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Patientenberatung

Unabhängigkeit gefährdet?

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Patientenberatung Unabhängigkeit gefährdet? | Video verfügbar bis 28.07.2016

Die Unabhängige Patientenberatung, die Patienten bei Problemen mit Ärzten, Kliniken oder Krankenkassen hilft, soll neu aufgestellt werden. PLUSMINUS fragt: Ist die Unabhängigkeit gefährdet?

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hilft Patienten, wenn es Ärger mit dem Arzt, der Klinik oder der Krankenkasse gibt. So sieht es das Gesetz vor. Durchgeführt werden die Beratungen von verschiedenen Trägern, etwa von den Verbraucherzentralen und dem Sozialverband VdK.

Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte
Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte

Der Gesundheitsexperte Thomas Isenberg hat das Konzept der UPD für die Verbraucherzentralen mit entwickelt: "Jeder zerrt mit seinen Interessen am Patienten, da ist die Pharmaindustrie, da sind Apotheken, da sind die Ärzte, Krankenhäuser, Pflegedienstleistungen und andere. Und es kommt darauf an, mit der UPD eine dritte Säule im Gesundheitswesen aufzubauen, wo der Patient weiß, er wird gut beraten und auch unterstützt bei der Wahrnehmung seiner Interessen, auch gegenüber Krankenkassen."

Mit dieser Unabhängigkeit könnte jedoch bald Schluss sein. Denn ab 2016 soll das Duisburger Unternehmen Sanvartis die Beratungen durchführen. Ausgerechnet Sanvartis, das Callcenter für die Krankenkassen betreibt. Jeder dritte Versicherte, der bei seiner Kasse anruft, landet in Wirklichkeit bei Sanvartis. Kann ein solches Unternehmen wirklich unabhängig Patienten beraten, etwa bei einem Konflikt mit der Krankenkasse?

Vergabe durch Krankenkassen

Für Sanvartis auf jeden Fall ein Riesengeschäft. Denn bei den Beratungen geht es um über 60 Millionen Euro in den nächsten sieben Jahren. Besonders pikant: Für die Vergabe sind die Krankenkassen zuständig, die nun eine ihrer eigenen Partnerfirmen beauftragen wollen.

Prof. Rolf Rosenbrock, Beirat der UPD
Prof. Rolf Rosenbrock, Beirat der UPD

Unmöglich findet diese Entscheidung Professor Rolf Rosenbrock, der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der UPD und kennt die Bewerbungsunterlagen: "Wir glauben nicht, dass die Entscheidung, wie sie sich jetzt abzeichnet, die Unabhängigkeit und die Patientenorientierung und die Neutralität gewährleistet, und sind deshalb der Auffassung, dass das eine falsche Entscheidung ist."

Dafür mitverantwortlich ist Karl-Josef Laumann, der Patientenbeauftrage der Bundesregierung, zuständig für das Wohl der Patienten. Doch er hat die Entscheidung der Krankenkassen abgenickt. Warum, das hätten wir ihn gerne gefragt. Ein Interview lehnt er ab. In einer allgemeinen Presseerklärung teilt er lediglich mit,  dass "Neutralität und Unabhängigkeit" gewährleistet seien.

Auch beim Spitzenverband der Krankenkassen wird abgewiegelt.So erklärt Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband der Krankenkassen: "Ich bin sehr optimistisch, dass der neue Träger der Unabhängigen Patientenberatung tatsächlich unabhängig ist. Denn das ist zentrale Bedingung."

Beratung gegen Kasseninteressen?

Über ihre Beweggründe verraten uns die Kassen nichts, schieben juristische Gründe vor. Aber sie kritisieren die bisherige Arbeit der UPD: Viele Patienten hätten die Hotline nicht erreichen können. Das gibt sogar die UPD selbst zu: 80.000 Beratungen hat sie im vergangenen Jahr durchgeführt, persönlich und am Telefon. Mehr gehe nicht mit den vorhandenen finanziellen Mitteln. Gute Beratung sei eben teuer. Künftig gibt es deutlich mehr Geld und damit könnte auch die bisherige UPD mehr Beratungen anbieten.

"Selbstverständlich, wenn die Fördersumme pro Jahr von fünf auf neun Millionen Euro pro Jahr angehoben wird, dann kann natürlich auch die alte UPD mehr Kapazitäten bereitstellen, mehr Berater einstellen, eine dichtere Erreichbarkeit gewährleisten, zu alledem wäre ein Wechsel des Dienstleisters nicht notwendig gewesen", sagt Prof. Rolf Rosenbrock, Beirat der UPD.

Hinzu kommt: Die bisherige UPD leistet nachweislich gute Arbeit. Die Krankenkassen selbst haben eine Untersuchung beim IGES-Institut in Auftrag gegeben. Ergebnis: Eine außerordentlich gute Beratungsqualität. Es gebe kaum noch Verbesserungspotential.

Welches Ziel die Kassen verfolgen

Warum wollen die Kassen dieses Erfolgsmodell stoppen? "Bei der Vergabe-Entscheidung geht es darum, wer wird künftig mit welchem Konzept auf welcher Grundlage die UPD führen, das ist nicht verbunden mit einer Bewertung dessen, was ist in der Vergangenheit gelaufen", sagt Florian Lanz vom GKV-Spitzenverband der Krankenkassen.

UPD-Broschüre
UPD-Broschüre

Die bisherige gute Arbeit der UPD ist also offenbar egal. Die Kassen scheinen in Wirklichkeit ein ganz anderes Ziel zu verfolgen. Denn die UPD hilft den Versicherten immer öfter, wenn sie von ihrer Krankenkasse unter Druck gesetzt werden. Immer wieder geht es ums Krankengeld. Laut UPD werden die Versicherten nicht ausreichend über ihre Rechte informiert, Zahlungen werden hinausgezögert oder ganz verweigert. Die Kassen drücken sich. Darüber informiert die UPD auch die Öffentlichkeit.

Mit der Beauftragung von Sanvartis könnten die Kassen dieses Ärgernis elegant aus dem Weg räumen. "Ein Unternehmen, das einen sehr großen Teil seines Umsatzes mit dem Ziel der Gewinnerzielung mit gesetzlichen Krankenkassen macht, hat einfach objektiv große Hemmungen, kritisch gegenüber den Kassen zu sein, man beißt nicht die Hand, die einen füttert", sagt Prof. Rolf Rosenbrock, Beirat der UPD.

Gesundheitsexperte Thomas Isenberg meint dazu: "Die UPD, so wie sie in den letzten 15 Jahren bewusst aufgebaut worden ist, ist ja auch ein Stachel im Fleisch des Gesundheitswesens, darf ich sagen, da wird auch eine kritische Stimme erhoben, da wird auch gegen die Interessen der Krankenkassen Partei ergriffen und gegen andere Interessen zugunsten des Patienten." Am Ende wird die Neuvergabe der Patientenberatung wohl auf Kosten der Versicherten gehen. Die könnten im Kampf mit ihrer Krankenkasse in Zukunft auf sich allein gestellt sein.

Beratungsmöglichkeiten für Patienten

Noch bis zum Jahresende 2015 können Patienten die unabhängige Patientenberatung in der bisherigen Trägerschaft in Anspruch nehmen. Dann wird möglicherweise ein neues Beratungsnetz aufgebaut. Das wird für Patienten weiter kostenfrei sein. Doch ob auch bei Streitigkeiten mit den Krankenkassen die Patienteninteressen im Vordergrund stehen, bleibt abzuwarten.

Nach wie vor haben jedoch Patienten auch die Möglichkeit, verschiedene Beratungsangebote der Verbraucherzentralen zu nutzen. In den einzelnen Bundesländern ist jedoch der Umfang der Beratungsangebote sehr unterschiedlich. Manche Verbraucherzentralen bieten nur eine telefonische Beratung zu wenigen patientenrechtlichen Fragen an. Bei anderen Landes-Verbraucherzentralen gibt es Beratungen durch qualifizierte Berater mündlich und schriftlich und sogar durch Rechtsanwälte bis hin zur rechtlichen Vertretung vor Gericht. Alle Beratungsangebote der Verbraucherzentralen sind aber kostenpflichtig.

Bei Streitigkeiten mit Ärzten und Krankenhäusern kann für Patienten auch weiterhin die eigene Krankenkasse eine gute Anlaufstelle für Beratung und Unterstützung sein. Um ihre Rechte gegenüber Krankenkassen wahrnehmen zu können, sollten Versicherte sich selbst umfassend informieren. Dazu stehen auch im Internet zahlreiche Möglichkeiten, beispielsweise auf den Seiten des Bundesministeriums für Gesundheit, zur Verfügung.

Stand: 30.07.2015 11:41 Uhr