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Genmanipulierte Nahrung – Wo liegen die Grenzen unserer Toleranz?

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Genmanipulierte Nahrung | Video verfügbar bis 09.03.2017

Seit Jahren forschen Wissenschaftler an gentechnisch optimierten Lebensmitteln. Jetzt hat in den USA der erste genmanipulierte Fisch ein gesundheitliches Gütesiegel erhalten. Doch Händler und Konsumenten stehen der Innovation skeptisch gegenüber.

Lachs in einer Kühltheke
Genmanipuliertem Fisch treten Händler und Konsumenten skeptisch gegenüber.

Wild-Lachs, Heilbutt oder Krabben in allen Größen – wer in Seattle frischen Fisch kaufen will, der kommt hierher: auf den legendären Pike-Markt. Doch den jetzt für den menschlichen Verzehr zugelassenen Lachs wollen die Händler dort nicht verkaufen. "Das ist doch kein richtiger Fisch. Es ist das erste genveränderte Nahrungsmittel, das als Ganzes auf unsere Teller kommt. Nicht als eine Zutat, wie Mais", sagt Fischhändler Chris Bell. "Und was kommt als nächstes?" Die US Lebensmittelbehörde schreibt damit Geschichte. Nach 25 Jahren Prüfung hat sie der Herstellerfirma Aquabounty das Gütesiegel erteilt. Der Fisch stelle keine Gefahr für die Gesundheit dar.

Doppelt so schnell im Wachstum

Und so wird der Fisch genverändert: Dem atlantischen Lachs werden Teile der DNA von Königslachs und einer Aal-Art eingebaut. In einem Video der Herstellerfirma heißt es, dass das Tier doppelt so schnell wächst, weniger Futter braucht und daher wirtschaftlicher sei. Die Zulassung ist ein historischer Durchbruch. Und andere Tiere könnten folgen.

An der Universität Davis in Kalifornien wird an Gentechnik im Bereich Tierzüchtung schon lange geforscht. Die DNA von Ziegen wurde zum Beispiel so verändert, dass ihre Milch für Menschen besser verträglich ist. Das könnte die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern mindern. Es ist bereits die siebte Generation dieser Ziegen. Das Projekt läuft seit mehr als 15 Jahren. Geld aus der Industrie gab es kaum: GMO-Tiere gelten als schwer zu vermarkten. "Wir hoffen, dass mit der Zulassung des Lachses das Interesse an der Technologie wächst, mehr Fördergelder bereitgestellt werden und wir auch unsere Ziegen für den Markt zulassen können", sagt Professorin Elisabeth Maga.

Krebse auf dem Pike MArket
Auf dem legendären Pike Market sucht man den genmanipulierten Lachs vergeblich.

Spotigy und Buri sind Neuzugänge im Rinderstall der Uni Davis. Die beiden Holstein Kälber wurden so genverändert, dass ihnen keine Hörner wachsen. Sie sind die ersten ihrer Art. Hörner sind in der Milchindustrie problematisch. Die Tiere verletzen sich gegenseitig und auch Menschen. Deswegen werden junge Holstein Kälber für die Milchproduktion normalerweise enthornt. Von Geburt an haben jedoch die südamerikanischen Angus Rinder keine Hörner. Aus dem Erbgut der schwarzen Kollegen haben die kalifornischen Forscher das eine verantwortliche Gen entnommen und damit die Prototypen Buri und Spotigy geschaffen.

Mit Genveränderung zur Resistenz

Mit der Züchtung von Rindern befassen sich Alison van Eenennaam und ihr Team bereits seit Jahren. Erbgut von unterschiedlichen Rassen zu mischen – auch wenn das im Genom passiert – ist für die Wissenschaftlerin nur eine neue Art der Kreuzzüchtung: "Es gibt so vieles, was per Definition nicht 'natürlich' ist. Und das ist nicht alles schlecht", sagt van Eenennaam. "Fast alle Innovationen in der Welt sind nicht 'natürlich'. Und diese Entwicklungen auszuschließen, das würde das Ende von Innovationen in der Landwirtschaft bedeuten."

Auch Ferkel von der Uni Missouri sind eine solche Innovation. Sie sind genverändert und jetzt resistent gegen eine weit verbreitete Seuche: das PRRS-Virus. Dessen Bekämpfung kostet die Industrie in Europa und Nordamerika jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Dollar, sagen die Forscher. Ein enormer Markt. Eine britische Biotech-Firma hält bereits die Rechte an der Technologie. "Wir haben jetzt die Möglichkeit, Tiere zu entwickeln, die resistent gegen die asiatische Grippe, das afrikanische Schweinefieber oder Lungenkrankheiten bei Rindern sind. Viele solcher Anwendungen könnten es jetzt auf den Markt schaffen", so die Professorin.

Die Skepsis ist groß

Aber werden die US Amerikaner  genverändertes Fleisch oder GMO-Fisch kaufen? Anders als in Europa gibt es in den USA für solche Produkte keine Kennzeichnungspflicht. Aber die Skepsis der Verbraucher ist groß. Deshalb haben große Supermarktketten angekündigt, den Fisch nicht ins Sortiment zu nehmen. "Die Idee ist einfach verstörend für uns. Das wir etwas essen, das in den Fundamenten verändert wurde", sagt Carolyn Dimitri, Professorin für Ernährungswirtschaft. "Zwei Sorten Weizen zu kreuzen oder eine braune Kuh und eine weiße Kuh – das macht uns nichts aus. Aber wenn im Zell-Kern verändert wird, dagegen haben Menschen eine emotionale Reaktion."

Eine Pinpette
Durch die Veränderung der DNA sollen auch KRankheiten vorgebeugt werden.

Bisher haben Verbraucher bei GMO-Produkten an Getreide wie Mais, Weizen und auch andere Pflanzen gedacht. Dieser Bereich der Landwirtschaft wird in den USA von GMO dominiert. Und Firmen wie Monsanto, Kellogg oder Bayer geben jedes Jahr mehrere Millionen aus, um eine gesetzliche Kennzeichnung auf den Produkten zu verhindern. So fragt der Agrar-Riese Monsanto in einem Werbe-Video, warum man keine Kennzeichnung mache. Ihr Argument: Eine Kennzeichnung verwirre und sei teuer.

Bewegung im US-Kongress

Wissenschaftler sind kritisch, sie warnen vor unabsehbaren Folgen, auch dass sich eine solche Entwicklung nicht rückgängig machen lasse. Was sagen denn unsere Forscher in Kalifornien zum Thema Kennzeichnung? "Gut, dann lasst uns alle Zuchtmethoden kennzeichnen. Wenn es das ist, was gemacht werden soll. Für mich ist die Zuchtmethode nicht wichtig, ich will lieber wissen, ob meine Nahrung mit Pestiziden behandelt oder nachhaltig produziert wurde", sagt van Eeneemaan. Elisabeth Maga stört die Kennzeichnung nicht: "Ich denke, das ist okay. Wir haben ja nichts zu verbergen. Wir schreiben in den USA auch auf das Label, woher die Nahrung kommt. Und so würde ich eine GMO-Kennzeichnung auch sehen – dass Menschen wissen, von wo das Produkt kommt."

Doch jetzt bewegt sich etwas im US-Kongress: Zumindest was den Lachs betrifft, haben die Politiker entschieden: Er darf nicht verkauft werden, so lange seine Kennzeichnung nicht geregelt ist. Auch wenn er in Seattle nicht verkauft wird, der Lachs der Firma Aquabounty wird wohl als erstes gentechnisch verändertes Tier auf US-Tellern landen – und wahrscheinlich auch das erste Produkt sein, dass in den USA eine GMO-Kennzeichnung bekommt.

Autoren: Miriam Braun und Markus Schmidt

Stand: 10.03.2016 13:32 Uhr

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