SENDETERMIN Mi, 12.07.17 | 21:55 Uhr | Das Erste

Neues Krebsmittel

Teuer, aber ohne Vorteile für Patientinnen?

Neues Krebsmittel | Video verfügbar bis 12.07.2018

Zunächst wurde das Präparat "Ibrance" als Meilenstein in der Behandlung von fortgeschrittenem Brustkrebs gefeiert, hat vielen Patienten Hoffnung gemacht und Hersteller Pfizer Millionenumsätze beschert. Doch nun gibt es Zweifel am Zusatznutzen des Präparats, dessen Jahresration rund 66.000 Euro kostet. Für Hersteller Pfizer geht es um viel, vor allem um viel Geld. Deshalb tobt nun seit Wochen ein erbitterter Streit, in den auch die Patientinnen hineingezogen werden.

Geschickte Vermarktung

Packung mit Ibrance
Durchbruch oder gutes Marketing?

Ibrance sei angeblich der Durchbruch bei Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium, so das Versprechen des Pharmariesen Pfizer. Daran glaubt auch Claudia S., für die das Präparat die Hoffnung ist. 2012 war bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden und Metastasen. Es folgten zwei Chemotherapien. Als sie im November letzten Jahres wieder eine Lymphknotenmetastase ertastete, wurde ihr klar, dass die Chemotherapie nicht mehr wirkt. Sie meint, es sei ihr Glück, dass im November auch das Mittel Ibrance zugelassen wurde.

Beim Marketing gelingt Pfizer ein ganz besonderer Coup: Eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Krebsgesellschaft und der Bild-Zeitung. "Immuntherapie gibt neue Hoffnung" titelt das Blatt oder "Wir werden den Krebs ein zweites Mal besiegen". Der Name des Medikaments wird zwar nicht erwähnt, aber die Beschreibung ist so eindeutig, dass es sich nur um Ibrance handeln kann.

Bei der Nutzenbewertung durchgefallen

Sitz des G-BA
Der Gemeinsame Bundesausschuss entscheidet

Die Ernüchterung folgte im Gemeinsamen Bundesausschusses, dem Gremium, das darüber entscheidet, ob ein neues Medikament besser sei als die bisherigen. Sein Urteil ist vernichtend. Prof. Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschuss, erklärt: "Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass Ibrance gegenüber den bisherigen Therapieoptionen für Frauen mit Brustkrebs keinen Vorteil hat und zwar keinen Vorteil deshalb, weil die bisher vorliegenden Studien ergeben haben, dass es keinen Vorteil beim medialen Überleben, also bei der Lebenszeit der Patientinnen gegeben hat, und auch keinen Vorteil gegeben hat hinsichtlich der Lebensqualität der Patientinnen."

Das heißt, das Präparat wirkt zwar, aber bisher kann Pfizer mit seinen eigenen Studien keinen Zusatznutzen gegenüber herkömmlichen Therapien nachweisen und die sind deutlich günstiger als das Pfizer-Medikament mit mehr als 66.000 Euro jährlichen Therapiekosten.

Marketing und wissenschaftliche Studien

Trotzdem trommelt der Pharmariese weiter für Ibrance, zum Beispiel bei einem öffentlichen Kongress über Brusterkrankungen. Filmaufnahmen sind nur im Foyer erlaubt. Wir dürfen weder die Industrieausstellung drehen, wo Ibrance beworben wird, noch die Pfizer-Veranstaltung mit Ärzten, die das Medikament als Fortschritt anpreisen. Bemerkenswert dabei ist, dass viele von ihnen in der Vergangenheit Geld von Pfizer erhalten haben.

Zur negativen Bewertung des Bundesausschusses gibt es vom Pharmaunternehmen nur eine schriftliche Stellungnahme:

»Der Beschluss steht im Widerspruch zu den Einschätzungen zahlreicher medizinischer Fachgesellschaften ...(Quelle: Pfizer Deutschland GmbH)«

Beim nächsten Arztbesuch erfährt Claudia S., dass ihre Situation stabil sei und sich keine neuen Metastasen gebildet haben. Bei ihr wirkt die Therapie. Doch ihr Arzt sagt auch, dass Ibrance kein Wundermittel ist. Er habe auch Patientinnen, bei denen es nicht wirkt oder schlimme Nebenwirkungen verursache. Es gäbe bisher keinen Beweis, dass Ibrance das Leben verlängern kann. Außerdem erläutert der Onkologe Dr. Manfred Welslau: "Wir brauchen sicherlich weitere Daten zur Verbesserung der Lebensqualität. Und die sind bislang sicherlich zu wenig oder zu kurz erfasst worden. Und wir brauchen natürlich auch Daten zum verbesserten Überleben."

Kann Ibrance so viel mehr?

Firmenschild Pfizer an Gebäude
Pfizer könnte viel Geld verlieren

Aktuell geht es Pfizer vor allem um den Preis von Ibrance. Darüber wird seit wenigen Tagen in Berlin unter strenger Geheimhaltung verhandelt. Den Vertretern von Pfizer sitzen die der Krankenkassen gegenüber. So sieht es das Gesetz vor. Grundlage der Preisverhandlungen ist der Beschluss des Bundesausschusses.

Prof. Josef Hecken, der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschuss, erklärt, dass es um Kosten von 300 Euro für eine zweckmäßige Vergleichstherapie oder um mehr als 60.000 Euro für Ibrance gehe. Er wisse nicht, ob es bei diesem Unterschied gelingen könne, in den Preisverhandlungen eine Annäherung zu finden.

Allein in Deutschland geht es bei diesen Verhandlungen um Milliarden Euro, die die Krankenkassen erstatten müssen oder auch nicht.

Pfizer werde zukünftig einen erheblich niedrigeren Preis akzeptieren müssen, meint der Arzneimittelexperte Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft: "Ich glaube gerade auch bei Ibrance spielen ökonomische Aspekte eine ganz wichtige Rolle. Dieser Wirkstoff ist in Amerika 2015 auf den Markt gekommen und ihm wurde damals prognostiziert, er würde sich zu einem Blockbuster entwickeln. Wenn es jetzt zu Recht zunächst eine negative Bewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss bekommen hat, bedeutet das möglicherweise natürlich eine erhebliche Einbuße."

Emotionaler Streit

Blister mit Tabletten
Nur teuer oder mit Zusatznutzen?

Die Entscheidung zu Ibrance bleibt ein hochemotionales Thema. Patientinnen unterschreiben eine Petition gegen den Bundesausschuss. Die Chefin einer Brustkrebs-Zeitschrift greift dessen Vorsitzenden in einem YouTube-Video sogar persönlich an. In dem Video heißt es: "Lieber Herr Professor Hecken. Ich weiß nicht, ob Sie die Ringe unter meinen Augen sehen können, aber das ist das Ergebnis einer schlaflosen Nacht nach Ihrer Entscheidung von gestern. Der Gemeinsame Bundesausschuss unter Ihrer Führung hat gestern entschieden, dass das Medikament Palbociclip keinen Nutzen für Patienten hat."

Doch niemand hat behauptet, dass Palbociclib, der Wirkstoff von Ibrance, keinen Nutzen habe. Es sei nur kein Zusatz-Nutzen nachgewiesen worden. Das wird im Internet oft unterschlagen.

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Prof. Wolf-Dieter Ludwig, meint dazu: "Wenn ein neuer Wirkstoff durch die klinischen Studienergebnisse nicht überzeugen kann, muss das Marketing besonders aggressiv sein. Das haben wir jetzt am Beispiel von Ibrance gesehen. Es gibt Patientenforen. Sie können auf YouTube jede Menge Interviews mit Experten abrufen, in denen von größter Innovation, spektakulären Durchbrüchen gesprochen wird. Letztlich beeindruckt uns unabhängige Wissenschaftler dies nicht. Wir schauen uns die Studienergebnisse an."

So bleibt es nicht einfach, sich in diesem Streit zurechtzufinden. Auf der einen Seite stehen Krebskranke wie Claudia S., auf der anderen die Beitragszahler und die Profitinteressen der Industrie. Das sollte jedoch nicht auf dem Rücken der Patientinnen ausgetragen werden, die schon genug zu tragen hätten, meint nicht nur die Brustkrebspatientin Claudia S.

Der Streit um Ibrance ist zu einer Machtprobe geworden. Bis Ende des Jahres 2017 muss entschieden werden, wie viel die Kassen künftig für das Brustkrebsmittel bezahlen.

Stand: 16.07.2017 13:18 Uhr