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Der harte Kampf um Marktanteile

PlaySojapulver und verschiedene angemachte Produkte daraus liegen im Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik.
Plagiate: Der harte Kampf um Marktanteile | Video verfügbar bis 28.02.2019 | Bild[1]: dpa/picture alliance / Friso Gentsch

Im Regalkampf der Supermärkte setzen sich neue Produkte nur durch, wenn sie auffallen. Im besten Fall etablieren sie sogar einen Trend und das innovative Produkt selbst wird zum Synonym für eine Produktsparte. Meist sind es kleine Start-up-Firmen, die solche Trends aufspüren, innovative Produkte entwickeln und versuchen, durch Look und Aufmachung Neugier und Aufmerksamkeit der Konsumenten zu wecken.

Zum Dippen, Kochen & Verfeinern

Die Gründerin und Erfinderin von "Smuus", Negin Pakravesh, hatte die Idee, aus Obst, Gemüse und Gewürzen einen Aufstrich herzustellen, der aber nicht nur ein Brotaufstrich sein sollte: "Ich benutze es überwiegend für meine Dressings, aber auch zum Kochen. Ich mache damit Cocktails und Desserts. Das ist ja das Besondere, dass es ein Allrounder ist, dass es gerade nicht nur eine Marmelade oder Chutney oder ein Dip ist. Es ist von allem etwas, je nachdem, wofür man es benutzen möchte." Doch Negin Pakravesh weiß auch, dass natürlich neben dem Inhalt auch die Verpackung überzeugen muss. Gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder, die in Hamburg eine Werbeagentur betreiben, entwickelt sie ein puristisches Design. Modernität und Minimalismus sollte das Design transportieren, so Negin Pakravesh: "Wir haben uns angeguckt, was auf dem Markt ist, und es waren überwiegend Konfitüren, die mit einem sehr blickdichten Etikett versehen waren, und das wollten wir nicht. Wir wollten, dass man die Frucht selbst sieht."

Frischer Wind im angestaubten Marmeladenregal

Im September 2016 kommt ihr Produkt "Smuus" auf den Markt, eine Hamburger Edeka-Kette bietet ihr eine Platzierung in seinen Märkten an. Doch dann der Schock. Anfang 2017 lanciert der niedersächsische Konfitürenhersteller Göbber seine neue Marke "Glück". Auch Göbber will mit minimalistischem und innovativem Design neue Käufergruppen erschließen. Zwar verkauft Göbber klassische Konfitüre, doch die Aufmachung ähnelt den Produkten von "Smuus". Göbber weist jegliche Nachahmungsvorwürfe zurück und stellt fest: "Wir haben über einen langen Zeitraum eigenständig ein neues Produkt entwickelt, das längst fertig war, als 'Smuus' mit ihrem Produkt erstmals am Markt erschien." Das Dilemma: Zwei Firmen haben sich zufällig die gleichen Gedanken gemacht.

Gute Ideen wecken Begehrlichkeiten

"Smuus" und "Oh my Smooth"
Vorne "Smuus", hinten "Oh my Smooth" – beide bestehen aus Obst, Gemüse und Gewürzen.  | Bild: NDR

Das Design und noch mehr das Konzept, Obst, Gemüse und Gewürze zu kombinieren, weckt offenbar die Aufmerksamkeit eines großen Lebensmittelunternehmens. Mitte Juli 2017 bringt der Rewe-Konzern in seiner Eigenmarken-Reihe "Rewe beste Wahl" unter dem Namen "Oh my Smooth" einen Aufstrich in seine Märkte – ebenfalls aus Obst, Gemüse und Gewürzen. Auffallend ist nicht nur die Namensähnlichkeit mit "Smuus", sagt Negin Pakravesh: "Sogar die Beschreibung unseres Produkts, wir sagen ja, 'Smuus' ist nicht nur fürs Brot, sondern auch zum Dippen, Kochen und Verfeinern gedacht, und wenn man sich auf der Rückseite von 'Oh my Smooth' das Produkt-Etikett anguckt, dann steht da auch zum Dippen, Kochen und Verfeinern und das kann ja kein Zufall sein, oder?"

Auf "Plusminus"-Anfrage äußert sich Rewe dazu nicht. Hersteller des Produkts ist eine Tochterfirma von Zentis. Pikant: Während der Entwicklungsphase suchte das kleine Start-up von Negin Pakravesh einen Kooperationspartner und stellte ihre Produktidee dem Geschäftsführer und der Marketingleiterin von Zentis vor. Das Start-up stellte Zentis auch Produktmuster zur Verkostung zur Verfügung. Doch Zentis lehnte ab, produzierte dann aber selbst mit seiner Tochterfirma Allfrucht im Auftrag von Rewe "Oh my Smooth".

"Moralisch sicher verwerflich, rechtlich nicht angreifbar"

Das Problem: Solche Nachahmungen sind rechtlich erlaubt und gängige Masche, weiß die Fachanwältin für Gewerblichen Rechtsschutz und juristische Beraterin der Aktion Plagiarus, Dr. Aliki Busse: "Da hat ein kleines Unternehmen was neues innovatives überlegt, und da kommt ein anderer daher und sagt, ach kuck mal, das ist jetzt en vogue, das ist hip, das übernehmen wir jetzt, aber natürlich so, dass es nicht rechtlich angreifbar ist. Moralisch sicher verwerflich, rechtlich nicht angreifbar." Auf Nachfrage von "Plusminus" räumt Zentis ein, dass der Impuls von Rewe ausging. Rewe habe Zentis den Auftrag erteilt, einen Aufstrich aus Frucht, Gemüse und Gewürzen herzustellen, offenbar um "wohl vergleichbare Produkte als Private Label [also Eigenmarke] in ihrem Sortiment" anbieten zu können.

"Diese Nachahmung ist schon ein ziemlicher Schlag ins Gesicht"

Auch "Charitea", eine Eistee-Reihe der Hamburger Lemonaid Beverages GmbH, ist ein Trend-Produkt, das Begehrlichkeiten weckt. Der baden-württembergische Safthersteller Dietz hat ebenfalls eine Eistee-Linie in seinem Portfolio, was "Charitea" in Aufmachung und Rezepturen ähnlich ist. Das ärgert Charitea-Gründer Paul Bethke: "Mit der Firma Dietz hatten wir damals Gespräche geführt, weil wir dort abfüllen wollten, da gab es Austausch von allen möglichen Informationen, daraus ist dann nichts geworden. Dann wurde es plötzlich still und mit einem Mal kam Dietz mit einem Produkt raus, das die gleiche Flasche hatte, auch einen direkten Keramikdruck auf der Flasche, fast identische Rezepturen. Diese Nachahmung ist schon ein ziemlicher Schlag ins Gesicht."

Dietz verweist auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Köln in dieser Sache und schreibt auf "Plusminus"-Anfrage: "Alle Vorwürfe einer Herkunftstäuschung seien unbegründet." Und weiter: "Schlussendlich muss sich jeder Hersteller am Markt behaupten, was dem Verbraucher die tolle Situation bringt, aus verschiedenen Herstellern, ... Preisen und ... Qualitäten wählen zu können."

Fehlender Schutz

Negin Pakravesh wollte sich mit der Nachahmung nicht abfinden, geht gegen Rewe und Allfrucht wegen der Namensähnlichkeit vor und erwirkt vor dem Landgericht Düsseldorf einstweilige Verfügungen. Das Konkurrenzprodukt "Oh my Smooth" muss vorerst aus dem Verkauf genommen werden. Doch Rewe geht dagegen vor und bekommt Recht. "Oh my smooth" darf weiter vertrieben werden. Trotz "gegebener Warenidentität" gebe es einen "hinreichenden Abstand, ... um eine markenrechtliche Verwechslungsgefahr auszuschließen", heißt es in dem Urteil des Landgerichts Düsseldorf.

Negin Pakravesh ist enttäuscht: "Da will man seine Rechte einfordern, geht diesen Weg, zeigt den Mut und letztendlich wird man auch da wieder zurückgeworfen." Schließlich zieht sie auch aus finanziellen Gründen die einstweilige Verfügung gegen die Zentis-Tochter Allfrucht zurück, handelt sich damit aber neuen Ärger ein. Allfrucht fordert jetzt Schadensersatz. Moralisch einwandfrei, findet das Unternehmen auf Anfrage. So seien nun mal die Spielregeln.

Bericht: Thomas Eckert
Kamera: Bernd Zink, Erhard Batka
Schnitt: Christopher Panzenböck

Stand: 01.03.2018 10:44 Uhr

Sendetermin

Mi, 28.02.18 | 21:45 Uhr
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Norddeutscher Rundfunk
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