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Die Renaissance der Schlafwagen

Die Renaissance der Schlafwagen  | Video verfügbar bis 05.07.2018

Im Schlaf- oder Liegewagen übernachten und morgens ausgeruht am Zielbahnhof ankommen. Dieses Angebot hat die Bahn inzwischen ganz eingestellt. Einen Teil der Verbindungen haben andere Unternehmen übernommen. Die Züge sind oft ausgebucht, nicht nur in Ferienzeiten. Mit dem Nachtzug durch Deutschland. So etwas gibt es noch. Aber nicht mehr mit der DB, sondern mit den Österreichischen Bundesbahnen. Zum Beispiel von Hamburg nach Wien oder Zürich.

Der langjährige Betriebsrat Joachim Holstein trifft ehemalige Nachtzug-Kollegen. Nur wenige haben einen neuen Job bei Bahn-Touristik-Express gefunden. Der private Anbieter hat den Autozug in den Süden übernommen. Die meisten DB-Kollegen sind nicht mehr dabei. Sie mussten den Niedergang ihrer Nachtzüge über viele Jahre mit ansehen.

Joachim Holstein, langjähriger Betriebsrat bei DB European Railservice: "Da hat man mal hier eine Linie einstellt und dort mal die Laufzeit eines Zuges verkürzt. Dann fehlten plötzlich so zwei Monate im Jahresverlauf. Und wenn dann ein Gast, der im Mai nicht mehr nach Südtirol zum Wandern kann, vor der Frage steht: "Wie komme ich denn im Herbst nach Südtirol oder nach Kärnten?" Dann hat der vielleicht schon die Entscheidung zugunsten des Flugzeuges getroffen".

"Auto im Reisezug" – Der Renner von Nord nach Süd

Hamburg war über Jahrzehnte ein großer Start- und Endpunkt für Schlaf- und Liegewagen. Und für Autozüge. Die Kunden aus Norddeutschland und Skandinavien wollen in den Süden. Morgen früh werden sie ausgeruht an der Schweizer Grenze ankommen. Doch jetzt erst mal ein Gläschen Wein. In einem Werbefilm der Bundesbahn aus den 60er Jahren hieß es noch: Der Service "Auto im Reisezug" mit dem völlig neuen Fahrgefühl für Auto und Chauffeur erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit. Ein willkommener Anlass der Bahn, das Angebot laufend zu erweitern. Ihr Auto fährt, Sie schlafen.

Und tatsächlich: Das Angebot wurde bis Anfang der 90er Jahre ausgebaut. Auf sage und schreibe 60 Nachtzuglinien. Doch seit der Privatisierung wurde das Programm immer weiter zusammengestrichen. Ende 2016 kam das endgültige Aus – trotz aller Proteste. Aus wirtschaftlichen Gründen, wie das Unternehmen auf Anfrage noch einmal erklärt. Ein Interview vor der Kamera wird abgelehnt.

Bundesregierung muss Richtung bestimmen

Ein Versagen der Politik, sagen Eisenbahn-Fans. Denn die Bahn gehöre dem Staat, also uns allen. Bernhard Knierim, Fahrgastverband "Bahn für alle": "Die Bundesregierung, die müsste der Bahn ganz klare Vorgaben machen, welchen Fernverkehr sie zur Verfügung zu stellen hat. Das gilt nicht nur für die Nachtzüge, das gilt überhaupt für den Fernverkehr im Land, der überhaupt an vielen Stellen ausgedünnt worden ist, wo wir eigentlich welchen bräuchten. Und da müssten für die langlaufenden Verbindungen auch die Nachtzüge dazu gehören – ganz zwingend."

Auch Motorrad-Fahrer nutzen bei längeren Reisen gerne Nachtzüge
Auch Motorrad-Fahrer nutzen bei längeren Reisen gerne Nachtzüge | Bild: SR

Ohne Nachtzüge hat sich der Verkehr noch stärker aufs Flugzeug verlagert. Auch innerhalb Deutschlands. Zu Lasten von Umwelt und Klima, wie Grüne und Linke im Bundestag immer wieder kritisieren.

Herbert Behrens, Obmann DIE LINKE im Verkehrsausschuss des Bundestages: "Schon heute ließen sich erhebliche innerdeutsche Flüge auch dadurch verhindern, dass man attraktive Angebote auf die Bahn bringt. Und dazu gehören die Nachtzüge unbedingt dazu. Wir brauchen auch über Nacht ein Angebot, mit dem die Kunden auch frei wählen können und sagen, ja ich will den komfortablen Nachtzug nutzen."

Steuerpolitik bremst Nachtzüge aus

Doch die Bahn ist benachteiligt: So zahlt man für das Flugzeug im grenzüberschreitenden Verkehr keine Mehrwertsteuer. Für die Übernachtung in einem deutschen Hotel sieben Prozent. Für die Zugfahrt in Deutschland dagegen den vollen Satz: 19 Prozent. Auch für den Schlafwagen. Die wenigen rollenden Hotels, die heute noch Deutschland durchqueren, betreiben vor allem die Österreichischen Bundesbahnen. "Nightjet" heißen die Züge, die Hamburg und Berlin mit Zürich, Innsbruck, München oder Wien verbinden. Meistens sind die Plätze ausgebucht. Und wer will, bucht ein De-luxe-Abteil für ein oder zwei Personen. Die Österreicher wollen das Angebot sogar weiter ausbauen. Kurt Bauer, Leiter Fernverkehr der ÖBB Personenverkehr AG: "Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 werden die Ankunftszeiten an den Nachtzug in Berlin und Hamburg optimaler an den Kundenwünschen ausgerichtet. Und wir werden die Großräume Hannover und Magdeburg an den Nachtzug Richtung Freiburg, Basel, Zürich anbinden."

Fahrgastverband entwickelt europäisches Nachtzugnetz

Ob nach Paris oder in andere Hauptstädte, "Bahn für alle" hat bereits ein Konzept für die Nachtzüge quer durch Europa. Bernhard Knierim, Fahrgastverband "Bahn für alle": "Wir haben gedacht, wenn die Bahn die Vorwärtsstrategie nicht macht, dann müssen wir das machen. Und müssen sagen, wie könnte man die Nachtzüge besser betreiben. Und wir haben dann diesen Luna-Liner entwickelt. Das wäre wie ein tatsächliches europäisches Nachtzugnetz aussehen könnte. Was natürlich nur in Kooperation der ganzen europäischen Bahnen funktionieren würde." Das fordert auch die Opposition im Bundestag. Matthias Gastel, MdB DieGrünen, sieht große Chancen. "Wir glauben daran, dass es ein großes Potential gibt. Das muss eben mit etwas Phantasie und guten Ideen auch geweckt werden, und dann lässt sich der Nachtzugverkehr wirtschaftlich betreiben. Die Österreichische Bundesbahn zeigt das ja gerade." Zugverbindungen werden – auch wegen der immer schärferen Sicherheitskontrollen an Flughäfen – zunehmend attraktiver. Auch über Nacht. In Österreich hat die Politik der Bahn dazu einen klaren Auftrag erteilt. Der deutsche Verkehrsminister dagegen hält sich raus. Eine Stellungnahme vor der Kamera hat Alexander Dobrindt, CSU, abgelehnt. Auch wenn sich Verkehrsminister Dobrindt für die Nachtzüge nicht zuständig fühlt, bei den Regierungsparteien im Bundestag gibt es ein zaghaftes Umdenken. Erst vor wenigen Tagen haben sie zumindest eine Stärkung der "Kooperationsmodelle im Nachtzugverkehr" gefordert. Drei Jahre zu spät.

Autor: Hermann G. Abmayr

Weiterführende Links:

Kritische Stimmen

Initiative Rettet die Nachtzüge der DB

"LunaLiner": Konzept eines neuen europäischen Nachtzug-Systems

"Allianz pro Schiene" fordert gleiche Steuern für Flieger und Nachtzüge

Nachtzuganträge im Bundestag

Nachtzug-Antrag der Linken

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Stand: 06.07.2017 10:23 Uhr

Sendetermin

Mi, 05.07.17 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.