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Obdachlos trotz Arbeit: Wohnungsnot in Großstädten

PlayEin Mann sitzt auf einem Bett und blickt zum Fenster hinaus.
Obdachlos trotz Arbeit | Video verfügbar bis 14.03.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

– Günstiger Wohnraum oder Sozialwohnungen werden in Großstädten immer knapper.
– Selbst wer arbeitet, aber nicht viel verdient, bleibt bei der Wohnungssuche auf der Strecke. Manchen landen dann in Notunterkünften.
– Kommunen und Länder haben häufig Bauland und Wohnungen verkauft. Das fehlt jetzt für soziale Zwecke.
– Ballungsräume rufen nach der Unterstützung durch die Bundespolitik.

Vor allem in Großstädten steigen die Wohnungspreise auf dem freien Markt ins Unermessliche. Bezahlbarer Wohnraum oder Sozialwohnungen sind knapp. Wer durch Kündigung, Trennung oder einen anderen Schicksalsschlag gezwungen ist, sich eine Wohnung zu suchen, und nur wenig verdient, bleibt da schnell auf der Strecke. So wie Sonja.

Nach der Scheidung ging's bergab

Von den Balkons eines unsanierten Mietshauses hängen Protestplakate mit den Aufschriften "Wir sind kein Spekulationsobjekt!" und "Hier wird verdrängt".
Geringverdiener können bei den steigenden Mieten in Großstädten oft nicht mehr mithalten.  | Bild: IMAGO

Sonja wohnt seit fast zwei Jahren mit ihrem Hund Chessi in einem Berliner Heim für Wohnungslose. Gerade einmal zehn Quadratmeter bietet ihnen die bescheidene Bleibe, Platz für das Notwendigste. Die Toilette und die Küche auf dem Flur muss sie mit vielen anderen teilen. So zu leben, war natürlich nie der Plan der gelernten Außenhandelskauffrau: "Ich hätte auch nie gedacht, dass das hier im Obdachlosenheim endet. Man checkt es nicht, man kann es sich einfach nicht vorstellen. Aber Dinge passieren eben im Leben."

Aber Sonja findet keinen Job. Nach ihrer Scheidung  unterstützte sie ihr Exmann zunächst noch finanziell. Sie zog in ein möbliertes Appartement in einem Haus am Hohenzollerndamm in Berlin, eine gute Gegend. Doch der Mietvertrag war nur befristet, und "dann sagte mir die Vermieterin, ich müsste da raus. Sie hätte halt ihre Gründe. Und dann habe ich gesagt, naja, aber ich habe jetzt keine Wohnung, wo soll ich denn hin? Da hat sie gesagt, das sei ihr egal."

Sonja war fest überzeugt, schon bald eine Wohnung zu finden. Inzwischen sucht sie seit fast zwei Jahren, doch hunderte Bewerbungen und zahllose Besichtigungstermine sind bislang ohne Erfolg geblieben. Immer war sie eine von vielen Wohnungsinteressenten und jedesmal hatte sie das Nachsehen.

Wenn die Wohnung weg ist, wird es eng

Eine Frau sitzt mit ihrem Hund in einem kleinen Zimmer.
Zehn Quadratmeter hat Sonja für sich und ihren Hund Chessi. | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Menschen mit wenig Geld wie Sonja haben es besonders schwer, bei den explodierenden Mieten in Berlin mithalten zu können. Heimleiter Clemens Ostermann weiß: Wer einmal seine Wohnung verloren hat, für den wird es eng: "Wir beobachten zunehmend, dass Menschen aus dem Mittelstand, aus der Mittelschicht durchrutschen zu uns und hier untergebracht werden müssen und auch große Mühe haben, unser Wohnheim mit einer eigenen Wohnung zu verlassen.  Weil der Wohnungsmarkt so leer ist, so leergefegt ist, dass es eben zunehmend schwieriger wird. "Mittlerweile kommen selbst bei kommunalen Anbietern in Berlin 44 Bewerber auf eine Wohnung.

Falsche Entscheidungen

Blick über Berlin
In Berlin und anderen deutschen Metropolen wird bezahlbarer Wohnraum immer kapper.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Sebastian Scheel, Staatssekretär für Wohnen  im Berliner Senat, ist überzeugt, dass diese Entwicklung vorhersehbar war und dass das Land Berlin Fehler gemacht hat: "Man hat viel zu lange auch verkauft in Berlin, gute Flächen,  die wir jetzt dringend brauchen könnten, um Wohnungen zu erstellen. Wir haben Wohnungen in Berlin verkauft aus einer finanziellen Notlage heraus. Aber das ist im Nachhinein natürlich ein sehr teurer Fehler gewesen, weil wir zu Zeiten verkauft haben, wo man kaum etwas dafür bekommen hat, und uns hier jetzt auch die Handlungsmöglichkeiten fehlen."

Zwei Drittel weniger Sozialwohnungen

Vor allem an Sozialwohnungen mangelt es in Berlin. Während es 1995 noch 330.000  gab, sind es jetzt zwei Drittel weniger, nämlich nur noch 110.000. Gleichzeitig explodieren auf dem freien Wohnungsmarkt die Preise – und der Druck auf Mieter wächst: Inzwischen werden selbst kleinste Fehler genutzt, um alteingesessene Mieter loszuwerden. Wenn es Kündigungsgründe gibt, werden diese gnadenlos durchgesetzt. Nur selten wird versucht zu vermitteln.

Und plötzlich auf der Straße

Eine 63-jährige Berlinerin, die nicht erkannt werden möchte, beschreibt gegenüber "Plusminus", wie sie zur Bewohnerin eines Heims für Wohnungslose wurde: "Ich habe neunundzwanzigeinhalb Jahre in der gleichen Wohnung in Charlottenburg gewohnt. Schöne Altbauwohnung, nichts Spektakuläres, aber eine ganz normale geräumige Wohnung. Und dann bin ich krank geworden. Das hat ursächlich mit dem Tod meines Mannes zu tun." Nachdem ihr Mann ganz plötzlich verstorben war, verfiel sie in Depressionen. In der akuten Phase hatte sie Probleme, ihren Alltag zu regeln. Sie hatte keinen Antrieb mehr, öffnete auch ihre Post nicht. Dadurch "ist zwei Monate lang die Miete nicht überwiesen worden, obwohl Geld auf dem Konto war. Und dann ist ganz schnell im dritten Monat sofort per Eilantrag eine Räumungsklage, also Kündigung gleich mit hinterher einer Räumungsklage gekommen, und dann bin ich am 17. Februar 2017 geräumt worden, vormittags aus meiner Wohnung. Nach neunundzwanzigeinhalb Jahren." Von einem Moment auf den anderen stand sie mit ein paar Habseligkeiten in Berlin­-Charlottenburg auf der Straße.

Kündigungen mit System

Hinter solchen Kündigungen steckt System, weiß der Jurist Stefan Bentrop vom Deutschen Mieterverein: "Wir beobachten, dass insbesondere dort, wo preiswerter Wohnraum knapp ist und wo Mieter geringe Mieten zahlen, Vermieter die Tendenz haben, die Wohnungen bekommen zu wollen, an sich zu ziehen, um sie dann lukrativer zu vermieten."

Münchener Nöte

Ein junger Mann sitzt auf einem Bett.
Weil Mario Hinze mit seiner alten Wohnung unzufrieden war, kündigte er. Das war ein Fehler, denn in München hat er trotz Arbeit lange keine neue gefunden.  | Bild: Mitteldeutscher Rundfunk

Auch in anderen deutschen Metropolen gibt es viel zu wenig preiswerten Wohnraum, zum Beispiel in München. Rund 13.000 Menschen mit wenig Geld suchen hier ganz dringend eine Wohnung. Einer davon ist Mario Hinze. Er arbeitet Vollzeit in einer Großküche für 1.400 Euro netto im Monat und ist seit über einem Jahr wohnungslos. Seine alte Wohnung hätte er niemals kündigen dürfen, obwohl er diese als Bruchbude empfand und sich darin nicht wohlfühlte: "Ich denke, dass das ein Fehler gewesen ist. Dass ich die Wohnung nicht hätte kündigen sollen. Auch wenn die Mängel gehabt hätte, ich hätte mich dann mit dem Vermieter halt einigen müssen."

Jetzt muss er sich Abend für Abend, wenn er von der Arbeit gekommen ist, seine Bettmarke holen – bis spätestens 18.30 Uhr, sonst verfällt das Bett. Das ist eine Situation, die für ihn kaum noch zu ertragen ist: "Angst macht mir glaube ich, auf der Straße zu sein. Also nicht zu wissen, wo man hingehört. Ein Rückzugsort. Wenn man von der Arbeit kommt, braucht jeder einen Rückzugsort, wo man sich entspannen kann. Das kann man hier nicht!"

Eine Mitarbeiterin des Heimes half Mario Hinze auf dem Internetportal des Sozialamtes, eine Wohnung zu finden. Dort erfolgt die Auswahl nach Dringlichkeit. Doch die Aussichten sind schlecht. Für eine einzige Wohnung gibt es oft mehr als 500 Bewerber! Nur drei davon dürfen sich die Wohnung überhaupt anschauen. Wer sie bekommt, das entscheidet dann der Vermieter. "Ich habe mich für die Wohnungen beworben, die ich angeboten bekommen habe. Aber ohne großen Erfolg. Ich war zwar immer im obersten Drittel, aber leider immer abgelehnt." Doch hatte Mario Hinze doch Glück: Vor kurzem hat er endlich wieder eine Wohnung gefunden. Doch für viele andere besteht das Problem weiterhin.

Fast alle Metropolen sind betroffen

Von mehr als 17.000 Bewerbern erhalten rund 3.000 pro Jahr eine Wohnung über dieses Portal. Seine Hoffnung schwindet immer mehr. Ob Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart: Die Wohnungsmisere betrifft mittlerweile fast alle deutschen Metropolen. Die Ursachen sind vielfältig:

  • Seit Jahren sinkt die Anzahl der Sozialwohnungen und günstiger Wohnraum insgesamt
  • Kommunen und Länder haben Bauland, Wohnungen, ja sogar komplette Wohnungsbaugesellschaften verkauft.
  • Die Modernisierungsumlage ist mit elf Prozent viel zu hoch und ein Anreiz für Vermieter, die Einnahmen in die Höhe zu treiben.

Bundespolitik gefragt

Die Stadt München hat einiges getan, um die Situation zu verbessern, zum Beispiel bereits verkaufte Sozialwohnungen zurückgekauft. Aber die Stadt kann die massiven Probleme nicht allein lösen, erklärt die Münchner Sozialreferentin Dorothee Schiwy: "Es ist natürlich richtig, dass wir beim Sozialwohnungsbau dringend Unterstützung brauchen seitens der Bundesregierung. Eines ist klar: Die Probleme der Ballungsräume hinsichtlich der Enge und Wohnungsnot kann nicht auf kommunaler Ebene gelöst werden, sondern diese Probleme müssen auf der Bundesebene mitgelöst werden.

Das Bundesministerium für Umwelt und Bau sieht das unter der aktuellen Führung genauso und ist bereit, die Länder zu unterstützen: "Dabei muss klar sein: Wenn der Bund sich dauerhaft beteiligt, muss das Geld zweckgebunden dort eingesetzt werden, wo der Mangel an bezahlbaren Wohnungen am größten ist." Eile ist geboten, damit eine Trendwende eintritt, sonst bleiben weiterhin Hunderttausende Menschen mit wenig Geld auf der Strecke, weil sie bei den massiv ansteigenden Mieten nicht mithalten können.

Autorinnen: Anett Wittich, Stine Bode, Ulrike Werner

Stand: 15.03.2018 08:56 Uhr