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Mangelnde Versorgung – Rettungswagen häufig zu spät

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Rettungswagen häufig zu spät | Video verfügbar bis 09.03.2017

Rund 1000 Menschenleben könnten jährlich in Deutschland gerettet werden, wenn Rettungsdienste rechtzeitig kämen. Aber nach "Plusminus"-Recherchen kommen rund 40 Prozent zu spät. In den Großstädten gibt es erhebliche Unterschiede.

Eigentlich sollen Rettungsdienste bei Notfällen helfen, Leben retten, schnell kommen, wenn Patienten auf sie angewiesen sind. Denn gerade in solchen Fällen zählt jede Minute. Recherchen von "Plusminus" haben aber ergeben, dass Rettungsdienste einfach viel zu oft viel zu spät kommen. "Wenn man zu spät zu einem Patienten kommt, weil einfach die Hilfsfrist zu lange berechnet ist und man im Zweifelsfall nur den Tod feststellen kann, dann ist das natürlich für alle Beteiligten extrem frustrierend", sagt Notfallmediziner Professor Matthias Fischer.

Hilfsfrist heißt: In wie viel Minuten müssen Retter vor Ort sein und wie oft erreichen sie die Vorgaben? "Plusminus" hat bundesweit gefragt. Die Erhebung gestaltet sich jedoch schwierig. Denn die Regelungen sind überall unterschiedlich. Jede Stadt bestimmt selbst über Zeiten, Personal, Technik und Geldmittel.

Hilfsfrist mit Hintertür

Bei Klaus Voelschow, einem international geachteten Zeichner aus Baden-Württemberg, durfte sich der Rettungsdienst 15 Minuten Zeit lassen. Seine Frau fand ihn reglos am Boden liegend. Sie rief den Rettungsdienst, doch der kam erst nach 13 Minuten – 13 Minuten vom Notruf bis zum Einsatz. Für den ortsansässigen Rettungsdienst ganz normal. Denn das Gesetz regelt die Hilfsfrist mit Hintertür. Wörtlich: "Die Hilfsfrist soll aus notfallmedizinischen Gründen möglichst nicht mehr als zehn, höchstens 15 Minuten betragen."

Extra: Wann kommt die Rettung in Ihrer Stadt?

Notarzt-Beschriftung
Die Berechnung der Hilfsfrist übernehmen die Städte selbst.

An der Höchstzeit von 15 Minuten orientieren sich die Rettungsdienste überall in Baden-Württemberg. Die Ausnahme ist hier zur Regel geworden. Dabei sind eigentlich schon zehn Minuten zu lang, meinen Notärzte und Wiederbelebungsexperten: "Aus notfallmedizinischer Sicht ist es besonders wichtig, bei zeitkritischen Krankheitsbildern wie dem Herz-Kreislauf-Stillstand, möglichst schnell die Hilfe zu organisieren. Jede Minute zählt, um die Überlebenswahrscheinlichkeit zu steigern", sagt Professor Matthias Fischer vom Deutschen Rat für Wiederbelebung. "Deswegen ist unsere Mindestforderung von acht Minuten bei 85 Prozent auch nur wirklich das mindeste, was man umsetzen sollte. Eine Hochrechnung von uns zeigt, dass wenn wir diese bundesweit umsetzen können, bis zu 1000 Menschenleben pro Jahr mehr gerettet werden könnten."

In Nordrhein-Westfalen wird die Forderung der Notärzte umgesetzt. Sogar ohne gesetzliche Vorschrift. Nach acht Minuten sollen die meisten Rettungsdienste am Einsatzort sein. Baden-Württemberg erlaubt fast die doppelte Zeit: 15 Minuten. Sind acht Minuten überhaupt möglich? In Mönchengladbach gelingt das in 90 Prozent aller Einsätze. Acht und 15 Minuten – so unterschiedlich ist das in Deutschland. "Plusminus" hat bundesweit die 76 Großstädte nach ihren Hilfsfristen und deren Einhaltung befragt. Verwertbare Antworten kamen von 44 Städten.

Nur Mönchengladbach und Bottrop erreichten acht Minuten, sogar in 90 Prozent aller Einsätze. Neun Städte schafften die Acht-Minuten-Vorgabe nicht in 90 Prozent der Einsätze. Vier kamen zu selten innerhalb von zehn oder zwölf Minuten. Und in neun Städten wurden sogar 15 Minuten nicht oft genug erreicht. Viele Rettungsdienste bleiben also meilenweit von dem entfernt, was Fachleute fordern.

Schlechte Ergebnisse in Berlin

In Berlin gab es besonders schlechte Ergebnisse. Dort sollen Rettungsfahrzeuge eigentlich innerhalb von acht Minuten vor Ort sein. Aber seit Jahren kommen sie oft zu spät. Nach eigenen Angaben in 2014 in 60 Prozent aller Einsätze. Michael Quäker hat selbst Rettungswagen gefahren, sein Kollege war bis vor kurzem Disponent. "Ich persönlich hatte die längste Eintreffzeit mit einem Rettungswagen mit 21 Minuten", sagt Quäker. "Da ist der Patient allerdings schon in der Phase, dass er reanimationspflichtig ist. Nach 21 Minuten ist aber definitiv nicht mehr viel zu retten." Und auch Ralf Fibich hat ähnliches erlebt: "Bis zu 30, 45 Minuten kann es in Berlin dauern. Das ist kein Einzelfall. Das ist gang und gäbe."

Damit konfrontieren wir den Berliner Innensenat. Dort verweist man auf Versäumnisse der Vorgänger, hält die Ziele aber auch für eher unverbindlich: "Wir bemühen uns derzeit, mit zusätzlichem Personal und zusätzlichen Fahrzeugen fieberhaft diese Situation zu verbessern. Aber es ist natürlich auch immer eine Frage der Haushaltsmittel", so Bernd Krömer vom Innensenat. "Es gibt kein einklagbares Recht auf Einhaltung dieser Schutzziele. Die Zielvereinbarung ist eine verwaltungsinterne Vorgabe, die kein subjektives Recht, wie man so schön sagt, im Bereich des Verwaltungsrechts für einen möglicherweise Betroffenen auslöst."

Ein Defibrillator
Zehn Minuten bis zur Erstversorgung sind bei zeitkritischen Krankheitsbildern zu lang.

Wer in Not ist, habe demnach also kein "subjektives Recht". Notfallpatienten in Berlin müssen also hoffen, dass die verwaltungsinterne, unverbindliche Vorgabe irgendwie eingehalten wird. Bundesweit herrscht bei solchen Einsätzen ein Flickenteppich unterschiedlichster Regeln. Dabei erlauben nach "Plusminus"-Recherchen mindestens 40 Prozent der Städte ihren Rettungsdiensten Zeiten von zehn Minuten und mehr. "Es wäre absolut sinnvoll, das bundeseinheitlich zu regeln", so Professor Fischer. "Aber weil Rettungsdienst Ländersache ist, scheitern wir halt daran, dass in 16 Bundesländern 16 verschiedene Gremien die Landesrettungsdienstgesetze formulieren."

Klaus Voelschow verstarb nicht lange nach dem Rettungseinsatz. In Mönchengaldbach wären die Retter fünf Minuten eher da gewesen. Ob er deswegen überlebt hätte, ist schwer zu sagen. Aber vermutlich hätte er dort bessere Chancen gehabt.

Autoren: Gregor Witt und Hans Carl Schultze

Stand: 10.03.2016 12:49 Uhr