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Krankenhaus: Künstliche Beatmung

PlayÄrztin beatmet
Künstliche Beatmung | Video verfügbar bis 17.11.2016

Notfallpatienten werden oft zu lange künstlich beatmet und anschließend schlecht nachbehandelt. Möglich wird das auch durch ein völlig absurdes Abrechnungssystem.

Die künstliche Beatmung auf der Intensivstation kann Leben retten. Doch wer aber zu lange an der Maschine hängt, dem drohen schwere gesundheitliche Schäden. Doch genau das ist das Schicksal vieler Beatmungspatienten. Der Hauptgrund ist ein System mit absurden Abrechnungsverfahren. Im Krankenhaus, aber auch in ambulanten Pflegeeinrichtungen. Es herrscht Goldgräberstimmung. "Das ist eindeutig derzeit eine Branche, auch wegen der fehlenden Überwachung, wo man enorme Gewinnspannen erzielen kann", sagt Beatmungsmediziner Professor Dieter Köhler.

Regina Nolte war zwei Jahre an einer Beatmungsmaschine angeschlossen. Nach einem Monat auf der Intensivstation kam sie in eine ambulante Intensiv-Pflegeeinrichtung. Die 68-Jährige kommt als Notfall ins Krankenhaus. Dort fällt sie ins Koma. Es folgt die künstliche Beatmung. Eigentlich nur wenige Tage geplant, werden viele Monate daraus. Nach der Klinik lebt sie in einer Pflege-WG. Dass sie nach eineinhalb Jahren Beatmung doch noch entwöhnt wurde, ist Zufall. Die Folgen werden sie ewig begleiten. "Ich hatte einen starken Willen, weil ich einerseits meinen Mann gesehen habe, wenn der mich besucht hat, da habe ich mich gefreut", sagt Nolte.

Absurdes Abrechnungssystem

Eigentlich müssen Ärzte und Pflegepersonal Beatmungspatienten konsequent anleiten, damit sie wieder selbst atmen können. Der Klinikalltag sieht aber häufig anders aus. Fachleute kritisieren fehlendes Wissen über Beatmungsentwöhnung und Personal unter Zeitdruck. Außerdem kann die Klinik an beatmeten Patienten gut verdienen. Wenn man den Entlassungszeitpunkt geschickt plant. Denn je nachdem, wie lange ein Patient auf der Intensivstation beatmet wird, verändert sich der Gewinn. Die Beatmungszeiten werden in Zeitblöcke unterteilt. Für jeden Beatmungsblock bekommt die Klinik eine sogenannte DRG-Pauschale. Diese wird jeweils gezahlt, sobald die neue DRG erreicht ist. Auch wenn der Patient nur wenige Stunden nach Erreichen der nächsten Schwelle entlassen und als Beatmungspatient an Pflegeeinrichtungen weitergereicht wird.

Geräte einer Intensivstation
Nach der Beatmung auf der Intensivstation müssen PAtienten angeleitet werden.

Auch denn bekommt die Klinik den vollen Betrag. Fatal, denn vielleicht hätte der Patient in der bezahlten verbleibenden  Zeit entwöhnt werden können. So wie in dem Entwöhnungszentrum der Charité. Simone Rosseau kümmert sich auf ihrer Entwöhnungsstation um genau solche Patienten. Die Abrechnungspraxis in vielen anderen Kliniken beunruhigt sie. "Mittlerweile sind  eben auch die Beatmungsstunden, die die nächste DRG auslösen, durchaus bekannt. Leitende Ärzte wissen das. So dass man tatsächlich bei der Visite auf die Beatmungsstunden achtet", sagt Dr. Rosseau. "Und davon vielleicht auch Entscheidungen abhängig gemacht werden. Wir kommen jetzt eh nicht weiter seit einer Woche. Wir sehen hier kein Land mehr, Beatmungsentwöhnung wären wir nicht schaffen, wir haben jetzt gerade dir nächste DRG erreicht. Eigentlich sollten wir jetzt mal entlassen."

Dankbare Abnehmer sind dann Intensiv-Pflegeeinrichtungen. Eine Branche, die Dieter Köhler gut kennt. Der ehemalige ärztliche Leiter eines Entwöhnungs-Zentrums sieht viele dieser Pflegedienste kritisch. "Es gibt unheimlich engagierte Pflegedienst-Mitarbeiter, die das sehr gut machen, die qualifiziert sind. Und es gibt auf der anderen Seite, und die Zahlen nehmen ständig zu, Pflegedienste, bei denen Unqualifizierte angelernt werden, und de facto die Arbeit machen", sagt Dr. Köhler.

Arbeit, die eigentlich gelernte Kräfte machen müssten. "Plusminus" liegt ein Vertrag vor, der zeigt, was eine Pflegefirma pro Patient in einer Beatmungs-WG von der Krankenkasse bekommt: 32,50 Euro. Das sind im Monat rund 23.400 Euro. "Ich hatte etwa 70 Pflegekräfte in mehreren Beatmungs-WGs betreut. In einem Jahr haben wir 400.000  Euro erwirtschaftet, das waren 22 Prozent Gewinn. Das war aber der Geschäftsführung nicht genug. Wir sollten mehr Patienten akquirieren, und so wenig wie möglich Lohnkosten machen", sagt uns ein Insider. "Da haben wir dann Ungelernte und Auszubildende eingestellt. Die Arbeitsagentur hat sogar die Kosten für die Azubis übernommen. Andere Standorte hatten sogar über 60 Prozent Gewinn."

Hoher Gewinn auf Kosten des Patienten

Wir bekommen Einblick in die Geschäftsunterlagen, die die Behauptungen bestätigen. Rund 64.000 Euro hat die Krankenkasse für drei Patienten in einer WG monatlich gezahlt. Abzüglich der Ausgaben blieben über 41.000 Euro. Das bedeutet, einen Gewinn von 64 Prozent. Unser Insider bestätigt uns auch, dass es dabei regelmäßig zu gefährlichen Situationen gekommen ist. Für unseren Beatmungs-Experten keine Überraschung. "Also die häufigste Todesursache bei diesen beatmeten Patienten ist, dass die einen Schleimpfropf hochhusten, der den Tubus verstopft, und eine akute Erstickung auslöst", so Dr. Köhler.

Ein Arzt füllt ein Formular aus
Manche leitende Ärzte entscheiden mitunter nach Beatmungsstunden.

Keine Qualifikation, und die Kassen zahlen trotzdem?  Der GKV-Spitzenverband erklärt auf Nachfrage dazu: "Eine …Regelung für den Bereich ….gibt es nicht. Wir gehen aber davon aus, dass die Krankenkassen in ihren Verträgen ... die fachlich notwendigen Anforderungen an das Personal detailliert vereinbart haben."

Jeden Morgen pflegt Regina Nolte die Narbe an ihrem Hals. Bevor die Beatmungskanüle entfernt werden konnte, musste ihre Luftröhre in einer vierstündigen Operation verkürzt werden. Sie war stark geschädigt. Seit der OP fällt ihr das Sprechen schwer. Hätte sie nicht diesen Willen gehabt, wie wäre Regina Noltes Geschichte dann verlaufen? Beatmungspatienten sind dem System ausgeliefert.

"Das ist eine Ökonomisierung eines Schicksals, im Grunde von Menschen, die arm dran sind, die eine schwere Krankheit erlitten haben, die nach der Intensivtherapie zwar überlebt haben, aber nicht mehr in ein normales Leben zurück können", so Dr. Rosseau. "Die haben noch mal gerade zu stehen, für eine Renditeerwartung eines Unternehmens. Das ist eigentlich ethisch kaum vertretbar."

Autorin: Pia Busch

Stand: 19.11.2015 09:05 Uhr

Sendetermin

Mi, 18.11.15 | 22:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.