SENDETERMIN Mi, 13.09.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Poker um Air Berlin

Die Folgen für den Wettbewerb und die Kunden

PlayGrafik: Air Berlin
Poker um Air Berlin | Video verfügbar bis 13.09.2018

Inhalt in Kürze:
– In weniger Tagen endet die Bieterfrist für Air Berlin Interessenten.
– Vor allem die sogennannten Slots, die Start- und Landerechte sind begehrt, denn sie sind Mangelware. Hat ein Unternehmen erstmal einen Slot inne und nutzt ihn, behält es ihn (sog. Grandfathering Prinzip).
– Bislang war Air Berlin auf vielen, vor allem innerdeutschen Strecken der Hauptkonkurrent der Lufthansa. Wenn die Lufthansa solche Strecken übernehmen würde, befürchten Experten steigende Preise.

Das Pokerspiel um Air Berlin, die zweitgrößte deutsche Fluglinie, hat begonnen. Es geht um die Dominanz am Himmel über Deutschland. Die Beteiligten interessieren sich dabei vor allem für die sogenannten Slots, die Start- und Landerechte.

Slots als wertvolles Kapital

Anzeigetafeln am Flughafen
Start- und Landerechte von Air Berlin sind begehrt

Am Beispiel des Berliner Flughafens Tegel wird die Bedeutung der Slots schnell deutlich. Morgens zwischen 6 und 9 Uhr hat Air Berlin hier 53 Slots, also 53 Starts und Landungen, die Lufthansa gerade mal 25, weniger als die Hälfte. Mehr geht hier nicht, denn der Flughafen ist an der Kapazitätsgrenze angelangt. Deshalb sind die Slots von Air Berlin auch sehr wertvoll, mehr als 80 Millionen Euro. Und wer sich die Start- und Landerechte erst einmal gesichert hat, der behält sie dauerhaft. Das kritisiert der Wirtschaftswissenschaftler Achim Wambach, Vorsitzender der Monopolkommission, der sich viel mit Monopolen beschäftigt: "Da ist kein richtiger Markt entstanden für Start- und Landerechte und Wettbewerber haben es schwer einzutreten. Sie bekommen mal ein Start- und Landerecht. Aber wenn ich sage, ich würde gerne in Deutschland meine Fluglinie ausrollen, ist das eigentlich nicht möglich. Und das macht Air Berlin auch so attraktiv, dass es jetzt mit einem Mal ein ganzes Paket an Start- und Landerechten gibt."

Luftfahrt-Monopol im Anflug?

Um dieses Paket pokert auch die Lufthansa mit, die schon jetzt einen Marktanteil von über 70 Prozent in Deutschland hat. Würde der Konzern die Slots und die Flugzeuge von Air Berlin komplett übernehmen, würde der Anteil auf mehr als 95 Prozent steigen, faktisch ein Monopol.

Wer zum Beispiel von Berlin Tegel nach Frankfurt, München, Düsseldorf, Stuttgart oder nach Mallorca fliegen will, kann bisher nur mit dem Lufthansa-Konzern oder Air Berlin fliegen. Künftig könnte es auf diesen Strecken dann nur noch einen Anbieter geben.

Der Luftverkehrsrechtsexperte Prof. Ronald Schmid von der Technischen Universität Dresden befürchtet gravierende Folgen, denn das Bedürfnis der Passagiere, befördert zu werden, nehme ja nicht ab. Wenn alle bei der Lufthansa landen, komme es zu einem Monopol, das in Ansätzen schon jetzt zu erkennen sei, so der Experte.

Wettbewerber wollen teilhaben

Flugzeuge von Easy Jet
Auch Easy Jet will innerdeutsch fliegen

Deshalb pokert nicht nur die Lufthansa mit. Condor, der Unternehmer Wöhrl und wohl sogar Niki Lauda sind mit im Spiel. Für sie ist vor allem der Urlaubsflieger Niki interessant, eine Air Berlin Tochter. Auch Easyjet, ein britischer Billigflieger, ist dabei, denn nach dem Brexit ist er auf der Suche nach einem neuen Drehkreuz in Europa. Insider berichten, auch innerdeutsche Flüge würde Easyjet gerne anbieten, der Lufthansa also in Deutschland Konkurrenz machen wollen.

Vorsprung für die Lufthansa?

Doch Lufthansa hat ein entscheidendes Ass auf der Hand, denn die Bundesregierung hat sich frühzeitig positioniert: Der deutsche Marktführer soll das Spiel machen.

Bundesverkehrsminister Dobrindt begründet das so: "Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr." Es sei deshalb "(…) dringend geboten, dass die Lufthansa wesentliche Teile von Air Berlin übernehmen kann."

So hilft die Bundesregierung Air Berlin nach Kräften, den Flugbetrieb zunächst aufrechtzuerhalten. Dafür sorgt ein staatlicher Kredit über 150 Millionen Euro.

Prof. Achim Wambach, Vorsitzender der Monopolkommission sieht das kritisch: "Es ist nicht glücklich, dass die Regierung einem insolventen Unternehmen einen Kredit gibt. Wir haben jedes Jahr über 20.000 Insolvenzen in Deutschland, die kriegen ja auch nicht alle einen Kredit."

Taktische Verzögerungen?

Den großzügigen Kredit hatte das Wirtschaftsministerium mit den Schulferien gerechtfertigt. Deshalb sei es nötig, "(…) die Rückreise der Urlauber und der sonstigen Reisenden, die mit Air Berlin unterwegs sind, sicherzustellen."

Flugzeuge von Air Berlin
Noch rollen die Flieger von Air Berlin

Doch die Ferien sind längst vorbei und Air Berlin fliegt immer noch mit staatlicher Hilfe weiter. Der Luftverkehrsrechtsexperte Prof. Ronald Schmid von der Technischen Universität Dresden erklärt dazu: "Dadurch, dass der Flugbetrieb aufrechterhalten werden soll bis November, spricht vieles dafür, dass das einen anderen Zweck hat. Und der Zweck ist eben, dass man in aller Ruhe dafür sorgen will, dass die Interessenten, insbesondere Lufthansa eben, ganz in Ruhe schauen kann, was man aus der Insolvenzmasse haben will. Slots, Flugzeuge etc. und nicht unter einem Zugzwang steht."

Ist der Poker um Air Berlin also von Anfang an ein abgekartetes Spiel? Wenn Lufthansa gewinnt, könnten für den Luftverkehrsrechtsexperte Prof. Ronald Schmid am Ende die Kunden die Verlierer sein: "Ich nehme an, dass wahrscheinlich die Preise nach der Übernahme oder Teilübernahme muss man ja richtigerweise sagen, doch erheblich steigen werden."

Noch weiß niemand, wie der Air Berlin-Poker ausgeht. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Lufthansa am Ende der große Gewinner sein wird.

Stand: 14.09.2017 09:38 Uhr