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Kalorien-Trick: Was ist "eine Portion"?

PlaySuperfood und Obst
Kalorien-Trick: Was ist "eine Portion"? | Video verfügbar bis 09.08.2018

– Portionsangaben bei Lebensmitteln sind meist irreführend
– Verbraucher verwechseln häufig eine mit zwei Portionen
– EU-Kommission muss hier Klarheit schaffen

Ein Mini-Schälchen Chips, eine halbe Pizza, der Bruchteil einer Packung Schokobonbons oder knapp die Hälfte eines Käsetalers: Alles jeweils eine Portion – sagen die Hersteller. Die Essgewohnheiten der Verbraucher und die Portionsangaben auf der Verpackung – irgendwie passt da was nicht …

30 Gramm sind angeblich eine ganze "Portion" Chips. Wir haben niemanden gefunden, der von einer Handvoll satt wird.

Viele Verbraucher verwechseln eine mit zwei Portionen

Müsli und Obst
Müsli ist vermeintlich gesund - aber nur in der richtigen Menge

Die Verbraucherzentrale in Hamburg hat die Portionsangaben der Hersteller genau unter die Lupe genommen. Rund 1.500 Verbraucher sollten eine für sie normale Menge an Chips und Müsli abwiegen. Ergebnis: Die wirklichen Portionen waren im Durchschnitt doppelt so groß wie auf der Verpackung.

Armin Valet, Verbraucherzentrale Hamburg, sagt dazu: "Bei Müsli stand 40 Gramm, sie haben 81 Gramm abgewogen, bei den Chips stehen 30 Gramm drauf, 63 Gramm wurden abgewogen. Das hat natürlich zur Folge, dass bei dem Müsli doppelt so viel Zucker gegessen wurde und bei Müsli und Chips doppelt so viel Salz, das ist ernährungsphysiologisch nicht erwünscht und zeigt, dass die Portionsangaben den Realitätscheck nicht bestanden haben."

Hersteller rechnen die Produkte gesund

Viel mehr Zucker, bei Herzhaftem mehr Salz und viel zu viel Fett. Da klafft eine gewaltige Lücke zwischen Auge und Magen. Armin Valet erklärt: "Die Hersteller wollen ihre Produkte gesundrechnen, denn durch kleine Portionsangaben, wenn man da nicht so genau hinguckt, erscheint der Kaloriengehalt sehr niedrig, der Zuckergehalt sehr niedrig. Das stimmt ja in der Realität nicht. Diese Angaben sind ja freiwillig, das heißt das sind oft Marketingangaben und keine reinen Informationsangaben, die den Verbraucher erwarten. Die Hersteller haben das selbst in der Hand, wie groß die Portionsgröße ist und tricksen damit rum. Und das ist ein Ärgernis. Und da sind wir ganz klar dafür, dass diese Trickserei abgeschafft wird."

Nährwertangaben auf einer Verpackung
Wie groß ist die Portion, auf die die Hersteller die Nährwertangaben berechnen?

Lebensmittel müssen eine 100 Gramm-Angabe auf der Verpackung haben. Viele Hersteller drucken die klein und unauffällig oder dezent auf die Seite der Verpackung, die Mini-Portionen mit den wenigen Kalorien aber plakativ auf der Vorderseite. Ein legaler Spielraum, um den Blick der Kunden gezielt zu lenken.

Ossama Elshiewy, Institut für Marketing und Konsumentenforschung der Universität Göttingen, dazu: "Die Unternehmen wissen sehr wohl Bescheid darüber, wie die kleinen Portionsangaben das Kaufverhalten beeinflussen und wählen dementsprechend eine Produktverpackung, die den Absatz steigert. Und das erklärt eben das zunehmende Gesundrechnen von Produkten. Und der Trend zeigt ganz klar, dass das eher bei ungesunden Produkten der Fall ist."

Da greift man doch gleich viel entspannter zu …

Ossama Elshiewy erklärt: "Viele Verbraucher haben beim Konsum von ungesunden Lebensmitteln ein schlechtes Gewissen. Wenn Produkte jetzt weniger ungesund dargestellt werden, dann sinkt das schlechte Gewissen und die Kaufbereitschaft steigt."

Mathenachhilfe für Kalorienberechnung

Ein Stück Currywurst aufgespießt auf einer Plastikgabel
Eine Portion Currywurst ist nicht gleich eine Portion Currywurst

Besonders verwirrend: Die Portionsangaben bei Produkten, die es in abgegrenzten Stückzahlen gibt. Ein Fischfilet, ein Käsetaler, Schokodragees – alle könnten eine einzelne Portion sein, sie sind es aber nicht. Hier wird es manchmal richtig kompliziert. Verbraucherschützer fordern deshalb: Pro Stück eine Portion! Und nicht, wie Verbraucherschützer Armin Valet am Beispiel einer Gummi-Schlange der Firma Haribo veranschaulicht: "Hier ist die Portionsangabe auch grotesk. Eine Schlange wiegt 40 Gramm. Aber was macht Haribo? Sie geben eine Portion mit 25 Gramm an. Also soll man den Schwanz der Schlange hier nicht mitessen? Das macht überhaupt keinen Sinn, wenn solche klar erkennbaren Portionen drin sind, dann sollten sich die Hersteller auch daran halten. Alles andere ist Humbug und die Verbraucher werden verwirrt dadurch."

Noch ein Paradebeispiel: Wagner-Pizza. Auf den ersten Blick scheint der Kaloriengehalt gar nicht mal so hoch zu sein. Wer genauer hinschaut, stellt fest: Die Zahlen gelten für eine halbe Pizza – und manchmal sogar nur für ein Drittel. Wir haben bei verschiedenen Herstellern nachgefragt: Was hat es mit den Portionen auf sich? Immerhin: Aldi will seine Mengenangaben zumindest bei Müsli und Chips nach oben anpassen.

Wagner meint: "Die fertig gebackenen Pizzas können dann zum Beispiel mit Familie oder Freunden geteilt werden."

Verbraucherschützer fordern von EU-Kommission klare Portionsgrößen

Zusammengewürfelte Druckbuchstaben, die das Wort "Portion" ergeben
Verbraucherschützer fordern klare Regelungen für Portionsangaben

Fast alle Hersteller behalten ihre Angaben zumindest vorläufig noch bei. Die Verbraucherzentralen fordern Konsequenzen. Armin Valet: "Die Europäische Kommission sollte auch Vorschriften zu Portionsgrößen erlassen, damit die Industrie nicht machen kann, was sie will. Bisher ist leider nichts geschehen. Wir hoffen, dass hier unsere Umfrage ein gutes Argument bringen kann, um eine verbrauchernahe Umsetzung zu machen. Denn sinnlose Portionsangaben verwirren die Verbraucher und helfen ihnen nicht beim Einkauf weiter."

 Bis dahin hilft nur: Ganz genau hinschauen. Und die angegebene Zahl mindestens verdoppeln. Davon könnte man dann in etwa satt werden.

Ein Beitrag von Sigrid Born und Nicole Würth

Stand: 10.08.2017 08:28 Uhr

Sendetermin

Mi, 09.08.17 | 23:30 Uhr
Das Erste

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.