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Wenn die Gebühren auf der Kippe stehen

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Wenn die Gebühren auf der Kippe stehen | Video verfügbar bis 28.02.2019 | Bild: picture alliance/KEYSTONE / PETER SCHNEIDER

In immer mehr Ländern wird heftig über Sinn und Nutzen der Rundfunkbeiträge diskutiert. Für die einen ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen Informationssendungen ein unverzichtbarer Teil der Demokratie. Die anderen fühlen sich abkassiert, für ein Angebot, das sie nur wenig nutzen. In der Schweiz stimmen die Bürger am 4. März über die Zukunft der Rundfunkgebühr ab. Auch in Deutschland wird mit Spannung auf die Entscheidung geschaut. "Plusminus" hat drei Unternehmer mit Migrationshintergrund in Hamburg und Berlin begleitet und sie gefragt, wie sie zum Rundfunkbeitrag stehen und was sie von der Diskussion in der Schweiz halten.

Mit der Familie Tagesschau gucken

Farah Neiro
Farah Neiro kann sich Fernsehen ohne die öffentlich-rechtlichen Angebote nicht vorstellen. | Bild: NDR

Farah Neiro ist die Inhaberin von AVA-Dress, einem Geschäft für Abendgarderobe und Brautmoden in Hamburg-Billstedt. Mit 21 Jahren hat die Deutsch-Afghanin ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. "Ich habe schon als Kind die Kleider meiner Mutter angezogen und wollte immer aussehen wie eine Prinzessin." Seit acht Jahren verkauft Farah Neiro erfolgreich ihre zum größten Teil selbst entworfenen Kleider. Farah Neiro kann sich Fernsehen ohne die öffentlich-rechtlichen Angebote nicht vorstellen. Schon als Kind sah sie sich gemeinsam mit ihrer Familie um 20 Uhr die Tagesschau an. Nachrichten aus ihrer Heimat Afghanistan waren für sie besonders wichtig.

Angebot für Gehörlose

Farah Neiro hat einen gehörlosen Bruder. Für ihn sei es unvorstellbar, ohne die öffentlich-rechtlichen Angebote zu leben: "Er schaut sich Reportagen an, er informiert sich und 70 Prozent der Sendungen, die auf den öffentlich-rechtlichen Sendern laufen, sind untertitelt. Mein Bruder hätte sonst kaum eine Möglichkeit, sich zu informieren über das, was in der Welt so passiert. Ich finde es sehr wichtig, diese Beiträge zu bezahlen, sie sind für mich ein fester Bestandteil Deutschlands." In Afghanistan sehe die Fernsehlandschaft anders aus, sagt Neiro. Immer wieder würden die Programme abbrechen, weil die Infrastruktur nicht gegeben sei. "Ich bin dankbar, dass es in Deutschland nicht so ist, und das wünsche ich auch der Schweiz weiterhin."

Von Sizilien nach Hamburg

Vinzenso Andronaco
Vinzenso Andronaco mag den Mix aus privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen.  | Bild: NDR

Vinzenso Andronaco lebt seit 49 Jahren in Deutschland. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter aus Italien. "Hamburg ist meine Heimat" sagt er. "Früher war es Sizilien, aber hier bin ich zu Hause." Der erste Laden des 66-Jährigen war ein kleiner Obststand im Stadtteil Barmbek. Mittlerweile hat Andronaco neun Feinkostläden und Bistros mit original italienischen Produkten. Mehr als 7.000 Artikel hat er im Verkauf, alles selbst ausgesucht.

"Wir brauchen diese Bildung"

Wenn Andronaco Zeit hat, guckt er sich am liebsten Dokumentationen an. Aber auch Sendungen wie das NDR Gesundheitsmagazin Visite zählen zu seinen Lieblingsprogrammen. "Wir brauchen diese Informationen, wir brauchen diese Bildung, wir müssen wissen, was los ist auf der Welt." Der Geschäftsmann mag den Mix aus privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen. Wenn er keine Lust auf Werbung habe, schalte er einfach um. "Die privaten Sender sind angewiesen auf Werbung, sie brauchen das Geld. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben durch die Rundfunkbeiträge nicht so viel Druck wie die privaten Sender." Und das komme dem Zuschauer zugute. Aber auch die Unabhängigkeit der Presse: "Jeder in Deutschland kann frei seine Meinung in den Medien äußern. Wir haben eine gute Demokratie. Das ist in manch anderen Ländern leider nicht so."

Gebürtiger Schwabe mit türkischen Wurzeln

Bülent Mutlu
Bülent Mutlu schätzt die Vielfalt und Pressefreiheit in Deutschland. | Bild: NDR

Bülent Mutlu ist gebürtiger Schwabe. Seine Eltern kommen ursprünglich aus der Türkei. Seit acht Jahren fährt der 43-Jährige Taxi in Berlin, vor Kurzem hat er sich selbstständig gemacht. Bei Taxen gebe es immer Bedarf, "gerade in so einer Stadt wie Berlin", sagt er. "Manchmal kommen wir als Taxifahrer der Nachfrage kaum hinterher." Acht bis neun Stunden geht Mutlus Schicht. Wenn viel los ist, auch mal länger. Das Radio laufe während der Fahrt fast ununterbrochen. "Für mich als Taxifahrer sind die Nachrichten das A und O. Auch Verkehr und Staumeldungen höre ich regelmäßig, es geht nicht ohne." Klassische Musik helfe auch mal, den Feierabendverkehr entspannt durchzustehen.

"Viele Zahler wissen nicht, wo die Gelder landen"

Den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro findet Mutlu sinnvoll. Er glaubt, dass viele Beitragsgegner gar nicht wissen, wo genau die Gelder am Ende landen: "Viele Zahler wissen das nicht und es interessiert sie auch nicht. Sie sagen nur, ja, die Gebühr müssen wir zahlen und das ist Abzocke. Aber wenn man sich mal wirklich darüber informieren würde, dann würde der normale Bürger vielleicht ganz anders denken." Vor allem die Vielfalt und die Pressefreiheit schätzt er in Deutschland: "In der Türkei war das auch mal so. Aber ich habe das Gefühl, dass es in letzter Zeit nicht mehr so vielfältig ist, sondern in eine Richtung geht, statt unabhängig zu sein."

Bericht: Esra Özer
Kamera: Eike Nerling, Ulrike Schede, Michael Plundrich
Schnitt: Caroline Richter

Stand: 28.02.2018 23:01 Uhr

Sendetermin

Mi, 28.02.18 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
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