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PCB: Billiger Baustoff mit Spätfolgen

PlayPCB-Betroffener in Krankenbett
Billiger Baustoff mit bösen Spätfolgen | Video verfügbar bis 23.03.2017
PCB-Gefahrenhinweis in einer Turnhalle (Montage)
In vielen Turnhallen gelangt noch immer die krebsverdächtige Chlorverbindung PCB in die Luft.

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind Weichmacher, die in Deutschland bereits seit 1978 verboten sind. Allerdings steckt der krebserregende Stoff noch heute in zahlreichen öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel in Kindergärten, Schulen und Universitäten. PCB gelangt aus Fugenmassen und Farben in die Raumluft. Die Internationale Agentur für Krebsforschung hat PCB in die höchste Gefahrengruppe eingeordnet. Damit gilt PCB als krebserregend. Täglich atmen Tausende Schüler, Studenten, Lehrer und Professoren PCB in so hoher Konzentration ein, dass sich ihr Krebsrisiko erhöht.

24.000 Tonnen PCB in Fugenmasse und Farbe

In Deutschland kamen circa 24.000 Tonnen PCB in Bauprodukten zum Einsatz:

  • 20.000 Tonnen in Fugenmassen: Bis 1975 wurden sie in Schulen, Kindergärten und Universitätsgebäuden verwendet. Auch in Rathäusern, Feuerwehrhäusern, Musikschulen und Friedhofsgebäuden wurde mit PCB gebaut.

  • 4.000 Tonnen in Farben, Lacken und Papierbeschichtungen: Häufig wurden Deckenplatten mit einem PCB-haltigen Anstrich versehen.

PCB-haltiges Material in jeder dritten Schule

Große Mengen PCB befinden sich in Gebäuden, die vor 40 bis 50 Jahren errichtet wurden. Circa 50 bis 80 Prozent der PCB-haltigen Fugenmassen und Farbanstriche wurden bis heute nicht entfernt. Das geht aus einer Analyse für das Umweltbundesamt hervor. Demnach befindet sich in jeder dritten Schule in Deutschland PCB-haltiges Material.

Richtlinie erlaubt hohe PCB-Konzentration

Ob ein Gebäude saniert werden muss, entscheiden Experten gemäß PCB-Richtlinie. Sie orientiert sich an Einschätzungen aus dem Jahr 1994 und verharmlost die Gefahren von PCB, heißt es in einer Analyse für das Bundesumweltamt. Die aktuell gültige PCB-Richtlinie mutet Raumnutzern eine PCB-Konzentration in der Atemluft zu, die um den Faktor 50 über dem Wert liegt, den die Weltgesundheitsorganisation WHO seit 2003 für tolerabel hält.

Eine Anfrage von Plusminus zur veralteten PCB-Richtlinie wurde im März auf der Bundesbauministerkonferenz behandelt. Doch keine der gestellten Fragen konnte die Fachkommission Bautechnik der Bauministerkonferenz beantworten. Das Gremium, das die PCB-Richtlinie damals ausarbeitete, sei zwischenzeitlich aufgelöst worden. Eine fachlich fundierte Stellungnahme sei daher nicht möglich. Die inhaltliche Aktualität der Richtlinie wolle man überprüfen und gegebenenfalls Korrekturen veranlassen.

Hohe PCB-Konzentration nach Sanierung

Bei einer Sanierung muss PCB-haltiges Material nicht vollständig entfernt werden. Laut PCB-Richtlinie reicht es zum Beispiel aus, belastete Fugenmasse mit einem Schutzlack zu versehen. PCB gelangt dann aus der Fugenmasse in den Lack und von dort an die Atemluft. Auch aus so genannten sekundär belasteten Materialien kann PCB ausgasen, zum Beispiel aus Schränken, Tischen, Büchern und Computern. Das Problem: Oft wird auf Kontrollmessungen verzichtet oder absichtlich bei niedriger Raumtemperatur gemessen, weil dann weniger PCB freigesetzt wird. Bei hohen Temperaturen sind Schüler und Studenten höheren PCB-Konzentrationen ausgesetzt.

PCB gelangt durch Lüften in die Umwelt

Ist die PCB-Konzentration in der Raumluft zu hoch, wird bis zur Sanierung häufiges Lüften empfohlen. Doch dadurch gelangen große Mengen PCB in die Umgebung und belasten Bauwerke, Böden, Vegetation und Wasser. Nach Schätzungen des Umweltbundesamts werden 24 Tonnen PCB pro Jahr in Böden eingetragen.

PCB-Hersteller Bayer AG verdient an der Entsorgung

Die I.G. Farbenindustrie AG, heute Bayer AG, hat PCB-haltiges Baumateriel von 1935 bis 1972 in Deutschland verkauft. Für die Kosten der PCB-Sanierungen fühlt sich die Bayer AG nicht zuständig. Es gebe dazu keine gesetzliche Verpflichtung, teilt das Unternehmen mit. Die Eigentümer der Gebäude müssten dafür Sorge tragen, dass eine Gefährdung für Mensch und Umwelt ausgeschlossen ist. Die Bayer AG verdient auch an der Entsorgung ganz legal mit - sie entsorgt PCB in Sondermüllverbrennungsanlagen.

Bericht: Alexa Höber

Das Videomaterial zur Fugensanierung durch den Arbeiter im weißen Schutzanzug wurde Plusminus vom Unternehmen Fugentechnik Ott zur Verfügung gestellt.

Stand: 23.03.2016 22:55 Uhr

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