SENDETERMIN Mi, 15.03.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Nullzins und Inflation – Verbraucher in der Klemme der EZB

PlayDer Preis für Heizöl kletterte in einem Jahr um 43,8 Prozent.
Nullzins und Inflation – Verbraucher in der Klemme der EZB | Video verfügbar bis 15.03.2018

– Inzwischen liegt die Inflation bei 2,2 Prozent.
– Laut Statistik hat sich Energie am stärksten verteuert.
– Wenn die Löhne nicht nachziehen, bekommt die Wirtschaft einen Dämpfer.

Wahrscheinlich ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Zuletzt im Supermarkt beim Gemüseeinkauf? Oder beim Tanken? Oder mit einem Blick auf die Strom- oder Gasrechnung? Die Preise steigen. Und zwar deutlich stärker als in den Jahren zuvor.

Inzwischen liegt die Inflation bei 2,2 Prozent. Das wäre jetzt die Zeit für die Europäische Zentralbank, um die Zinspolitik zu ändern. Also Schritt für Schritt die Zinsen wieder anzuheben. Die Amerikanische Zentralbank hat das heute angekündigt. Und bei uns? Da wird das Leben jetzt immer teurer.

Die Inflation beim Einkauf

In einem Einkaufswagen liegen verschiedene Dinge.
Warum kaufen wir was ein?

Susanne Kromer mit ihren drei Kindern Benedikt 7, Johanna, 6 und Xaver zwei Jahre alt beim täglichen Einkauf frischer Lebensmittel. Solange sie es sich noch leisten kann, legt sie Wert auf gesunde Ernährung aus dem Biomarkt.

»Ich weiß dass es ein ziemlich großer Posten ist, der viel verschlingt vom Haushaltsgeld.Ich führe nicht so ganz gut Haushaltsbuch, also Butter, Milch, das ist das, was glaube ich, ziemlich gestiegen ist.«

Stimmt ihr Gefühl? Das statische Bundesamt hat ausgerechnet, dass Milchprodukte innerhalb der vergangenen 12 Monate um 2,7 Prozent teurer wurden. Wahre Preissprünge gibt es beim Gemüse. Es wurde 21 Prozent teurer. Die Brotpreise stiegen im vergangenen Jahr nur um 0,4 Prozent.

Familie Kromer lebt zur Miete in einem Reihenhaus in München. Es sind nicht nur die Lebensmittel, der gesamte Alltag kostet mehr. Der kleine Xaver zum Beispiel braucht Windeln.

»Bei den Windeln ist es so, die werden versteckt teurer. Da sind dann einfach ein paar Windeln weniger drin in der Packung. Das merkt man nicht immer sofort.«

Die Energiepreise klettern weiter

Der Preis für Heizöl kletterte in einem Jahr um 43,8 Prozent.
Der Preis für Heizöl kletterte in einem Jahr um 43,8 Prozent.

Stefan Kromer schaut im Preisrechner im Internet, was dieses Jahr das Öl kostet. Die letzte Füllung kam vergangenen April. Jetzt müsste Stefan für die gleiche Menge statt 1099 Euro 1312 Euro zahlen.

Laut Statistik hat sich Energie am stärksten verteuert. Der Preis für Heizöl kletterte in einem Jahr um 43,8 Prozent.

Die Inflation in Deutschland und der EU

Unterm Strich gab es in Deutschland im Februar im Vergleich zum Vorjahr eine Inflation von 2,2 Prozent. In Europa kam nach einer Phase der Deflation die Inflation zurück mit 2 Prozent Preisanstieg.

Die Lage der Bausparkassen

Auch für die Finanzbranche rentiert es sich derzeit nicht. Gerade Bausparkassen leiden unter der aktuellen Nullzinspolitik. Das bisherige Geschäftsmodell ist gefährdet.

Dr. Franz Wirnhier, Vorstandsvorsitzender LBS Bayern:

»Wenn Geld nichts mehr wert ist, weil es keine Zinsen mehr gibt, kann man auch keine großen Erträge erwirtschaften.«

Immer mehr Bausparkassen kündigen die Verträge von Altkunden.
Bausparkasse

Deshalb schuf die Bundesregierung ein neues Bausparkassengesetz, um die Situation zu entschärfen. Nun dürfen die Unternehmen auch losgelöst von Bausparern Immobilienkredite vergeben. Und die Gelder der Sparer dürfen sie riskanter in Aktien anlegen und so mit mehr Rendite. Doch reicht das, um Kunden zu halten und neue zu bekommen?

Dr. Franz Wirnhier, Vorstandsvorsitzender LBS Bayern:

»Um den Menschen Anreize zu geben, für die eigenen vier Wände Geld anzusparen genauso aber überhaupt um Geld längerfristig anzusparen, müsste die staatliche Förderung ausgeweitet werden und vielleicht auch eine Familienkomponente bei der Bauförderung eingeführt werden.«

Die Entscheidung der EZB

Mario Draghi
EZB-Chef Mario Draghi will die Inflationsrate auf zwei Prozent bringen.

Schnellere Abhilfe könnte eine Zinswende der europäischen Zentralbank EZB bringen. Sie wollte mit der lockeren Geldpolitik die Inflation auf zwei Prozent treiben. Die Zielmarke hat sie nun erreicht. Trotzdem hielt EZB-Chef Mario Draghi auch am vergangenen Donnerstag wieder am Nullzins und an massiven Anleiheaufkäufen bis Jahresende fest. Weil Energie die Preise extrem treibt, sieht er die Inflation noch nicht gefestigt.

Mario Draghi, Präsident Europäische Zentralbank:

»A very substantial degree of monetary accommodation is still needed for underlying inflation pressures to build up and support headline inflation in the medium term.«

Draghi meint also, es sei noch eine erhebliche geldpolitische Unterstützung erforderlich, um mittelfristig die Inflation anzuheben und zu unterstützen.

Doch es gibt Gegenstimmen

Das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München teilt Draghis Ansicht nicht.

Prof. Clemens Fuest, Präsident ifo-Institut München:

»Ich bin eigentlich der Meinung, es wäre an der Zeit, den Fuß ein bisschen vom Gas zu nehmen und zumindest die Anleihekäufe jetzt langsam herunterzufahren. Jetzt zu sagen, wir ignorieren die Inflation weil die Energie teuer ist, das ist sicher der falsche Weg.«

Doch wie entwickeln sich die Löhne?

Ein-Euro-Münze
Wann kommt die Trendwende?

Während die Großen diskutieren, fragt sich Stefan Kromer, ob er die Mehrausgaben mit mehr Lohn wieder ausgleichen kann.

Prof. Clemens Fuest, Präsident ifo-Institut München ist der Meinung, dass die Löhne die Inflationsrate berücksichtigen sollten und dabei sollte man nicht nach hinten schauen und fragen, wie war im letzten Jahr die Inflation, sondern man sollte die Inflationserwartungen da einbringen. UIm Moment sehe man, dass das bei einigen Lohnabschlüssen nicht passiert. Das heißt, die Gewerkschaften werden hier wahrscheinlich überrascht.

Wenn die Löhne nicht nachziehen, lähmt das nicht nur bei den Kromers den Konsum und die Wirtschaft bekommt wieder einen Dämpfer.

Stand: 15.03.2017 22:46 Uhr