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Pleiterisiko Betriebsrenten: Wenn alte Zusagen zur drückenden Last werden

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Pleiterisiko Betriebsrenten: Wenn Zusagen zur Last werden | Video verfügbar bis 20.10.2016

Tausende Unternehmen haben ihren Mitarbeitern Betriebsrenten versprochen, die jedoch für immer mehr Firmen zu einem wachsenden Risiko werden. Viele Unternehmen haben auf gute Geschäfte vertraut und für die Auszahlung keine ausreichende Vorsorge getroffen. Durch die niedrigen Zinsen werden die Zusagen nun teuer und für manche sogar zur existenziellen Gefahr.

Der Mittelstand gilt  als Lokomotive der deutschen Wirtschaft. Laufen die Geschäfte beim Mittelstand, brummt auch die Wirtschaft. Doch damit  könnte es bald vorbei sein, denn viele Unternehmen müssen millionenschwere Lasten mitziehen.

Insolvenz durch Pensionsversprechen

Fleischmann-Modellbahnen
Fleischmann-Modellbahnen

Bereits ausgebremst: Fleischmann. Der Name steht seit mehr als 100 Jahren für Modellbahnen. Doch seit August 2015 ist das Unternehmen insolvent. Hauptgrund sind zu hohe Pensionslasten. In den 70er und 80er Jahren war Fleischmann prächtig in Fahrt. Deshalb versprach das Unternehmen seinen Mitarbeitern eine Betriebsrente, direkt vom Unternehmen bezahlt.

Das war zwar eine zusätzliche finanzielle Last, aber das Geschäft lief ja gut. Eine verhängnisvolle Entscheidung, meint heute der Insolvenzgeschäftsführer Maximilian Breitling: "Zu gut gehenden Zeiten möchte man ja als aufrechter Unternehmer seine Mitarbeiter in irgendeiner Form absichern oder beteiligen an diesem prosperierenden Unternehmen, nicht daran denkend, dass es auch mal schlecht gehen kann, was jetzt auch in den 2000er Jahren der Fall war."

Seitdem gingen die Umsätze zurück, die Mitarbeiterzahl sank. Doch die Betriebsrenten mussten trotzdem gezahlt werden, bis zum bitteren Ende. Der Insolvenzgeschäftsführer sagt dazu: "Zum Schluss hätten 33 aktive Mitarbeiter für 800 Rentenanwärter beziehungsweise Rentenbezieher deren Rentenbezüge beziehungsweise Anwartschaften erwirtschaften müssen, was ersichtlich unmöglich ist."

Die Betriebsrenten übernimmt jetzt eine Selbsthilfeeinrichtung der Wirtschaft. Doch Fleischmann ist kein Einzelfall. Mittelständische Unternehmen haben ihren Mitarbeitern Pensionen in Höhe von insgesamt 24 Milliarden Euro versprochen. Die schleppen sie jetzt mit sich, denn nur ein Drittel hat dafür auch richtig vorgesorgt. Die große Mehrheit muss die Betriebsrenten direkt vom Gewinn bezahlen, sagt Prof. Dieter Truxius, Mittelstands- und Bilanzexperte an der Universität Mannheim und beim Verband Bilanzierung in Familienunternehmen: "Diejenigen, die viel versprochen haben, die können durchaus in Existenznöte geraten. Da wird dann jetzt, das ist nicht mehr zu verhindern, der Gewinn einige Jahre ausfallen, das Unternehmen wird in die Verlustsituation kommen, das Eigenkapital wird aufgezehrt."

Risiken trotz Vorsorge

Sogar Unternehmen, die frühzeitig Geld zurückgelegt haben nun schwer zu schleppen.

Sensorproduktion bei ifm
Sensorproduktion bei ifm

Über 5.000 Mitarbeiter beschäftigt ifm in Tettnang. Das Familienunternehmen stellt Sensoren und andere Messtechnik her, etwa für die Autoindustrie oder den Maschinenbau. Auch ifm hat seinen Mitarbeitern Betriebsrenten zugesagt, im Schnitt 675 Euro pro Monat, und hat jetzt ein Problem: Die niedrigen Zinsen.

Das Unternehmen hat für die Betriebsrenten extra Geld angespart, doch dafür bekommt es kaum noch Zinsen. Deshalb muss das Unternehmen Geld in das firmeneigene Pensionswerk nachschießen und das ist teuer. Martin Buck, Vorsitzender der Geschäftsführung ifm electronic, erklärt dazu: "Nach der derzeitigen Rechtslage müssen wir wegen der niedrigen Zinsen jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge zurückstellen, im Jahr 2015 waren das knapp 40 Millionen Euro, die wir zurückstellen mussten."

In den nächsten Jahren werden es weitere 130 Millionen Euro sein. Geld, das anderer Stelle fehlt. Martin Buck, Vorsitzender der Geschäftsführung ifm electronic weiter: "Das Geld, das wir als Unternehmen als Gewinn erwirtschaften, können wir wie jeder andere auch einfach nur einmal ausgeben. Wenn wir das Geld zurückstellen für das Pensionswerk bedeutet das, dass es uns nicht mehr zur Verfügung steht, um in unser Geschäft zu investieren, es steht uns also nicht mehr zur Verfügung, um zum Beispiel neue Maschinen zu kaufen, neue Produkte zu entwickeln, also Mitarbeiter einzustellen."

Insgesamt mussten Mittelständler zuletzt 1,2 Milliarden Euro zusätzlich für die Betriebsrenten rückstellen. Das belastet die mittelständische Wirtschaft und bedeutet: Weniger Investitionen und keine neuen Jobs.

Staat als Wirtschaftsbremse

Erschwerend kommt hinzu: Die steigenden Kosten werden steuerlich nicht anerkannt. Der Staat tut so, als würden Unternehmen mit ihren höheren Rückstellungen kräftig Zinsen kassieren und langt ordentlich zu.

Mittelstandsexperte Prof. Dieter Truxius erklärt: "Und damit werden Scheingewinne besteuert, denn wenn man echte Kosten nicht abziehen darf bei der Steuer, dann hat man einen höheren steuerpflichtigen Gewinn und zahlt höhere Steuern."

Warum belastet der Staat den Mittelstand bei Betriebsrenten?

Deutscher Bundestag
Keine Hilfe von der Politik

Auf Anfrage von Plusminus, sagt das Bundesfinanzministerium immerhin, man überprüfe die "steuerbilanzielle Bewertung von Rückstellungen". Und Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt dazu "Wir arbeiten daran, behutsam dieses Problem anzugehen". Das bedeutet wahrscheinlich: Es wird noch dauern!

So bleibt den Unternehmen nur eine Möglichkeit: Auf Betriebsrenten künftig zu verzichten. Bei ifm bekommen neue Mitarbeiter schon seit längerem keine Pensionszusagen mehr. Das Geld wird ihnen im Alter fehlen.

Bricht allerdings die Konjunktur ein und bleiben die Gewinne aus, könnte die finanzielle Last für die mittelständischen Unternehmen irgendwann zu schwer werden. Mittelstandsexperte Prof. Dieter Truxius meint dazu: "Dann geht das ganz schnell, dann können Unternehmen in zwei, drei Jahren an den Rand der Existenzfähigkeit kommen, nicht alle, aber viele. Weil man dann die Renten nicht mehr bezahlen kann oder die Rückstellungen nicht mehr bilden kann, weil der Verlust dann das Eigenkapital aufzehrt, dann muss man zum Konkursrichter gehen."

Und damit wären auch viele Arbeitsplätze in Gefahr.

Plusminus-Tipps zur Altersvorsorge

Sollten mittelständische Unternehmen mit Betriebsrentenversprechen an ihre Mitarbeiter zahlungsunfähig sein, können möglicherweise auch die Betriebsrenten nicht mehr bedient werden. Deshalb ist es wichtig, die betriebliche Altersvorsorge als nur eine Säule einer gut aufgestellten Absicherung fürs Alter zu sehen.

Für Arbeitnehmer ist die gesetzliche Rente ebenfalls eine wichtige Absicherung, die jedoch in den meisten Fällen nicht ausreichen wird. Selbständige und andere nicht gesetzlich Rentenversicherte müssen diesen Teil der Absicherung ihres Ruhestandes sogar ganz mit eigener Vorsorge zusätzlich erreichen.

Bis zum Rentenbeginn ist Altersvorsorge nichts anderes als ein Sparvorgang. Man kann als Verbraucher damit jedes Anlageprodukt nehmen, das zur eigenen Risikoneigung und zu den Anlagezielen passt. Die Möglichkeiten reichen von der eigengenutzten Immobilie über vermietete Immobilien, die Mieteinnahmen abwerfen, verschiedenen Sparplänen, zum Teil staatlich gefördert, bis zur Lebens- und Rentenversicherung.

Immobilien sollten bis zum Rentenbeginn abbezahlt sein. Dann kann die eingesparte, oder bei Vermietung eingenommene Miete einen Teil der Altersvorsorge bilden.

Banksparpläne sind meist eine sichere Anlageform mit wenig Risiko, aber auch wenig Rendite. Jüngere Menschen können einen kostengünstigen Fondssparplan wählen, der aber oft auch einige Jahre liegen sollte. Dafür sind die Renditechancen deutlich besser. Fondssparpläne sollten nicht mit Fondsgebundene Lebensversicherungen verwechselt werden, bei denen man eine Lebensversicherung mit Risikoabsicherung und einen Sparanteil über einen Fonds abschließt. Ein reiner Fondssparplan ist die kostengünstigere Wahl.

Eine private Rentenversicherung ist eine starre Altersvorsorge, in die viele Jahre lang viel Geld fließt. Deshalb kommt es darauf an, ein gutes Angebot zu wählen und die wenigen Gestaltungsmöglichkeiten optimal zu nutzen.

Bei privaten Rentenversicherungen sollten zuerst die staatlich geförderten Riester- und Rürup-Verträge genutzt werden. Die Angebote unterscheiden sich jedoch sehr stark und eine gute, unabhängige Beratung beispielsweise durch die Verbraucherzentralen ist nahezu unverzichtbar.

Vereinbaren Sie, wenn möglich, eine Rentengarantie bis zu zehn Jahren. Dies kostet wenig, und wenn Sie früh sterben, rettet sie die Rente nicht nur einige Jahre lang für Ihre Erben. Auch Sie selbst können davon profitieren. Denn innerhalb dieser zehn Jahre können Sie sich immer noch für eine Kapitalleistung entscheiden. Dies ist bei der Rentengarantie inbegriffen.

Über die Rentengarantie hinaus sollten Sie keinen weiteren Hinterbliebenenschutz wählen, denn er schmälert Ihre Rente. Dies gilt erst recht, wenn Sie Single sind und gar keine Angehörigen zu versorgen haben.

Stand: 21.10.2015 22:36 Uhr

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Südwestrundfunk produziert.