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Alltagskorruption

Das Geschäft der Schulfotografen

Das Geschäft der Schulfotografen | Video verfügbar bis 13.04.2018

- Mit Spenden und Geschenken versuchen Fotografen, Aufträge von Schulen zu bekommen.
- Die Zuwendungen gelten als Bestechung und sind strafbar, werden jedoch kaum verfolgt.
- Die Kosten tragen die Eltern, denn sie bezahlen mit den teuren Fotomappen auch die Bestechung.

Wir besuchen ein Leipziger Fotostudio und geben uns als Elternvertreter aus, die einen neuen Schulfotografen suchen. Wir wollen herausfinden, ob uns die Fotografin von sich aus Geld oder Sachspenden anbietet, um den Auftrag zu bekommen. Und genau das passiert: Sie zeigt uns Fotomappen für knapp 30 Euro und erklärt dann: "Sie bekommen 15 bis 20 Prozent vom Umsatz zurück – als Spende." Das sind immerhin vier bis sechs Euro pro Mappe. Aber warum tut sie das? "Wir machen das seit Jahren so", erklärt sie und beschreibt den üblichen Vorgang: "Die Schulen geben uns meist eine Spendenquittung, denn eigentlich dürfen die das gar nicht annehmen."

Spenden als Schmiergeld

Damit hat die Fotografin Recht. Solche Geldspenden sind verboten. Strafrechtlich gesehen handelt es sich sogar um Bestechung. Und die scheint durchaus gang und gäbe zu sein, wie unser Besuch im nächsten Fotostudio zeigt:

Dort erklärt der Fotograf: "Bei uns gibt es zehn Prozent auf den Umsatz für die Klassenkasse oder den Förderverein." Gleichzeitig willigt er ein, das Fotopaket günstiger zu machen, wenn die Schule auf die "Spende" verzichtet. Das heißt aber auch, die "Spende" an die Schule oder den Förderverein ist schon eingepreist. Die Eltern müssen für das Fotopaket mehr bezahlen, damit das Bestechungsgeld fließen kann.

Eine Frau hält sich eine Kamera vors Auge.
Schulfotografie müsste nicht so teuer sein.

Im nächsten Fotostudio wird uns das genauer geklärt: "Wenn Sie auf die Spende verzichten, könnte ich die Fotos theoretisch auch günstiger anbieten – aber das dürfen Sie als Eltern eigentlich gar nicht wissen, sonst denken Sie, ich verdiene mir 'ne goldene Nase mit ihren Kindern", lässt die Fotografin blicken. Auch sie bietet uns eine Umsatzbeteiligung an – deklariert als Spende. Das sei allgemein so üblich. Aber ist das nicht Korruption? "Ach, wissen Sie, zwischen dürfen und es aber trotzdem machen, da ist ja schon ein Unterschied", erklärt sie uns offen.

Auftrag gegen Geld: Bei vielen Schulfotografen fehlt da offensichtlich das Unrechtsbewusstsein.

Im großen Stil

Besonders aktiv sind einige Unternehmen, die bundesweit Schulen akquirieren. Dazu gehört die Firma Megastar, die unter einer Vielzahl von Namen und Unterfirmen auftritt. In ihrem Auftrag telefonieren mehrere Callcenter, Schulen und Kitas ab. Wir bewerben uns in einem Callcenter in Hannover, um zu erfahren, wie die Firma an ihre Aufträge kommt. Die Niederlassungsleiterin erklärt uns, wie die Telefonakquise funktioniert: "Unsere Anrufe sind natürlich nicht immer willkommen, da müssen Sie schon mit guten Argumenten überzeugen." Und Sie erklärt auch, was für Argumente sie meint: "Wenn Sie nach der Foto-Aktion 1.500 Euro auf den Tisch legen, kann ich mir nicht vorstellen, dass die sich einen neue Fotografen suchen."

Auch hier geht es ganz klar um Geld gegen Auftrag. Wir bitten den Geschäftsführer der Firmengruppe um eine Stellungnahme. Der ist gerade erst wegen Bestechung zu einer Geldstrafe verurteilt worden und möchte sich nicht zu den Akquisepraktiken äußern. Er lässt aber erklären, "innerhalb der bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen" zu arbeiten.

ein Schreiben mit der Überschrift "Bonusangebot"
Mit solchen Bonusangeboten sollen Schulen gelockt werden. Doch letzten Endes bezahlen dafür die Eltern.

Doch "Plusminus" liegt ein aktuelles Dokument vor, in dem die Vertriebsleute im Namen von Megastar einer Schule eine "Bonuszahlung" an den Förderverein in Höhe von zwei Euro pro fotografiertem Kind versprechen. Das aber ist nach gängiger Rechtsprechung illegal, erklärt Anwalt Tim Hoesmann: "Wenn ich als Fotograf einer Schule eine Geldspende anbiete um einen Auftrag zu bekommen, ist es egal, wie ich das hinterher deklariere, über den Förderverein, in die Klassenkasse oder über den Lehrer privat. Auf jeden Fall ist der Korruptionsverdacht gegeben."

Polizeibekannt

Sogar in der Statistik des Bundeskriminalamtes tauchen Schulfotografen auf: In jeden zweiten Korruptionsfall in Deutschland sind sie involviert. Die Staatsanwaltschaft Erfurt zum Beispiel ermittelte gegen Lehrer und Schulfotografen, weil einige Hundert Euro an den Förderverein geflossen waren. Eigentlich steht auf Bestechung als Mindeststrafe eine Freiheitsstrafe von drei Monaten."

Dennoch stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Bußgeldzahlung ein – wegen geringer Schuld. Abschreckend wirken solche Entscheidungen auf Fotografen nicht.

Besser selber machen

Das merken auch Schulleiter wie Kai Adam, Direktor des Reuchlin-Gymnasiums in Pforzheim. Immer wieder nerven Schulfotografen mit hartnäckigen Werbeanrufen und unseriösen Angeboten: "Das ist natürlich immer der Versuch, hier reinzukommen und eine Geschäftsbeziehung aufzubauen, um eben Klassenfotos zu machen. Man wird diejenigen am Telefon nur schwer wieder los. Und das ist dann natürlich unangenehm."

Eine Frau fotografiert Schülerinnen und Schüler auf einer Treppe.
Am Reuchlin-Gymnasium in Pforzheim macht die Deutschlehrerin Desiree Kirschler zusammen mit der Foto-AG die Klassenfotos.

Um an den Auftrag zu kommen, bieten Fotografen so einiges: Laptops, Beamer oder eine Spende für den Förderverein. Kai Adam geht auf solche Angebote gar nicht ein. Der Schulfotograf ist an seiner Schule schon seit Jahren abgeschafft. Stattdessen macht Deutschlehrerin Desiree Kirschler in Zusammenarbeit mit der Foto-AG die Klassenfotos – auch weil die Eltern unzufrieden waren mit der Arbeit der Profi-Fotografen und mit dem Preis.

Die Kosten tragen die Eltern

Für Klassenfoto, Portraits und Aufkleber kommen schnell 20 bis 30 Euro zusammen. Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, kennt als ehemaliger Schulleiter die Bestechungsangebote der Fotografen und glaubt, dass hier die Eltern abkassiert werden: "Das hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun, sondern hier wird den Eltern Geld aus der Tasche gezogen. Die Eltern finanzieren im Grunde genommen das mit, was die öffentliche Hand zu finanzieren hätte, nämlich neue Computer, neue Beamer usw. Und das Unseriöse daran ist, dass es wie ein Geschenk dargeboten wird, aber tatsächlich von den Eltern vorfinanziert wurde."

Für Firmen wie Megastar ist das Geschäft mit Schul- und Kitafotos sehr lukrativ, erklärt uns Manfred K. Er hat für alle großen Schulfotoanbieter gearbeitet und möchte anonym bleiben: "Eine mittelgroße Schule bringt leicht 6.000 bis 7.000 Euro Umsatz. Da lassen die Firmen einiges springen, um an den Auftrag zu kommen. Ich als Fotograf bekomme nur etwa 70 Cent pro fotografiertem Schüler. Das meiste Geld geht in den Vertrieb und das Sponsoring der Schulen."

Ausgerechnet Lehrer

Es werden Kopfprämien an die Schulen gezahlt, manche Lehrer freuen sich auch über neue Geräte, wie sich Manfred K. erinnert: " Einer hat mich mal gefragt: Wo bleibt der Beamer? Haben Sie den im Auto oder kommt der mit der Post?"

Dabei sollten die Lehrer eigentlich aufgeklärt sein. Fast alle Bundesländer verweisen auf ihre Schulgesetze und Richtlinien. In Bayern heißt es ganz klar: Auch Zahlungen an den Förderverein haben strafrechtliche Relevanz. Doch nicht überall ist man anscheinend auf dem aktuellsten Stand.

Am einfachsten umgehen Schulen das Problem, indem sie ihre Klassenfotos selbst anfertigen, so wie am Rechlin-Gymnasium in Pforzheim.

Autorinnen: Maja Helmer, Steffi Helbig, Ann-Kathrin Seidel

Stand: 13.04.2017 12:20 Uhr