SENDETERMIN Mi, 09.05.18 | 21:50 Uhr | Das Erste

Unsicherer Güterverkehr

PlayWie gut wird die Arbeitszeit von Lokführern dokumentiert und kontrolliert?
Unsicherer Güterverkehr | Video verfügbar bis 09.05.2019 | Bild: dpa

Inhalt in Kürze:

  • Übermüdete Lokführer stellen eine Unfallgefahr im Schienenverkehr dar.
  • Anonyme Quellen berichten "Plusminus", dass die vorgeschriebenen Arbeitszeiten von Lokführern im Güterverkehr regelmäßig überschritten werden.
  • Funktionierende Kontrollsysteme, die den Einsatz jeglicher Lokführer – auch von Leiharbeitsfirmen Entsandte – ausreichend erfassen, fehlen.
  • Ein "Plusminus"-Versuch zeigt, dass Güterzüge auch vor potentiellen Attentätern schlecht geschützt sind.

Mannheim, am 1. August 2014. Ein Güterzug rammt einen Intercity. Zum Glück gibt es keine Toten, weil die Züge mit geringer Geschwindigkeit unterwegs sind. Aber 35 Menschen werden verletzt, zum Teil schwer.

Lokführer müssen höchst konzentriert sein bei der Arbeit.
Lokführer müssen höchst konzentriert sein bei der Arbeit. | Bild: Das Erste

Was ist passiert? Der Güterzug-Lokführer hatte ein rotes Signal übersehen. Die automatische Zugsicherung sorgt in so einem Fall eigentlich für eine Zwangsbremsung. Doch der Lokführer schaltet diese ab und fährt eigenmächtig weiter, bis er denn IC rammt. Die mögliche Ursache für diesen Unfall könnte Übermüdung sein. Denn oft gibt es zwischen zwei Arbeitsschichten kaum Zeit zum Schlafen. Und dann sitzt der Lokführer wieder mehr als 12 Stunden in seinem Zug.

Überstunden sind Alltag

Wir treffen einen Lokführer, der seit Jahren für verschiedene Bahnunternehmen fährt. Er berichtet anonym, dass überlange Arbeitszeiten dort fast zum Alltag gehören: "Erst letzte Woche: Eigentlich war ich für eine kürzere Schicht eingeteilt. Dann kam ein Anruf, ich sollte kurzfristig noch einen anderen Zug übernehmen. Da war die Arbeitszeit dann 19 Stunden, davon 12 Stunden auf der Lok – ohne groß 'ne Pause zu machen."

Wer kontrolliert, wer sich auf einem Güterbahnhof aufhält?
Wer kontrolliert, wer sich auf einem Güterbahnhof aufhält? | Bild: Das Erste

Gewerkschaftsvertreter sagen uns, wenn wir herausfinden wollen, wie so etwas möglich ist, sollten wir einen Güterbahnhof besuchen. Hier parken auf speziellen Gleisen dutzende Loks, die auf warten ihren nächsten Lokführer warten.

Mangelnde Kontrolle auf dem Güterbahnhof

Ein Lokführer in Arbeitskleidung.
Ein Lokführer in Arbeitskleidung.  | Bild: Das Erste

Diese tragen die typische Arbeitskleidung: Eine Warnweste und einen schwarzen Rucksack. Sie klettern auf die Lok, machen diese startklar und fahren los. Doch eines finden wir merkwürdig: Wir von "Plusminus" können uns hier – natürlich auch mit Warnweste – stundenlang aufhalten, ohne dass uns jemand anspricht: Als wären wir Lokführer, die gleich aufsteigen und losfahren. Genau das haben wir übrigens auch später versucht. Mit welchem Erfolg, dazu kommen wir noch.

Aber zunächst wollen wir wissen, wie so etwas möglich ist. Wir treffen einen zweiten Lokführer, diesmal von der DB. Auch er will nicht erkannt werden. Ihn wundert das gar nicht, erzählt er uns: "Man wird nicht kontrolliert. Man holt sich die Lok und fährt los. Unsere Kollegen von der DB kennen wir hier natürlich. Aber es kommen ja auch Lokführer von Drittfirmen: Kein Mensch weiß, wer das ist, es wird kein Führerschein kontrolliert, keine Kontrolle, ob er dienstfähig ist, also Alkohol, Rauschgift, Drogen. Auch die Arbeitszeiten oder die vorgeschriebene Ruhezeiten – es wird überhaupt nichts kontrolliert. Das ist freie Wildbahn."

Lokführer per Leiharbeitsfirma

Die DB teilt uns dazu mit, die Computersysteme, mit denen sie ihre Lokführer disponiere, würden selbstverständlich die Arbeitszeiten streng kontrollieren. Mag sein, aber mittlerweile fährt fast die Hälfte aller Güterzüge für andere Bahnunternehmen. Bundesweit vermieten mehr als 100 Leiharbeitsfirmen Lokführer, auch an Tochterunternehmen der DB. Jeden Tag sind tausende solcher Leih-Lokführer unterwegs.

Und wenn so ein Leih-Lokführer auf den Bahnhof komme, sagen unsere Quellen, prüfe niemand seine Arbeitszeit. Er steige auf die Lok und fahre. Nur sein Auftraggeber wisse, wie lange.

Lokführer werden von vielen verschiedenen Dienstleistern zu Einsätzen entsandt.
Lokführer werden von vielen verschiedenen Dienstleistern zu Einsätzen entsandt.  | Bild: Das Erste

Und diese Auftraggeber würden regelmäßig mit überlangen Arbeitszeiten planen, berichtet man uns anonym: "Die planen oft 10 Stunden 45 Minuten als Dienstzeit. Das Maximum, was erlaubt ist. Die wissen aber genau, die Strecke dauert mit Sicherheit länger. Das kommt drauf an, wie man durchkommt, aber das werden regelmäßig 14 Stunden oder gar 15.

Strenges Kontrollsystem bei LKW-Fahrern

Bei LKW-Fahrern wird regelmäßig kontrolliert.
Bei LKW-Fahrern wird regelmäßig kontrolliert.  | Bild: Das Erste

Anders ist das bei LKW- Fahrern, bei denen werden die Fahrtzeiten schon lange kontrolliert. Das Bundesamt für Güterverkehr in Münster winkt regelmäßig LKW an die Seite und kontrolliert die Fahrtenschreiber. Jeder LKW muss Lenk-und Ruhezeiten penibel aufzeichnen. Und nicht nur das. Jeder LKW-Fahrer ist verpflichtet seine Fahrerkarte in den Fahrtenschreiber zu stecken. Damit können Kontrolleure noch nach Monaten alle Fahr-und Ruhezeiten prüfen. Bei Verstößen droht eine hohe Strafe.

Jörg Hensel, Betriebsratsvorsitzender der DB Cargo und im Aufsichtsrat der DB.
Jörg Hensel, Betriebsratsvorsitzender der DB Cargo und im Aufsichtsrat der DB. | Bild: Das Erste

Jörg Hensel ist Betriebsratsvorsitzender der DB Cargo und im Aufsichtsrat der DB. Seine Gewerkschaft fordert schon seit Jahren, dass für Lokführer ähnlich strenge Regeln gelten müssten: "Wir benötigen diese Fahrerkarte dringend, wo die wichtigsten Daten von Lokführern – d. h. seine Befähigung, seine Pausenzeiten – erfasst werden. Wenn diese Fahrerkarte nicht sauber ist, kann das Fahrzeug nicht fahren. Das ist die eindeutige Forderung, die hier an die Politik in Deutschland und Europa gerichtet ist."

Überforderte Kontrollbehörden

Helmut Diener von Mobifair e. V.
Helmut Diener von Mobifair e. V. | Bild: Das Erste

Und was sagen die politisch Verantwortlichen? Für Sicherheit im Bahnverkehr zuständig wäre das Eisenbahnbundesamt. Doch laut Verkehrsministerium soll die Arbeitszeitkontrolle durch Landesbehörden passieren, etwa Gewerbeaufsichtsämter. Mobifair, ein der Eisenbahnergewerkschaft nahestehender Verein, beobachtet seit Jahren Arbeitszeitverstöße und hat dutzende Fälle dokumentiert. Helmut Diener, der Vorsitzende, beschreibt uns, wie man die Kontrollen durch Eisenbahnbundes- und Gewerbeaufsichtsamt erlebt: "Beide sind total überfordert. Oft aus Gründen des Personalmangels. Oft aus anderen Gründen: 'Ja, wie tu ich das überhaupt.' Wie kann man Lokführer kontrollieren. Da es hier keine digitalen Tachoscheiben gibt oder auch keine Fahrerkarte, wie es im Bus oder LKW-Verkehr üblich ist."

Wie leicht hätten es Attentäter?

Doch Gefahr droht nicht nur durch überlange Arbeitszeiten und Übermüdung. Im Internet kursiert das al-Qaida-Magazin "Inspire". Um "wahre Gläubige zu inspirieren" (Zitat) empfiehlt es, Züge zum Entgleisen zu bringen. Fast siebzig Seiten über Anschläge auf Bahneinrichtungen: Tankzüge, die explodieren, Angriffe auf europäische Hochgeschwindigkeitszüge. Um so leichtsinniger wirkt der Umgang der Bahn mit Lokomotiven und Zügen. Immer wieder fallen uns Züge auf, die stundenlang anscheinend abfahrbereit auf dem Gleis stehen. Und kein Lokführer ist zu sehen.

Wer will, kann recht leicht in die Fahrerkabine einer Lok vordringen.
Wer will, kann recht leicht in die Fahrerkabine einer Lok vordringen. | Bild: Das Erste

Wir gehen heran und stellen fest, dass wir problemlos in die Lok kommen. Die Tür war offen. Und nicht nur das: Wir stellen fest, dass die Lok wirklich abfahrbereit ist. Wir müssten nur die Bremsen lösen und könnten fahren. Selbst rote Signale würden uns nicht bremsen, denn die automatische Zugbeeinflussung kann man ausschalten.

Wir fahren natürlich nicht los. Aber ein weiterer Test mit Attrappe zeigt, dass wir hier ebenso problemlos eine Bombe mit Fernzündern hätten deponieren können. Sie wäre nicht zu finden gewesen. Mehr als eine Stunde später fährt unser Zug durch den Passauer Hauptbahnhof. Zum Glück ohne Bombe.

Reaktionen auf die "Plusminus"-Recherchen

Es existieren zwei Schlüssel, mit denen man fast alle Loks öffnen kann.
Es existieren zwei Schlüssel, mit denen man fast alle Loks öffnen kann.  | Bild: Das Erste

Wir befragen die DB zu unserem Versuch und zur Sicherheit. Die für den Güterbahnhof zuständige Abteilung teilt uns dazu nur mit, dass Lokführer die Anweisung hätten, Loks abzuschließen. Sonst drohten Disziplinarmaßnahmen. Doch selbst wenn die Lok abgeschlossen gewesen wäre: Es gibt zwei Schlüssel, mit denen man fast jede im Güterverkehr übliche Lok öffnen kann.

Jörg Hensel von der Eisenbahnerverkehrsgewerkschaft zeigt sich entsetzt, als wir ihm von unseren Recherchen berichten:"Da sage ich als erstes, dass das eine blanke Katastrophe ist. Wenn so etwas möglich ist und Sie das genau so erlebt haben, dann ist das der Beweis, dass das System Lücken hat. Das würde zum Beispiel durch die digitale Fahrerkarte und auch mehr Überwachung und Kontrolle , glaube ich, wesentlich besser werden, beziehungsweise nahezu ausgeschaltet."

Das für Sicherheit im Eisenbahnverkehr zuständige Eisenbahnbundesamt schreibt dazu nur: "Die Sicherung gegen Eingriffe durch Dritte in den Schienenverkehr fällt ... nicht in den Kompetenzbereich des EBA."

Keiner fühlt sich zuständig

Wer fühlt sich für mehr Kontrolle verantwortlich?
Wer fühlt sich für mehr Kontrolle verantwortlich? | Bild: Das Erste

Wer also ist verantwortlich, dass Lokomotiven und Züge nicht von jedermann bestiegen oder gefahren werden können? Das Bundesverkehrsministerium verweist auf die Eisenbahnunternehmen selbst. Die müssten ein Sicherheitsmanagement haben. Was das aber in der Praxis wert ist, haben wir ja gesehen.

Bericht: Michael Houben

Stand: 11.05.2018 16:38 Uhr