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Milliardendispo für Notenbanken

Wie Deutschland Südeuropa stützt

Wie Deutschland Südeuropa stützt | Video verfügbar bis 13.04.2018

- Beim Handel im Euro-Raum lassen die Notenbanken Zahlungen "anschreiben".
- Die so gewährten Kredite werden Target2-Salden genannt.
- Die Deutsche Bundesbank hat dadurch große Außenstände, vor allem bei südeuropäischen Banken.
- Einige sehen darin Krisen-Symptome, für andere bleibt das Geld in der Euro-Familie.

In der Deutschen Bundesbank in Frankfurt braut sich etwas zusammen, das der Bank und dem deutschen Staat gefährlich werden könnte. Es geht um riesige Dispokredite für Notenbanken von Griechenland, Italien oder Spanien, sogenannte Target2-Salden.

Prof. Clemens Fuest vom ifo Institut München erklärt, was es damit auf sich hat: "Das EZB-System schuldet der Bundesbank 800 Milliarden Euro. Das sind Kredite, die an andere Euro-Länder vergeben sind, und wenn ein anderes Land aus dem Euro austreten würde, dann wäre das Geld weg."

Wie die Kredite entstehen

Aber wie kommt es dazu? Diese "Kredite" entstehen zum Beispiel, wenn ein Bauer in Griechenland einen Traktor eines deutschen Herstellers kauft. Selbst wenn der Bauer den Traktor bar bezahlt, entsteht eine Art Kredit – und zwar so:

Der Bauer zahlt den Kaufpreis bei seiner Hausbank ein. Die gibt das Geld an die griechische Zentralbank weiter. Und was macht die? Sie meldet der deutschen Bundesbank: "Wir haben hier eine Überweisung für einen deutschen Traktorenhersteller, gib dem mal das Geld." Die Bundesbank überweist daraufhin das Geld auf das Konto des Traktorenherstellers. Weil es aber Euro der griechischen Notenbank waren, wird die Summe auf einen großen Deckel geschrieben als Schulden der griechischen Notenbank – und das ist der Target-Saldo.

Bleibt es in der Familie?

Ulrich Bindseil von der Europäischen Zentralbank
Für Ulrich Bindseil von der EZB werden durch die Target2-Salden Rechnungsbeträge lediglich intern verschoben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht das anders. Für sie sind das keine Schulden, sondern nur bilanztechnische Nebeneffekte der gemeinsamen Währung, wie Ulrich Bindseil von der EZB erklärt: "Die Targetsalden sind ja Rechnungsposten innerhalb eines dezentralen Notenbanksystems mit einer Währung. Wenn man die Notenbankbilanzen des Systems zu einer Notenbank zusammengefasst hätte, wie man sie auch hätte schaffen können, dann gibt es keine Target-Salden. Die gleichen sich aus und im Außenverhältnis zur Wirtschaft und den Banken existieren die Target-Salden praktisch nicht."

Am ehesten versteht man das vielleicht als eine Art Ehe der Euroländer. Da haben Mann und Frau zwar eigene Geldbeutel. Aber wer von beiden eine Rechnung bezahlt, ist finanztechnisch wurscht. Es bleibt ja in der Familie. Und so wächst mit jeder Ware, die nach Süden geht, der Target-Saldo bei der Bundesbank.

Krise statt Gleichgewicht

In der Theorie sollte sich das wieder ausgleichen. Wenn etwa ein deutscher Supermarkt griechische Oliven kauft und Geld nach Griechenland schickt, wird das vom Target-Konto wieder abgezogen.

Doch Deutschland liefert mehr Waren in den Süden als umgekehrt – und immer, wenn theoretisch Geld nach Deutschland fließt, steigt tatsächlich der Target-Saldo – 2012 auf gigantische 750 Milliarden Euro.

Prof. Clemens Fuest vom ifo Institut erklärt, warum das eben auch ein Symptom der Krise ist: "Target-Schulden entstehen nicht nur durch Warenkäufe, sondern auch dann, wenn Leute sich Sorgen machen, ob ihr Land vielleicht aus dem Euro austritt oder die Bank pleitegeht, und ihr Geld vorsichtshalber ins Ausland überweisen, zum Beispiel nach Deutschland. Dann kommt es zu Kapitalflucht. Und das ist ein Krisenphänomen."

Unterschiedliche Deutungen

Um die Krise zu bekämpfen, begann die EZB mit Niedrigzinspolitik und Anleihekäufen, Geld in die Eurozone zu pumpen. EZB-Präsident Mario Draghi versprach, alles zu tun, was nötig sei. Die Märkte beruhigten sich und auch die Target-Salden schrumpften. Doch nur kurz: Seit gut zwei Jahren steigen sie wieder. Doch diesmal, erklärt Ulrich Bindseil von der EZB, ist das etwas ganz anderes: "Es war bis 2012 ein Krisenzeichen, ein Abzug von Kapital, von Investoren, das ist es jetzt nicht mehr. Ab 2015 sind die Target-Salden hochgegangen als Konsequenz von unseren Anleihekäufen, also unseren geldpolitischen Maßnahmen."

Man könnte es auch so sagen: Im Zuge der Krisenbekämpfung kaufen auch südeuropäische Notenbanken die in aller Welt verstreuten Anleihen ihrer Länder zurück. Weil ein Großteil des Wertpapierhandels aber über den Bankenplatz Frankfurt läuft, muss die Deutsche Bundesbank – wie beim Traktorkauf – wieder Euro aus Griechenland, Italien und Spanien auszahlen. Dadurch wachsen erneut deren Target-Kredite, die sich inzwischen auf die Rekordsumme von 812 Milliarden Euro belaufen. Laut EZB ist das diesmal aber kein Zeichen der Krise und damit auch kein Grund zur Sorge, weil es ja ohnehin wie in einer Ehe in der 'Euro-Familie' bleibt.

Beispiel USA

Aber was ist, wenn die Ehe geschieden wird? Wenn ein Land austritt oder der Euro zerbricht? Kritiker verweisen dann auf die USA:

Auch deren Notenbank FED besteht aus Notenbanken einzelner Bundesstaaten. Auch die summieren ihre Geldflüsse in Target-Salden. Aber obwohl bei der FED seit Jahrhunderten eine Abspaltung einzelner Bundesstaaten nicht zur Debatte steht, müssen die Salden dort regelmäßig ausgeglichen werden. Am Anfang wurden dazu zwischen den Notenbanken der Bundesstaaten tatsächlich Goldbarren per Postkutsche hin und hergeschickt. Später, als Gold zentral im Fort Knox gelagert wurde, wurde einfach umetikettiert. Seit die Gold-Deckung des Dollars abgeschafft ist, müssen die amerikanischen Notenbanken entsprechende Wertpapiere an die jeweils andere Notenbank überschreiben.

Kein Wertpapiertausch im Euro-Raum

Prof. Clemens Fuest vom ifo Institut München
Prof. Clemens Fuest vom ifo Institut München sieht die Target2-Salden kritisch.

Bei der EZB hält man dagegen so einen Wertpapiertausch für überflüssig. Wertpapiere wären auch nicht sicherer als Target-Salden, erklärt Ulrich Bindseil: "Forderungen auf ein Wertpapierportfolio sind auch nur finanzielle Forderungen und Target-Salden sind auch Forderungen. Beides sind über die Grenzen hinweg gehende finanzielle Forderungen und deshalb wäre es auch hier eine theoretische Möglichkeit, die keinen großen Unterschied machen würde."

Das sieht Prof Clemens Fuest anders: "Das ist völllig falsch. Das ist ein großer Unterschied. Bei manchen Wertpapieren ist ja ein realer Gegenwert dabei. Forderungen an Notenbanken sind teilweise schwer einzutreiben, Notenbanken können auch pleitegehen.

Was passiert im Ernstfall?

Mario Draghi
EZB-Chef Mario Draghi

Zur Sicherheit hat EZB-Präsident Draghi italienischen Europa-Abgeordneten bereits schriftlich mitgeteilt: Falls ein Land jemals aus dem Euro austritt, müsste es die aufgelaufenen Summen voll begleichen.

Doch bei der Bundesbank sind derzeit Target Salden von 812 Milliarden Euro aufgelaufen, vor allem aus Griechenland, Italien und Spanien. Kritiker fürchten, dass keines dieser Länder hunderte Milliarden zahlen und die Bundesbank auf den Verlusten sitzen bleiben könnte.

Eine Grafik stellt einen Schuldenberg von 812 Milliarden Euro dar.
Die Außenstände, die die Deutsche Bundesbank durch Target2-Salden hat, belaufen sich mittlerweile auf 812 Milliarden Euro.

Professor Clemens Fuest erklärt, was das für Folgen haben würde: "Das sind Verluste, die die Bundesbank nicht tragen kann. Dann müsste die Bundesrepublik Deutschland, die Bundesbank re-kapitalisieren Und das geht nur durch höhere Staatsschulden."

Die EZB verweist darauf, dass im Fall der Fälle die ganze EBZ haften würde, die Bundesbank müsste nur mit ihrem Anteil haften, knapp einem Drittel. Aber auch das wäre mit rund 250 Milliarden – dem Doppelten der deutschen Goldreserven – ein gefährlich hoher Betrag.

Autor: Michael Houben

Stand: 13.04.2017 12:13 Uhr