SENDETERMIN Mi, 08.03.17 | 21:45 Uhr

Dicke Luft durch Kreuzfahrtschiffe

Dicke Luft durch Kreuzfahrtschiffe | Video verfügbar bis 08.03.2018

– Die beliebten Kreuzfahrtschiffe haben einen immensen Schadstoffausstoß, aufgrund der verwendeten Kraftstoffe.
– Passagiere und Personal auf Schiffen sind einer großen Mengen von ultrafeinen Rußpartikeln ausgesetzt, die krebserregend sein können.
– Grenzwerte, wie es sie für Autofahrer gibt, sind für die Schifffahrt nicht geplant.

Kreuzfahrten – Traumschiffe – die Seele baumeln lassen und frische Seeluft schnuppern. Aber das schöne Image hat hässliche Kratzer bekommen. Denn viele Schiffe sind fahrende Dreckschleudern, die ihre Abgase ungefiltert in die Luft pusten, in vielen Hafenstädten – wie beispielsweise in Venedig – wehren sich Anwohner immer lauter gegen die schwimmenden Riesen. Nur: Wie sieht es mit der Belastung an Bord aus? Offizielle Messwerte veröffentlichen die Reedereien nicht, aber vor kurzem haben französische Journalisten sehr hohe Feinstaubwerte bei einer Kreuzfahrt im Mittelmeer gemessen.

Auf diesem Schiff sollte alles anders werden. Die AIDA Prima, 2016 vom Stapel gelaufen. Neueste Technik und eine "umfassende Abgasnachbehandlung" versprach der Konzern. So würden viele Schadstoffe zu "90 – 99 Prozent reduziert."

Mit dem Messgerät an Bord

Das wollen wir genauer wissen und gehen an Bord. Selbst die einwöchige Nordseefahrt im kalten Februar ist ausgebucht. Wir machen Stichproben mit diesem Gerät, das ultrafeine Rußpartikel misst. Diese sind besonders gefährlich, weil sie mit ihrer geringen Größe durch die Lunge in den gesamten Körper vordringen.

Kreuzfahrtschiff

Ein erster Rundgang an Deck. Vor den Schornsteinen ist die Luft rein. Das Messgerät zeigt die auf See geringe so genannte Hintergrundbelastung an. Ab 10.20 Uhr dann hinter den Schornsteinen, also mitten in der Abgasfahne. Dort registriert das Gerät heftige Ausschläge. Unser Durchschnittswert: 26.000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft. Das ist mehr als an einer viel befahrenen Straßenkreuzung. Zum Vergleich: Vor dem Hamburger Hauptbahnhof messen wir im Schnitt 10.000 Partikel pro Kubikzentimeter. Am Potsdamer Platz im Zentrum von Berlin sind es 17.400. Ganz nah am Rostocker Berufsverkehr liegt der Durchschnittswert bei 21.300, immer noch weniger als an Deck der AIDA Prima.

Besonders hohe Werte hinter den Schornsteinen

An der Uni Rostock erforschen Chemiker, Mediziner und Biologen gemeinsam die Auswirkungen ultrafeiner Rußpartikel auf das menschliche Lungengewebe. Ralf Zimmermann vom Helmholtz Zentrum:

"Bei einem modernen Fahrzeug, da werden die Partikel weitestgehend entfernt, durch den Partikelfilter. Das ist beim Schiffsmotor nicht der Fall, dort gibt es keine Partikelabscheidung. Und wir sehen eine große Anzahl von Feinstaubpartikeln, Nanopartikeln, die eben auch Schadstoffe tragen wie die Polyaromaten, die eben krebserregend sind und auch Entzündungen auslösen".

Wir setzen unseren Rundgang auf der AIDA Prima fort. Ein Highlight des Schiffes liegt direkt hinter den Schornsteinen, bei Fahrt also genau in der Rauchfahne: die Eislaufbahn. Es ist kurz nach 13.00 Uhr, viele Kinder haben Spaß beim Schlittschuhlaufen. Ausgerechnet hier sind die Feinstaubwerte besonders hoch. Das Messgerät zeigt für unseren halbstündigen Aufenthalt einen Durchschnittswert von 68.000 Partikeln pro Kubikzentimeter. Das ist die drei- bis vierfache Belastung einer Großstadtkreuzung. Die Spitzenwerte gehen über 250.000, bei einer zweiten Messung am selben Tag sogar bis zum Anschlag des Geräts bei 500.000.

Betreiber zweifelt Ergebnisse an

Schornstein eines Kreuzfahrtschiffes

Warum setzt man Passagiere und Crew einer solchen Belastung aus? Warum gibt es keine Warnungen an Deck? Wieso wurde die Eisbahn bei dem neuen Schiff direkt in die Abgasfahne gebaut? Wir fragen in der AIDA-Zentrale in Rostock nach. Aber wir bekommen kein Interview vor der Kamera. Stattdessen zweifelt das Unternehmen in einer achtseitigen Stellungnahme unsere Messdaten und Messmethode an und erklärt, dass:

"... einzelne Zufallsmessungen, die nicht nach wissenschaftlichen Standards und Methoden (...) und ohne die erforderlichen Messgeräte stattfinden, keine tragfähige Tatsachengrundlage für die Behauptungen bilden, die in ihrer Anfrage zum Ausdruck kommen."

Man wolle mit "wissenschaftlich belegbaren Fakten überzeugen", betont AIDA. Die Wissenschaftler vom Helmholtz-Institut haben es anders erlebt: Ralf Zimmermann erklärt:

"Wir haben natürlich Kontakt auch gesucht mit diesen Firmen und auch dort Gespräche geführt und auch angeboten Messungen zu machen. Aber die wurden abgelehnt, also wir durften keine Messungen offiziell durchführen."

Von umweltfreundlich keine Rede

Auch die Experten des Naturschutzbundes bekommen keine offiziellen Daten. So sind auch sie auf eigene Messungen angewiesen. Zu unseren Ergebnissen meint Daniel Rieger vom NABU:

Kreuzfahrtschiff AIDA Prima

"Die Messwerte, die wir jetzt gesehen haben, haben unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Die Abgastechnik, die vor Jahren versprochen wurde, die ist nach die vor nicht in Betrieb, die Abgasbelastung an Deck ist katastrophal hoch und von daher ist von dem lange angekündigten umweltfreundlichsten Kreuzfahrtschiff aller Zeiten nun wirklich nicht die Rede."

Das Problem: Fast alle Schiffe fahren mit Schweröl – einem Abfallprodukt der Raffinerien, das an Land als Sondermüll entsorgt werden müsste. Einige wenige Schiffe, laut AIDA auch die Prima, fahren inzwischen auch mit so genanntem "Marinediesel". Der enthält zwar weniger Schwefel als Schweröl, wird aber von Umwelt-Experten als kaum besser eingestuft. Ralf Zimmermann vom Helmholtz Zentrum macht klar:

"Die Rußemission ist ähnlich hoch wie beim Schweröl. Von daher ist also auch für ein Marinediesel-getriebenes Schiff eine Filterung aus Gesundheitssicht unbedingt erforderlich."

Kein Interesse an Umweltschutz, aber hohes Stimmgewicht

Gesetzlich ist es aber nicht erforderlich. Während Autofahrer seit Jahren mit Partikelfiltern unterwegs sein müssen, dürfen Schiffe immer noch  alles ungefiltert rausblasen. Wer ist dafür verantwortlich? Wir nicht, heißt es auf Nachfrage beim Bundesverkehrsministerium und bei der EU-Kommission. Man verweist auf die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO in London. Dort haben Kleinstaaten das Sagen. Daniel Rieger vom NABU dazu:

"Länder wie Liberia, Panama, Marschall-Islands – die bringen aufgrund der Tonnage, die sie mit einbringen in Stimmgewicht dann auf einmal eine Macht mit, die alles blockiert, was in Sachen Umweltschutz dort vorangetrieben werden könnte. Die haben keinerlei Interesse, irgendwie Umwelt- und Klimaschutz voran zu treiben, sondern setzen eins zu eins die Interessen der Schifffahrt dort durch. Das ist natürlich kein demokratisches Verfahren, das sollte dringend mal reformiert werden."

Grenzwerte für Schadstoffe nicht auf Agenda

Rauchender Schornstein eines Kreuzfahrtschiffes

Dabei wären saubere Schiffe möglich. An der Uni Rostock wird an alternativen Antrieben geforscht. Mit staatlicher Förderung. Die Konzepte sind längst da. Aber sie bleiben mangels Nachfrage in der Schublade. Bert Buchholz von der Fakultät für Schiffstechnik Uni Rostock erklärt:

"Um die Partikelemissionsproblematik im Schiffsverkehr effizient zu reduzieren, brauchen wir aktuell belastbare Grenzwerte, die eine deutliche Reduzierung der Partikelemissionen erforderlich machen. Und wir brauchen einen klaren Zeitplan, wann diese Grenzwerte eingeführt werden." 

Aber weder Grenzwerte noch ein Zeitplan stehen auf der Agenda. Und der Schiffsverkehr für Passagiere und Fracht wächst immer noch gewaltig. Mit allen Konsequenzen für die Gesundheit von Crew, Passagieren und Hafenanwohnern.

Ein Beitrag von Jörn Kersten

Stand: 03.05.2017 15:58 Uhr