind die Folge.

Deutsche Unternehmen profitieren von billiger Arbeit

Bei den Recherchen trifft "Plusminus" einen litauischen Fahrer, der im Auftrag des Automobilherstellers Audi Teile von Ingolstadt nach Frankreich transportiert. Pro Monat verdient er 800 Euro inklusive Spesen. Das deutsche Vorzeige-Unternehmen Audi schreibt dazu: "Verträge mit Spediteuren entsprechen allen gesetzlichen Vorschriften."

Deutsche Gehälter nicht konkurrenzfähig

Mit osteuropäischen Angeboten können deutsche Speditionen oft nicht mithalten. Ein deutscher Fahrer verdient im Monat circa 2.500 Euro. Dazu kommen Sozialabgaben. Wer dabei sein will, lagert aus und gründet Niederlassungen in Osteuropa. Der internationale Transportverkehr ist inzwischen fest in Händen osteuropäischer Firmen. Der Anteil deutscher Firmen liegt bei nur noch 12 bis 13 Prozent, sagt Professor Karlheinz Schmidt vom Bundesverband Güterverkehr und Logistik (BGL).

Schärfere Vorschriften für Ruhezeiten?

In Deutschland hat die Politik lange auf eine europäische Lösung vertraut. Doch ost- und westeuropäische Länder haben zu unterschiedliche Interessen. In Deutschland will der Bundestag 2017 untersagen, dass Fahrer ihre Wochenruhezeit im Lkw verbringen, sagt Udo Schiefner (SPD), Mitglied im Verkehrsausschuss des Bundestages.

Karlheinz Schmidt vom BGL hält die geplante Maßnahme für unwirksam: "Den wirtschaftlichen Anreiz, mit gebietsfremdem Personal zu Dumping-Konditionen in Deutschland Transportleistungen anzubieten, wird man über eine so einfache Maßnahme nicht eindämmen können."

Solange Arbeits- und Lohnkosten in der EU so unterschiedlich sind und Unternehmen, Spediteure und Verbraucher nur auf die Kosten schauen, wird sich an den unwürdigen Arbeitsbedingungen der Fahrer wohl nichts ändern.

Bericht: Carola Beyer, Christoph Lütgert
Kamera: T. Kühne, M. Nowak, N. Körnig-Kron, J. Müller-Goldenstedt
Schnitt: Peter Petersen

Stand: 15.12.2016 14:53 Uhr

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