SENDETERMIN Mi, 16.08.17 | 21:45 Uhr | MDR Fernsehen

Methadon als Krebsmittel: Wie Patienten, Ärzte und Verbände auf einen Plusminus-Bericht reagieren

Methadon als Krebsmittel – Die Reaktionen | Video verfügbar bis 16.08.2018

Im April berichtete "Plusminus" über den Einsatz von Methadon in der Krebstherapie. Konkret handelt es sich um sogenanntes D,L-Methadon, das nicht allein als Drogenersatzmittel, sondern auch zur Schmerzbehandlung zugelassen ist – und offenbar auch bei der Behandlung von Krebs hilft.

Eine Frau sitzt auf einem Sofa und telefoniert. Vor ihr steht auf dem Tisch ein Foto ihrer Eltern.
Sabine Dettling musste 14 Ärzte fragen, ehe sie eine Methadon-Verschreibung für ihren Vater bekam. Da war es für ihn schon zu spät.

Die Resonanz nach der Sendung war überwältigend: Das Thema verbreitete sich in anderen Medien und Hunderte Zuschauer – Patienten, Angehörige und Ärzte – wendeten sich an die Redaktion. Es gab viel Lob von Zuschauern, aber auch Kritik von Ärzten. Patienten berichteten von Ärzten, die sich weigerten, das seit Jahren zugelassene Schmerzmittel Methadon zu verschreiben. So berichtet Sabine Dettling von Ihrem Vater, der an einem unheilbaren Gehirntumor erkrankt war. Die Ärzte machten ihm keine Hoffnung, aber der 87-Jährige gab nicht auf und wollte zusätzlich zu seiner Chemotherapie Methadon. Das jedoch war alles andere als einfach. 13 Ärzte weigerten sich, ihm das zugelassene Schmerzmittel zu verschreiben. Der Hausarzt verteufelte das Medikament regelrecht, wie sich Sabine Dettling erinnert: "Er sagte, mein Papa wäre unter der Einnahme von Methadon im Delirium, wäre desorientiert, wäre die meiste Zeit schläfrig. Kurzum, das mit dem Methadon wäre nur Spekulation, nur eine Verschwörungstheorie gegen die Pharmaindustrie. 'Von mir bekommen Sie das nie.'" Als ein weiterer Arzt endlich das gewünschte Medikament verschrieb, war es für ihren Vater zu spät.

Kein Interesse an klinischen Studien

Nur eine Verschwörungstheorie? Keineswegs! "Plusminus" berichtete im April 2017 über die Ergebnisse der Ulmer Chemikerin Dr. Claudia Friesen vorgestellt. Sie hatte festgestellt, dass Tumorzellen bei einer Chemotherapie offenbar deutlich stärker zurückgehen, wenn die Patienten während der Behandlung Methadon einnehmen.

Methadon als Krebsmittel: Der Beitrag (April 2017)

Methadon als Krebsmittel | Video verfügbar bis 13.04.2018
In Laborhandschuhe gehüllte Hände halten ein Fläschchen mit der Aufschrift "Methadon".
Methadon ist seit Langem auch als Schmerzmittel zugelassen.

Eine ähnliche Beobachtung hat auch der Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher gemacht. Er leitet ein Hospiz und setzt seit mehr als 20 Jahren das Medikament als starkes Schmerzmittel ein. Auffällig war, dass die Sterberate unter den Patienten, die mit Methadon behandelt wurden, geringer war als bei anderen.

Im Bericht stellte "Plusminus" zwei Tumor-Patientinnen vor, die sich in einer aussichtslosen Situation befanden und während der Chemotherapie Methadon eingenommen hatten. Bei beiden waren der Tumor bzw. die Metastasen nach der zusätzlichen Einnahme von Methadon zurückgegangen, sodass sie wieder neue Hoffnung schöpfen konnten.

Doch solche Beispiele gelten als Einzelfälle. Für die Wirksamkeit von Methadon als Krebskiller fehlt der wissenschaftliche Beweis in Form von klinischen Studien. Obwohl die Ulmer Forscherin schon 2014 ihre hoffnungsvollen Ergebnisse der Fachwelt zugänglich gemacht hat, haben weder Ärzte noch Pharmaunterhemen Interesse an einer Studie gezeigt. Für die Hersteller anderer Krebsmedikamente ist Methadon offenbar nicht attraktiv, weil der Patentschutz längst abgelaufen ist und Methadon keinen Profit mehr verspricht.

Massiver Widerstand von Verbänden und Fachgesellschaften

Während der Bericht bei Betroffenen überwiegend positive Resonanz hervorrief, hat es in den letzten Wochen kaum eine Fachgesellschaft versäumt, vor dem Einsatz von Methadon bei Tumorpatienten zu warnen. Die Deutsche Schmerzgesellschaft sieht sogar die Gefahr, dass Patienten "eine wissenschaftlich belegte Therapie ablehnen könnten, um stattdessen Methadon zu nehmen." Diese Aussage überrascht, denn Patienten aus ganz Deutschland berichten das Gegenteil. Ein Angehöriger schrieb "Plusminus": "Wir haben eine Ärztin gefunden, die meinem Vater Methadon verschreibt. Nun behandelt der Hausarzt ihn nicht mehr." Ein anderer schrieb: "Manche Onkologen brechen die Chemotherapie sogar ab, wenn man zusätzlich Methadon nimmt."

"Unärztlich und unethisch"

der Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher
Für den Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher ist nicht nachvollziehbar, dass Kollegen die Therapie wegen Methadon verweigern.

Palliativmediziner Dr. Hilscher kann die abwehrende Haltung seiner Kollegen nicht verstehen. Auch an ihn haben sich vermehrt Patienten gewendet, denen die Chemotherapie verweigert wird, nachdem sie von einem anderen Schmerzmittel auf Methadon umgestellt wurden. "Da es sich um ein zugelassenes Medikament für die Behandlung von Schmerzen handelt, ist es unärztlich und unethisch, ihm deswegen eine andere lebensnotwendige und lebensverlängernde Therapie zu verweigern."

Immer wieder ist in den Stellungnahmen auch von lebensgefährlichen Komplikationen wie Atemstillstand die Rede. Für die Gesellschaft für Palliativmedizin ist Methadon deshalb selbst zur Behandlung starker Tumorschmerzen "nicht das Mittel der ersten Wahl". Mitverantwortlich für diese Stellungnahme ist der Palliativmediziner Prof. Dr. Lukas Radbruch. Warum rät er von Methadon als Schmerzmittel ab und setzt es selber nicht ein? "Weil bei diesen Medikamenten die Gefahr einer Ansammlung in den ersten Tagen da ist, die Nebenwirkungen deutlich stärker sein können, Komplikationen auftreten können und es schon eine gute Fachkenntnis braucht, um mit diesen Medikamenten umgehen zu können."

Gewonnene Lebensqualität

Patienten wie Elke Jülle-Schlager haben andere Erfahrungen gemacht. Sie hat selbst jahrelang als Palliativmedizinerin gearbeitet, bis bei ihr Krebs diagnostiziert wurde. Weil ihre Leber voller Metastasen und auf doppelte Größe gewachsen war, gaben ihre Kollegen ihr nur noch wenige Wochen. Wegen der extremen Schmerzen wollte sie Methadon. Doch ihr Hausarzt weigerte sich mit der Begründung, es sei zu gefährlich. Stattdessen bekam sie ein anderes Schmerzmittel. Das war fast zehn Mal so teuer und bekam ihr überhaupt nicht: "Ich habe gemerkt, das geht nicht, weil ich so viele Nebenwirkungen hatte: massive Übelkeit, Erbrechen, der Kopf war nicht mehr klar. Und das wollte ich auf keinen Fall, weil ich ja in der verbleibenden Zeit noch so viel regeln musste."

Nach vier Monaten Suche verschrieb ihr ein befreundeter Arzt schließlich Methadon. Zwei mal 20 Tropfen nimmt sie täglich zur Chemotherapie. Außer einer anfänglichen Verstopfung hatte sie keine Nebenwirkung. Zum ersten Mal war Elke Jülle-Schlager nahezu schmerzfrei: "Ich konnte wieder atmen, Treppen steigen, ich geh einkaufen, ich mache ein bisschen Sport auf dem Trampolin. Also ich habe so viel Lebensqualität – psychische und körperliche Qualität – gewonnen."

Interessenkonflikte?

Vor dem Hintergrund solcher Patientenerfahrungen stellt sich die Frage, wie unabhängig die Warnungen vor dem Schmerzmittel Methadon wirklich sind. So stieß "Plusminus" auf Quellen, aus denen hervorgeht, welche finanziellen Zuwendungen die Fachgesellschaften von Pharmaunternehmen bekommen. Danach fließen auch Gelder von Herstellern hochpreisiger Schmerzmittel, die ein Vielfaches von Methadon kosten können. Besteht da ein Interessenskonflikt? Prof. Dr. Lukas Radbruch von der Gesellschaft für Palliativmedizin sieht diese Verflechtung durchaus kritisch: "Für die Fachgesellschaft ist es so, dass wir gerade überlegen, wie wir auch von den Sponsorenverträgen wegkommen können, damit wir hier eben völlig unabhängig sind von jedem Einfluss oder nur von jedem möglichen Einfluss. Sie haben völlig Recht, das muss man trennen."

Kritik an Forscherin – trotz weiterer Forschungsergebnisse

Die Ulmer Chemikerin Dr. Claudia Friesen im Labor.
Dr. Claudia Friesen weist die Kritik an ihren Forschungen zurück, da andere Einrichtungen zu den gleichen Ergebnissen gekommen sind.

Auch die Ulmer Forscherin Dr. Claudia Friesen wurde nach dem "Plusminus"-Bericht scharf kritisiert. So heißt es zum Beispiel immer wieder, klinische Studien zu Methadon als Krebsmedikament könne es gar nicht geben, da die Labordaten nicht solide seien. Darüber kann sie nur den Kopf schütteln: "Das kann ich nicht nachvollziehen. Andere Wissenschaftler an der Uni in München wie auch Calgary kamen zu ähnlichen Ergebnissen wie ich, mit der klaren Aussage, dass Methadon ein Wirkverstärker der Chemotherapie sein kann."

Trotz dieser vorliegenden Daten anderer Wissenschaftler aus Calgary und München verfasste selbst die Uniklinik Ulm, an der Frau Dr. Friesen forscht, eine kritische Stellungnahme.

Studien in Aussicht?

Prof. Dr. Thomas Seufferlein, stellvertretender Ärztliche Direktor der Uniklinik Ulm
Prof. Dr. Thomas Seufferlein, der stellvertretende Ärztliche Direktor der Uniklinik Ulm will nun selbst eine Studie anschieben.

Prof. Dr. Thomas Seufferlein, der stellvertretende Ärztliche Direktor der Uniklinik Ulm stellte sich einem Interview. Was die Vorbehalte gegenüber Methadon betrifft, kommt er zu folgendem Fazit: "Es ist ein bissel so, dass jeder macht, was er kann: Umgekehrt sollte man nicht verteufeln, was man nicht kann. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand Schmerzen – wohlgemerkt Tumorschmerzen hat – dass er D,L-Methadon – nimmt. Das ist in Ordnung. Das ist nichts, wo ich sagen würde, ich will dich nicht mehr sehen oder ich behandele dich deswegen nicht mehr." Mit den Daten von Frau Dr. Friesen will er jetzt sogar eine klinische Studie zu Darmkrebs und Methadon anschieben.

Prof. Dr. Wolfgang Wick hatte als Sprecher der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft (NOA) große Vorbehalte gegenüber Methadon. Jetzt teilte er uns mit, dass er, auch wegen des öffentlichen Drucks, eine Studie zu Methadon und Hirntumoren beantragt habe. Ob es zu der sogenannten Vorstudie  "Hirntumore und Methadon" kommt, wird sich nach Information der Deutschen Krebshilfe frühestens Ende Oktober entscheiden. Dabei geht es übrigens noch nicht um die Beantragung der großen klinischen Studie. Ob und wann es dazu kommt, ist noch unklar.

Ruf nach Studien wird lauter

Zu dem öffentlichen Druck dürften auch verschiedene Petitionen wie die von Rainer Just zählen, in denen Methadon in der Krebstherapie gefordert wird. Mit einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung will die Bundestagsfraktion von DIE LINKE zudem den Stand der Forschung und die Pläne zum Einsatz von Methadon zur Tumor- und Schmerzbehandlung in Erfahrung bringen.

Zeit und Lebensqualität

Elke Jülle-Schlager
Die Ärztin Elke Jülle-Schlager hat Zeit und Lebensqualität gewonnen.

Doch solche Studien sind dringend nötig. Ohne sie bleiben Patientenfälle wie der von Elke Jülle-Schlager ohne wissenschaftlichen Beweis. Nach dem letzten Befund ist die Tumormasse bei ihr um 30 Prozent zurückgegangen: "Ich gelte als ein kleines medizinisches Wunder unter den Kollegen und wurde fast wie auf dem Tablett rumgereicht: Sie fragen mich alle: 'Wie kann das sein? Du müsstest doch schon längst tot sein!'" Ob Methadon dafür verantwortlich ist und wie lange dieser Effekt überhaupt anhält, ist unklar. Doch eins hat die Ärztin definitiv gewonnen: Zeit und Lebensqualität.

Autorin: Christiane Cichy

Stand: 17.08.2017 13:32 Uhr