SENDETERMIN Mi, 05.07.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Kampf um Prothesen

PlayManche Krankenkasse verweigert eine angemessene Prothese.

Barrierefreiheit und Inklusion sollen dazu beitragen, dass sich Menschen mit Behinderung möglichst selbständig in Alltag und Beruf bewegen können. Doch manche Krankenkassen verweigern ihren Patienten nach Unfällen und Amputationen sogar eine angemessene Prothese – selbst, wenn gesundheitliche Folgeschäden und lange Prozesse am Ende teurer sind als eine höherwertige Versorgung. Sollen die Patienten am Ende systematisch zermürbt werden?

Nach einem Verkehrsunfall musste bei Christine K. der vordere Teil des linken Fußes amputiert werden. Von der Krankenkasse bekam die 57-Jährige zwei verschiedene Prothesen – mit beiden konnte sie nicht gehen. Als wir die ehemalige Krankenschwester im Januar zum ersten Mal besuchen, streitet sie schon über zwei Jahre mit der Barmer vor Gericht. Das gerichtliche Gutachten empfiehlt eine Vorfußprothese aus Silikon. Kostenpunkt rund 7.000 Euro. Die will die Barmer aber nicht bezahlen. Die Anwältin von Christine K. ist sehr verwundert. Katja Illner, Rechtsanwältin: "Inzwischen muss man schon daran denken, ob das hier eine Strategie der Barmer sein soll, denn in meiner langjährigen Berufserfahrung ist mir ein derartiges Verhalten der Krankenkasse so noch nicht vorgekommen. Ich habe hier den Eindruck, Frau K. soll mürbe gemacht werden."

Gesundheitsschäden durch medizinische Hilfsmittel

Haltungsschäden, Knochen- und Gelenkschmerzen. Durch die verordneten Prothesen hat sich der Zustand von Christine K. sogar noch verschlechtert. Sie schleppt sich mit Schmerzmitteln durch – und einem Notbehelf. Christine K.: "Ich laufe seitdem mit einem Pantoffel mit Watte gefüllt.... Einen Menschen so laufen zu lassen, dass ist diskriminierend." Sie hat große und schmerzhafte Blasen am Fuß. Der Körper reagiert allergisch auf die von der Barmer präferierte so genannte Bellman-Prothese. Wir wollen wissen, warum die Barmer und der Medizinische Dienst das anders sehen. Und die Silikonprothese weiter nicht bezahlen wollen. Aber ein Interview vor der Kamera wird trotz mehrfacher Anfragen abgelehnt. Schriftlich erklärt man uns die Barmer Ersatzkrankenkasse: "Als medizinisch sinnvollste Lösung für Frau K. bietet sich ... die Versorgung mit der stabileren Vorfußprothese nach Bellmann an, denn durch diese Prothese ist mit einem besseren Gangbild zu rechnen als miteiner Vorfußprothese aus reinem Silikon."

Für Christine K. eine unwürdige und frustrierende Antwort.

Selbsthilfegruppen beklagen Strategie der Kassen

Selbsthilfegruppen sind empört. Immer häufiger gibt es in letzter Zeit Probleme mit Krankenkassen. Ilona-Maria Kerber, Vorsitzende ampuLAG-Saar: "Ich weiß alleine bei uns – in meinem Umfeld – von Amputierten, dass wir, mit mir zehn Personen sind, die zum Teil vor Gericht sind. Das sind Verfahren, die ziehen sich hin. Die Menschen werden mürbe gemacht und nur, um überhaupt wieder laufen zu können, akzeptieren sie eine Versorgung, die absolut nicht ihrem Mobilitätsgrad oder Aktivitätsradius entspricht."

Patient mit Beinprothesen
Viele Patienten leiden unter falschen Prothesen  | Bild: SR

Auch Dieter M. aus Saarbrücken streitet mit der Barmer vor Gericht. Wegen einer Wundheilungsstörung ist er an beiden Beinen amputiert. Die von der Barmer bewilligte Standard-Versorgung für den rechten Fuß bereitet ihm große Probleme und starke Schmerzen. Das gerichtliche Gutachten empfiehlt auch hier eine Silikonprothese. Doch die Barmer reagiert einfach nicht. Seit Monaten hat er von der Krankenkasse nichts mehr gehört. Dieter M. Patient: "Ich bin jetzt über 40 Jahre bei der Barmer. Und ich hatte vorher keine Probleme. Aber seit ich amputiert bin fühle mich allein gelassen wie ein Mensch der zweiten Kategorie. Ich bin sehr, sehr unzufrieden. Jetzt kann auch ihm nur noch das Sozialgericht helfen".

Spielen Krankenkassen auf Zeit?

Sind das tatsächlich Einzelfälle? Viele Betroffene sind schon älter und gesundheitlich angeschlagen. Da erwartet man womöglich keine große Gegenwehr. Detlef Sonnenberg, Vizepräsident Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation e.V. (BMAB) "Sie kriegen oftmals auch die Auskunft: Das lohnt sich bei Ihnen nicht mehr – was in meinen Augen eine Frechheit ist. Oder sie können auch das günstigere nehmen, sie gehen ja eh nur noch zum Briefkasten oder so in dem Dreh. Sie haben dieselben Ansprüche wie die Jüngeren – auf jeden Fall. Also wer die Prothese bedienen kann, soll sie auch bekommen und das kriegt man auch vor Gericht ohne Probleme durch." Detlef Sonnenberg hat noch eine andere Vermutung: "Bei Amputationen, gerade bei älteren Mitbürgern, ich sag mal so im Bereich Diabetes und Co. ist die Überlebensrate sagt man von drei bis vier Jahren. Wir haben manchmal das Gefühl, die Krankenkassen spielen da auf Zeit.

Sieg für Patientin Christine K.

Immerhin: Der Fall Christine K. gegen die Barmer nimmt doch noch ein gutes Ende. Das Sozialgericht des Saarlandes fordert die Barmer zum Einlenken auf. Allein schon, weil sie formale Fristen versäumt habe. Ein Urteil zu ihren Ungunsten will die Kasse wohl doch vermeiden. Katja Illner, Rechtsanwältin "Das hat die Barmer dann, ... schließlich eingesehen und im Termin ein Anerkenntnis zur großen, großen Erleichterung von Frau K. abgegeben. Das heißt Frau K. hat auf der ganzen Linie gewonnen."

Auch im Sinne ihrer Beitragszahler wäre die Krankenkasse besser gleichdem gerichtlichen Gutachten gefolgt. Nun muss sie die teurere Prothese doch zahlen plus die Prozess- und Anwaltskosten. Katja Illner, Rechtsanwältin: "Warum die Barmer sich damals so quer gestellt hat – bzw. deren medizinischer Dienst, ist für Frau K. und mich bis heute ein Rätsel." Jetzt muss Christine K. noch einmal operiert werden. Eine Folge der jahrelangen Fehlbelastung. Wieder Angst, wieder Risiko und Schmerzen. Und vermeidbare Kosten für die Kasse. Aber die Hoffnung auf mehr Lebensqualität überwiegt. Christine K.: "Ich denke mir: wenn ich die OP und alles jetzt überstanden habe und dann kommt auch wieder das normale Leben. Das heißt, ich kann wieder richtig laufen... und kann vor allen Dingen wieder die gleichen Schuhe anziehen. Also das ist für mich das Allerwichtigste."

Der Kampf mit der Krankenkasse hat sie viel Kraft gekostet. Wer diese Energie nicht aufbringen kann, bleibt wahrscheinlich auf der Strecke.

Autor: Peter Sauer

Stand: 06.07.2017 10:30 Uhr

Sendetermin

Mi, 05.07.17 | 21:45 Uhr
Das Erste