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Wenn der Feind die Firma schluckt

PlayEin Spielzeugmännchen steht vor Banknoten
Wenn der Feind die Firma schluckt | Video verfügbar bis 28.02.2019 | Bild: picture-alliance / Graziano Giuseppe/CHROMORANGE

Weltweit ist die Zahl der Übernahmen und Fusionen 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Ganz anders in Europa. Hier stieg die Zahl der Transaktionen um 14 Prozent. Deutschland wird in einer Studie der Wirtschaftskanzlei Clifford Chance gar als Hotspot der Transaktionen in Europa bezeichnet - sowohl in Bezug auf inländische Transaktionen als auch als bevorzugtes europäisches Ziel von asiatischen und US-Investoren. Aber warum sind deutsche Unternehmen so begehrt?

Stabile politische Situation und hohe Innovationskraft

Weltweit wirken sich wachsende regulatorische und kartellrechtliche Bedenken, die instabile politische und wirtschaftliche Lage in vielen Regionen der Welt und politische Restriktionen durch chinesische Behörden auf die Zahl der Unternehmensfusionen und -übernahmen aus. Die vergleichsweise stabile politische Situation, das niedrige Zinsniveau und die hohe Innovationskraft rücken Deutschland daher in den Fokus internationaler Konzerne.

Unterschiedliche Motive für Übernahmen

Die Beweggründe von Unternehmen, Übernahmen oder Fusionen voranzutreiben, sind sehr vielfältig. Klassische Motive sind beispielsweise Risikoverringerung, Nutzung von Synergien und Unternehmenswachstum. Bei Transaktionen durch ausländische Investoren beobachten Experten zudem die Hoffnung auf einen Marktzugang in Europa und den Versuch, Wettbewerbsfähigkeit in Schlüsseltechnologien durch Zukäufe zu erreichen. "Plusminus" hat einige Fälle unter die Lupe genommen.

Tesla: Über die Eifel Vorstoß in den Massenmarkt

Der amerikanische Elektroautobauer Tesla kaufte Anfang 2017 den Mittelständler Grohmann Engineering mit Sitz in Prüm in der Eifel. Es war die erste Übernahme von Tesla. Gründer Elon Musk schluckte einen deutschen Mittelständler, der sich auf Produktionsmaschinen spezialisiert hat, die mit möglichst wenigen Mitarbeitern funktionieren. Hintergrund ist, dass Tesla in den Massenmarkt vorstoßen und für den neuen Wagen "Model 3" die Produktion von bisher 50.000 auf 500.000 Fahrzeuge verzehnfachen möchte. Ungewohnten Gegenwind bekam Tesla von der IG Metall, nach zähen Verhandlungen wurden die Löhne der Angestellten um circa 30 Prozent erhöht. Laut der "WirtschaftsWoche" hat Grohmann die Arbeit für seine deutschen Kunden (wie zum Beispiel Daimler und BMW) eingestellt.

Ledvance: Vom Osram-Konzern in chinesische Hände

Der Lampenhersteller Ledvance gehörte früher zum Osram-Konzern. Zum 1. März 2017 verkaufte Osram das Unternehmen für mehr als 400 Millionen Euro an ein Konsortium um den chinesischen Investor MLS. Danach kündigte die neue Geschäftsführung an, mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland zu streichen und die Werke in Berlin und Augsburg zu schließen. Insgesamt sollen etwa 1.300 Mitarbeiter ihre Stellen verlieren. Die Angestellten wollen nicht kampflos aufgeben: Noch seien die Chinesen gar nicht am Drücker. Sie hoffen, den Investor umstimmen zu können.

Krone Berlin: Vier Mal verkauft und dann nach Tschechien verlagert

Gustav-Krone-Straße in Berlin
Gustav Krone hatte das Unternehmen Krone gegründet - nach ihm ist in Berlin eine Straße benannt. | Bild: NDR

Das 1936 gegründete Berliner Unternehmen Krone war über Jahrzehnte weltweit führend in der Anschlusstechnik von Telefonleitungen. 1997, als die Firma vom Eigentümer verkauft wurde, beschäftigte sie 3.000 Mitarbeiter weltweit, mehr als 1.100 davon in Berlin. Nach zwei Jahren übernahm sie der amerikanische Investor GenTek. 2004 wurde Krone an das amerikanische Unternehmen ADC verkauft, dieses wurde 2010 von Tyco Electronics geschluckt, die wiederum von dem schweizerisch-amerikanischen Unternehmen TE Connectivity übernommen wurden. Zum Schluss waren noch 230 Angestellte im Berliner Werk übrig. Die Forschung an zukunftsweisender Technologie wurden eingestellt, die Produktionsstätte samt aller Maschinen nach Tschechien verlagert. Die Berliner Angestellten bekamen eine Abfindung.

IG Metall fordert Investitionsprüfungen

Die IG Metall fordert, dass man eine verbindliche Investitionsprüfung auf deutscher oder europäischer Ebene brauche, um Arbeitnehmer und wichtige Technologiefelder zu schützen. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) löste mit seinem Plan, den Aufkauf deutscher Firmen durch Unternehmen aus dem Ausland zu erschweren, eine kontroverse Debatte aus. Kritiker behaupten, deutsche Unternehmen seien gerade deshalb so stark, weil sie sich auf internationalen Märkten behaupten müssten. Die geplanten Schutzräume gefährdeten die Innovationsfähigkeit der deutschen Firmen.

Bericht: Sebastian Dubielzig
Kamera: Thomas Henkel, Martin Horning
Schnitt: Sören Schlotfeldt

Stand: 28.02.2018 22:41 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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