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Mangelernährung von Patienten: Was in Kliniken versäumt wird

Mangelernährung von Patienten: Was in Kliniken versäumt wird | Video verfügbar bis 20.09.2018

– Mangelernährung in Krankenhäuser ist eine unterschätzte Gefahr, tausende kranke Menschen sterben daran.  
– "Plusminus"-Recherchen zeigen, dass Ernährungsmedizin in vielen Kliniken kaum eine Rolle spielt. Es fehlt an Fachwissen und Personal.
– Von Seiten der Politik gibt es keine Pläne mit Regelungen die Situation zu verbessern.

Diätassistentin Ursula Lukas kümmert sich um Risikopatienten.
Diätassistentin Ursula Lukas kümmert sich um Risikopatienten.

In vielen deutschen Kliniken spielt Ernährungsmedizin kaum eine Rolle. Für Patienten hat das fatale Folgen. Ein schneller Gewichtsverlust in kurzer Zeit wird häufig nicht als gefährlich erkannt. Jedes Jahr sterben zehntausende Patienten an Mangelernährung. Doch Ärzte und Politik schauen weg. Diätassistenten sind die Spezialisten für Ernährung im Krankenhaus. Im Klinikum Bielefeld kontrolliert Ursula Lukas, ob Patienten genügend essen und trinken. Wenn jemand zu wenig Essen bestellt oder bereits sehr abgemagert ist, stellt die Diätassistentin gemeinsam mit der Küche eine Sonderkost mit hoher Kalorienzahl zusammen.

Mangelernährt trotz Übergewicht

Doch auch Patienten, die auf den ersten Blick genug oder gar zu viel wiegen, können mangelernährt sein. Dann nämlich, wenn sie zu wenig Nährstoffe und Energie aufnehmen und in kurzer Zeit sehr viel Gewicht verlieren. Die Mangelernährung hat oft schwerwiegende Folgen für die Patienten, erklärt Ursula Lukas: "Mangelernährung im Krankenhaus bedeutet, dass wir unter Umständen längere Liegezeiten haben, dass die Therapie aufwendiger wird, dass es mit mehr Kosten verbunden ist, aber auch mit mehr Komplikationen. Das kann dann auch die Konsequenz haben, dass die Patienten versterben."

Mangelernährung ist ein häufiges Problem in den Krankenhäusern. Laut verschiedener Studien ist ein Viertel der Patienten in deutschen Kliniken mangelernährt. Trotzdem wird das häufig nicht erkannt. Was sind die Ursachen?

Ernährungsteam im Klinikum Großhadern in München
Ernährungsteam im Klinikum Großhadern in München

Der Redaktion liegen Zahlen und Studien von Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin und der Deutschen Krebsgesellschaft, von Berufsverbänden wie dem Verband der Diätassistenten und dem Verband Oecotrophologie sowie mehreren Wissenschaftlerin und Medizinern wie Dr. Jann Arends vom Universitätsklinikum Freiburg und Dr. Matthias Pirlich mit seiner Arbeit "The German Hospital Malnutrition Study" vor.

Missstände in Kliniken

Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena.
Jutta Hübner vom Universitätsklinikum Jena.

Die Krebsmedizinerin Jutta Hübner sitzt im Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft und forscht seit Jahren zum Thema Mangelernährung. Sie beobachtet, dass in vielen Kliniken Ernährungsmedizin völlig vernachlässigt wird. Das Fach kommt in der Medizinerausbildung viel zu kurz, zudem fehlt es an Personal. So rutschen zahlreiche Patienten durch. Jutta Hübner ist besorgt: "Die aktuelle Situation in Deutschland kann man eigentlich wirklich nur noch als Missstand bezeichnen. Ich glaube, das ist genau das richtige Wort dafür."

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich im Klinikum Bielefeld: Dort ist Diätassistentin Ursula Lukas in Sachen Ernährungsberatung und Mangelernährung alleine in dem 600-Betten-Haus. Während der Dreharbeiten für "Plusminus" stellt sie fest, dass ein Patient mit einer chronischen Darmerkrankung tagelang nur Wasser bekommen hat. Nährstoffe wurden nicht verabreicht, obwohl ein Arzt das angeordnet hatte. Ursula Lukas ist darauf angewiesen, dass Pflegekräfte und Ärzte ihr kritische Fälle melden. Doch im stressigen Klinikalltag kann so etwas schnell durchrutschen. Ursula Lukas weiß das: "Nein. Ich kriege nicht alles mit. Nein. Es ist einfach so. Ich kann das alleine nicht leisten."

Ob Bielefeld oder anderswo: Solche Beispiele werden der Redaktion aus zahlreichen Krankenhäusern berichtet. In vielen Kliniken stehen wenige Diätassistenten hunderten Patienten gegenüber.

Tod durch Mangelernährung

Vor allem Krebspatienten sind in Gefahr. Oft sitzen Tumore in Mund, Hals oder Magen. Das erschwert das Essen. Dazu kommen kraftraubende Therapien, die den Appetit nehmen.

 Anne Blumers trauert um ihren Ex-Mann.
Anne Blumers trauert um ihren Ex-Mann.

Das hat Anne Blumers aus Stuttgart erfahren. Ihr Ex-Mann, mit dem sie gut befreundet blieb, litt an Hautkrebs. Nach einer Immuntherapie verlor er 40 Kilo Gewicht, stürzte von 100 auf 60 Kilo ab. Doch die Ärzte reagieren nicht, berichtet sie "Plusminus": "Mir war nicht klar, während der Krankheit und auch kurz danach nicht, dass er tatsächlich mangelernährt war. Sondern ich dachte eben, klar, der hat halt starke Nebenwirkung aufgrund dieser Therapie und dann verliert man halt an Gewicht, das ist halt so."

Anne Blumers startet eine Aufklärungskampagne im Internet
Anne Blumers startet eine Aufklärungskampagne im Internet

Sieben Monate nach der Krebs-Diagnose starb ihr Ex-Mann. Anne Blumers will, dass sich künftig keiner so im Stich gelassen fühlt, wie ihr früherer Partner und sie. Im Internet hat sie jetzt eine Aufklärungskampagne "Was essen bei Krebs?" gestartet.

Auch die Forschung bestätigt Mangelernährung als häufige Todesursache bei Krebspatienten. Von den 200.000 Krebstoten pro Jahr in Deutschland stirbt laut Studien jeder Vierte, rund 50.000 Menschen, nicht am Tumor, sondern an der Mangelernährung. "Es gibt überhaupt gar keinen Zweifel, dass Patienten mit einer Mangelernährung ein kürzeres Überleben haben, also dass wir hier wirklich eine sehr viel schlechtere Prognose dieser Patienten haben.", erklärt Jutta Hübner, Krebsmedizinerin am Universitätsklinikum Jena.

Nur manche Kliniken versuchen inzwischen gegenzusteuern. Sie lassen alle Patienten bei der Aufnahme einen Screening-Bogen ausfüllen. Es müssen Fragen zu Größe, Gewicht, Ernährung beantwortet werden. Zudem kümmert sich ein festangestelltes Team um die Ernährung der Patienten – mit Diätassistenten, Ärzten und Pflegekräften. Experten fordern genau das für alle Kliniken: Ein Ernährungsteam und Screening-Bögen bei der Patientenaufnahme.

Wie sieht das tatsächlich in deutschen Krankenhäusern aus?

In einer Stichprobe fragen wir deutschlandweit in 34 Kliniken mit onkologischen Abteilungen nach – darunter Universitätskliniken in Großstädten, aber auch kleinere Krankenhäuser auf dem Land. Das Ergebnis:

Umfrage unter Kliniken: Viele erfüllen nicht die geforderten Standard
Umfrage unter Kliniken: Viele erfüllen nicht die geforderten Standard

Ein standardisiertes Screening aller Patienten mit Fragebogen gibt es nur in acht Kliniken. Lediglich sechs Krankenhäuser haben ein festes Ernährungsteam. Ernährungsmedizin spielt also kaum eine Rolle.

Versagen von Kliniken und Politik

Dominik Lindner, Private Klinik Management GmbH
Dominik Lindner, Private Klinik Management GmbH

Als Begründung hören wir: Die Kassen würden in vielen Fällen nicht zahlen. Für Klinik-Berater Dominik Lindner vom Privatinstitut für Klinikmanagement ist das nur die halbe Wahrheit. Für ihn lässt sich die Behandlung mangelernährter Krebspatienten vor allem deswegen schlecht abrechnen, weil Mangelernährung im System zu eng definiert sei: "Weil die Definition ausschließlich von Körpergröße in Verbindung mit Körpergewicht ausgeht. Wenn man aber jetzt den tumorerkrankten Patienten mit 140 Kilo sieht, der in wenigen Monaten 30, 40 Kilo Gewicht verloren hat, dann ist der nach Körpergröße in Verbindung mit Körpergewicht eher noch adipös und dann fällt er nicht unter die Mangelernährungsdefinition, obwohl er das medizinisch tut."

Ein weiteres Problem: Viele Kliniken versuchen laut Lindner gar nicht erst Mangelernährung abzurechnen. Selbst bei den Patienten, wo es möglich wäre.

Warum greift die Politik nicht ein?

Wie sehr kümmern sich Kliniken um ausreichende Nahrung für ihre Patienten?
Wie sehr kümmern sich Kliniken um ausreichende Nahrung für ihre Patienten?

Das zuständige Bundesgesundheitsministerium fühlt sich nicht verantwortlich. Auf unsere Anfrage verweist es auf die medizinischen Fachgesellschaften, den Gemeinsamen Bundesausschuss und die Krankenhäuser selbst. Ein politisches Eingreifen ist nicht zu erwarten. So werden wohl auch in Zukunft zigtausende schwer kranke Patienten in Deutschland allein gelassen. Sie sind in Gefahr, an Mangelernährung zu sterben.

Bericht: Vanessa Lünenschloß/Jan Zimmermann
Stand: Ende September 2017

Stand: 21.09.2017 09:15 Uhr