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Wenn der Rettungswagen keine Rettung bringt

Wenn der Rettungswagen keine Rettung bringt | Video verfügbar bis 04.10.2018

Wenn sie ausrücken müssen, ist Eile geboten: Rettungswagen sind für Schwerkranke und Unfallopfer oft die letzte Rettung. Damit die Patienten angemessen versorgt werden, gibt es klare Richtlinien für die Ausstattung moderner Rettungsfahrzeuge mit Medizintechnik, Medikamenten und Geräten. Nur so können Notfallpatienten umfassend untersucht und die Weichen gestellt werden für die lebensrettende Behandlung.

Deutliche Defizite in Hamburg und Berlin

Mehrere Rettungswagen vor einem Krankenhaus.
Nicht in allen Rettungswagen entspricht die Ausstattung der Norm.

Doch Recherchen von Plusminus zeigen nun, dass ausgerechnet in den beiden größten deutschen Städten, Hamburg und Berlin, die Rettungswagen häufig nicht dem Stand der Wissenschaft und Technik und auch nicht der DIN-EN-Norm 1789 entsprechen. Dabei werden die Fahrzeuge hier nicht etwa von privaten Anbietern betrieben, es sind die den Innenministerien unterstehenden Berufsfeuerwehren, die ihre Rettungswagen seit Jahren mangelhaft ausgerüstet haben.

Prof. Dr. Peter Sefrin, einer der führenden Notfallmediziner in Deutschland, sagt dazu: "Es gibt heute die Rettungsdienstgesetze der Länder, in diesen ist vorgegeben, wie solche Fahrzeuge ausgestattet sein müssen."

Hamburg muss Fehler einräumen

Das Hamburger Rettungsdienstgesetz macht unmissverständliche Vorgaben und verlangt eine Ausstattung der Fahrzeuge nach dem Stand der Notfallmedizin. Doch auf den Rettungswagen findet sich nur ein kleines 6-Kanal-EKG – nicht ausreichend, so Prof. Peter Sefrin: "Wenn wir von der Häufigkeit der Herzinfarkte heute ausgehen und zur Erkennung eines Herzinfarktes ein 12-Kanal-EKG medizinisch absolut notwendig ist, dann müssen wir sagen: Für einen Rettungsdienst muss ein solche Gerät auch vorhanden sein."

Der Hersteller des Gerätes, die Firma Corpuls, bestätigt Plusminus ebenfalls, dass ein solches Gerät nicht den Anforderungen entspricht: "Der Corpuls 1 verfügt über eine 6-Kanal-EKG-Ableitung, hat auch keinen Drucker integriert, insbesondere die 12-Kanal-EKG-Ableitung ist eine Mindestanforderung."

DIN definiert verschiedene Typen

Die DIN 1789 definiert vier verschiedene Typen von Krankenwagen. Nur der "Typ C" ist ein Rettungswagen, die anderen drei haben deutlich weniger Ausrüstung und sind lediglich Krankentransportwagen. Prof. Peter Sefrin: "Wenn wir einen Rettungswagen haben und in dem die Geräte zur Behandlung des Patienten nicht vorhanden sind, dann kann ich mit ihm nur transportieren und dann ist es nichts anderes als ein Notfallkrankenwagen."

Auf unsere Nachfrage muss die Hamburger Feuerwehr einräumen, dass noch weitere Geräte und Ausstattung auf ihren Fahrzeugen fehlen: Spritzenpumpe, Herzschrittmacher, Thoraxdrainage, Zentraler Venenkatheter, auf einigen Fahrzeugen ist auch kein Kapnometer dabei.

Fehlerhafte Abrechnungen gegenüber Krankenkassen

Trotzdem bezeichnet die Feuerwehr Hamburg uns gegenüber ihre Fahrzeuge als "Rettungswagen" – und rechnet sie auch mit den Krankenkassen als Rettungswagen ab. Zu einem Interview ist die Feuerwehr Hamburg nicht bereit, antwortet lieber schriftlich: "Die Ausstattung von RTW (Rettungswagen, d. Red.) und NEF (Notarzteinsatzfahrzeug, d. Red) der Feuerwehr Hamburg bilden konzeptionell eine Einheit (...) Im Zusammenspiel mit den NEF werden die Anforderungen der Norm erfüllt."

Doch für den Einsatz eines Notarzteinsatzfahrzeuges fallen zusätzliche Kosten an, laut Gebührenordnung der Feuerwehr Hamburg sind das 499€. Zudem rückt bei einem Großteil der Einsätze überhaupt kein Notarzt mit aus. Nur bei rund 9% der Notfalleinsätze hat 2016 ein Notarzt den Transport begleitet. Das bedeutet: Rund 145.000 Notfallbeförderungen wurden trotz fehlender Ausstattung als Rettungswagen-Einsatz abgerechnet.

Prof. Peter Sefrin: "Grundsätzlich kann man heute nur das verrechnen, was man in der Lage ist zu leisten und wenn diese Leistung nicht erbracht werden kann, kann ich dafür nicht einen höheren Preis verlangen. Ich sehe das auf jeden Fall problematisch, wenn man so verfahren würde."

Auch Berliner Einsatzfahrzeuge sind mangelhaft

Auch in Berlin ist die Feuerwehr für den Rettungsdienst verantwortlich. Das Berliner Rettungsdienstgesetz fordert sogar ganz konkret für die Ausstattung der Fahrzeuge die Einhaltung der jeweils geltenden Normen. Dennoch fehlt auf rund der Hälfte der Rettungswagen nach Auskunft der Berliner Feuerwehr: Beatmungsgerät, Spritzenpumpe, Herzschrittmacher, Zentraler Venenkatheter, Thoraxdrainagesatz und Kapnometer. Das EKG-Gerät ist sogar nur ein simples Ein-Kanal-Gerät.

Dr. Burkhard Dirks, Vorstand im Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC) sieht dies als riskant an: "Das 12-Kanal-EKG zeigt fast alle relevanten Regionen des Herzens. Eine nur 2- oder 3-Kanal-Ableitung zeigt nur einen Teil des Herzens und damit kann ein Infarkt verborgen bleiben."

Lebensgefährliche Medikamentenlücke

Auf Plusminus-Anfrage antwortet die Feuerwehr Berlin ausweichend: "Technische Normen geben in der Regel den Stand der Technik wieder und haben Empfehlungscharakter." Obwohl diese Normen sogar ausdrücklich im Gesetz gefordert werden! Wie in Hamburg werden auch in Berlin entgegen der Gebührenordnung "Rettungswagen" abgerechnet.

Auch medizinrechtlich ist dies ein Problem. Für Patienten kann es gefährlich werden, wenn auch Medikamente für die Wiederbelebung auf den Rettungsfahrzeugen fehlen. Dr. Burkhard Dirks: "Wir haben grundsätzlich das Problem im medizinischen Bereich, dass wir leitliniengerechte Therapie durchführen können müssen. Und dazu gehört auch ein Medikament wie Amiodaron. Das muss dem Notarzt zwingend zur Verfügung stehen und es sollte auch dem Notfallsanitäter und dem Rettungsassistenten zur Verfügung stehen."

Erschreckend: Weder in Hamburg noch in Berlin gehört dieses Medikament zur Ausstattung sämtlicher Rettungswagen. Für Dr. Burkhard Dirks ein schweres Versäumnis: "Dann entspricht es nicht dem Stand der Wissenschaften, auf den sich in einigen Bundesländern die Ausstattung bezieht."

Auf Nachfragen von Plusminus sichern die Feuerwehren zu, dass sie zumindest dieses Notfallmedikament in Zukunft nachrüsten werden.

Stand: 05.10.2017 09:20 Uhr

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