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Neustart 2016: Wohnungsbau

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Neustart 2016: Wohnungsbau | Video verfügbar bis 12.01.2017

Wie fast alle Kommunen hat Musterstadt zu wenig bezahlbare Wohnungen. In der City sind die Mieten viel schneller gestiegen als die Einkommen und Renten der Mieter. Draußen auf dem Land stehen viele Wohnungen und Häuser leer, mehr als Flüchtlinge da sind. Aber viele sind zu abgelegen oder in einem schlechten Zustand. Die Stadt hat in ihrer Finanznot ihre eigenen Wohnungen an Investoren verkauft. Und die haben sich als echte Heuschrecken erwiesen. Die Mieten drastisch erhöht, aber investiert wird nur das Allernötigste. So können wir nicht weitermachen, findet Oberbürgermeisterin Wohlgemuth. Da war man in Österreich klüger.

Guter und preiswerter Wohnraum in Wien

Familie Biroczky ist in Wien sehr glücklich. Sie wohnen seit letztem Mai in einer neu gebauten Vier-Zimmer-Wohnung. Und die ist auch noch günstig. In Deutschland hätten sie kaum Chancen gehabt, etwas Vergleichbares zu finden. Und schon gar nicht bezahlbar. Weder in München noch in Berlin. In Wien war es gar kein so großes Problem. "Das ist, was ich immer gewollt habe: Eine größere Wohnung. Weil: Ich möchte eine größere Familie haben, zwei, drei Kinder. Derzeit haben wir erst eines, aber die anderen kommen noch. Die Miete ist jetzt ein Drittel weniger“, sagt Mieterin Szimonetta Biroczky. 900 Euro für 150 Quadratmeter Neubau. Plus eine minimale langfristige Eigenbeteiligung zur gegenseitigen Sicherheit. Auf dem freien Markt einer europäischen Metropole undenkbar. Das würde man in London wahrscheinlich für drei Nächte zahlen.

Mietpreisbremse ausgebremst In deutschen Großstädten fehlt es an allen Ecken und Enden an bezahlbaren Wohnungen. Schon lange und trotz Mietpreisbremse. Doroteja Jankovic aus Berlin muss Ende März aus ihrer WG ausziehen. Die Neunundzwanzigjährige hat einen Job und war schon bei mehreren Besichtigungen. Doch die Chancen, etwas Kleines und Günstiges zu finden, stehen eher schlecht. „Der Wettbewerb ist sehr groß. Man hat 15 Minuten, es kommen 50 andere. Und man denkt: "Oh Gott, werde ich überhaupt eine Wohnung finden?" erzählt uns Doroteja Jankovic.

Luxuswohnungen boomen

Neu gebaut oder saniert werden vor allem Luxus-Wohnungen. Mit schicken Ideen, aber für Normalverdiener viel zu teuer. Nach Berechnungen von Experten müssten in Deutschland jährlich 60.000 preiswerte und dazu 80.000 Sozialwohnungen gebaut werden, um die schlimmste Not abzuwenden. Doch es passiert das Gegenteil. „Wir bauen extrem wenige Sozialwohnungen und es fallen sehr viele Sozialwohnungen aus der Belegungsbindung heraus. Das heißt: Der Bestand baut sich jedes Jahr um sechzig- bis achtzigtausend Wohnungen ab“, erklärt Matthias Günther vom Eduard Pestel Institut.

Kommunale Wohnungen wurden verscherbelt

Viele Kommunen haben ihre Wohnungsgesellschaften an private Renditejäger verhökert - oft zu Schnäppchenpreisen. Das hat einmal kurzfristig Geld in die Kasse gebracht. Die Mieter müssen es lebenslänglich ausbaden. Der freie Markt soll alles erledigen, doch der erledigt eher die günstigen Wohnungen. „Man hat noch in der alten Bundesrepublik in den achtziger Jahren beschlossen den sozialen Wohnungsbau mehr oder weniger aufzugeben und alles über Wohngeld zu machen also über die Subjektförderung statt über die Objektförderung. Das hat auch über viele Jahre funktioniert, allerdings baut Wohngeld eben keine Wohnungen“ sagt Matthias Günther.

Sozialer Wohnungsbau mit Geschichte

In Wien gehören 60 Prozent der Mietwohnungen der Stadt oder sind sozial gefördert und damit in der Miete vergünstigt. Zwar wird die Einwohnerzahl weiter stark steigen, insbesondere durch deutsche Zuwanderer. Aber der soziale Wohnungsbau hat eine jahrhundertelange Tradition. Von Verkäufen an Großspekulanten hält man gar nichts. Das beugt auch der Bildung von Gettos vor. Davon ist Dr. Michael Ludwig vom Wohnbaustadtrat Wien überzeugt: „Ein großer Vorteil der Wohnsituation in Wien ist die soziale Durchmischung, d.h. der gemeinnützige Wohnbau steht vielen sozialen Gruppen offen. Das gewährleistet auch, dass es keine Häuserblocks gibt mit ausschließlich sozial schwachen und auf der anderen Seite nur mit Reichen.“ Fast ein Märchen aus deutscher Sicht. Finanziert wird das vor allem über einen Bundes-Zuschuss. Aber der ist gut angelegt. Wer mit staatlicher Förderung saniert, darf die Mieten 15 Jahre lang nicht erhö¬hen. „Der sehr hohe Anteil an geförderten Wohnungen ist nicht nur ein Vorteil für die Menschen die solche eine Wohnung haben, sondern ist auch ein Grund dafür, dass die Mietverhältnisse in Wien, verglichen mit anderen Metropolen, als durchaus stabil zu bezeichnen sind“, ergänzt Dr. Michael Ludwig In Deutschland hat die Bundesregierung die Mittel für die Länder zwar auf rund eine Milliarde verdoppelt. Aber das reicht hinten und vorne nicht in richtiger Neustart muss ganz andere Dimensionen haben. Das meint auch Matthias Günther vom Eduard Pestel Institut: „Wir brauchen eigentlich ein Volumen in der Größenordnung von 9 bis 10 Milliarden Bruttoförderung pro Jahr und wir brauchen natürlich auch die Wiederbelebung von Maßnahmen wie der städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen, um überhaupt Bauland zu schaffen, um diese Wohnungen überhaupt fertigzustellen zu können.“ Neue Wege in Berlin

Winterfeste Notunterkünfte für Flüchtlinge sind eine Sache. Langfristig sind aber ganz neue Modelle nötig, die allen Menschen zugutekommen. Gleichzeitig müssen die Genehmigungs-Verfahren entschlackt und beschleunigt werden. Ein gutes Beispiel aus Berlin: Das modulare Bauen. Industriell gefertigte, günstige und sehr haltbare Wohneinheiten. Eben nicht nur für Flüchtlinge, sondern grundsätzlich für alle geeignet, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. „Das sind durchaus robuste Gebäude, die auch den Energieeinsparverordnungen gehorchen, die normale Heizungen haben. Da kann jeder einziehen, ohne dass er einen großen Komfortverlust hat. Das einzige, was er nicht an der Decke hat, ist zum Beispiel Stuck wie man es in Altbaugebieten hier in Berlin gewohnt ist“, erklärt Martin Pallgen, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin

Im Wohnungsbau muss der Schalter komplett umgelegt werden. Bundesweit. Günstige und trotzdem menschenfreundliche Immobilien müssen im Mittelpunkt stehen. Sonst wird es bei der Altersarmut der kommenden Jahre zu schweren sozialen Konflikten kommen.

Stand: 14.01.2016 09:24 Uhr

Sendetermin

Mi, 13.01.16 | 21:45 Uhr
Das Erste

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Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.