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Massive Tricksereien bei Lärm-Emission von Autos und Motorrädern

PlayMessgerät zeichnet Lautstärke eines LKW auf
Massive Tricksereien bei Lärm-Emission von Autos und Motorrädern

– Straßenverkehr ist die größte Lärmquelle in Deutschland.
– Experten schätzen 4.000 Herzinfarkte pro Jahr durch Lärm.
– Bei Lärmmessungen von Autos und Motorrädern wird getrickst.

Laut Bundesumweltamt ist der Straßenverkehr die größte Lärmquelle in Deutschland. Zwar hat die EU neue Grenzwerte für die Lautstärke der Fahrzeuge eingeführt, doch in der Praxis ist selbst die Polizei oft machtlos. Wird beim Fahrzeuglärm ähnlich getrickst wie beim Diesel?

Ob in der Wohnstraße oder im Naherholungsgebiet, über die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich laut Umfragen vom Verkehrslärm gestört. Doch warum sind so laute Fahrzeuge überhaupt zugelassen?

Messgerät zeichnet Lautstärke eines LKW auf
Messgerät zeichnet Lautstärke eines LKW auf

Dieter Schäfer, Leiter der Verkehrspolizeidirektion Mannheim, sagt: "Es riecht wieder sehr stark nach programmierter und auf den Test zugeschnittener Manipulation. Man redet von hochemotionalem Fahrgenuss. Und ich übersetze es mit einem Krachszenario, das die Leute einfach nur krankmacht."

Lärmkontrolle in Mannheim. Hier nimmt die Polizei die Beschwerden der Bürger ernst. Über 100 Dezibel Standgeräusch bei der vorgeschriebenen Umdrehungszahl. So laut wie eine Kreissäge. Dieter B. kennt das. Der Kfz-Meister ist alles andere als ein Technik-Gegner. Aber die Boliden, die an seinem Haus vorbeirauschen, sind oft erheblich lauter, als es an einem Arbeitsplatz zulässig wäre. Dieter B., Interessengemeinschaft Weinstraße in Weinstadt-Schnait: "Du musst Dein Gespräch abbrechen, wenn eine Horde Fahrzeuge kommt, dass es dir schier die Wurst vom Grill runterhaut, weil da wirklich über 100, 110, wir haben schon bis 120 Dezibel gemessen, so wie jetzt gerade auch."

Expertenschätzung – 4.000 Herzinfarkte in Deutschland durch Lärm

Vor wenigen Monaten wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. Akuter Herzinfarkt. Ein schneller Eingriff war nötig. Inzwischen geht es ihm zwar wieder besser, aber das Herz arbeitet nicht mehr so wie früher. Dr. Ulli Parade, Kardiologie, Rems-Murr-Kliniken, sagt dazu: "Lärm ist ein möglicher Stressor, wenn wir von dauerhafter Lärmbelastung sprechen. Eine dauerhafte Lärmbelastung über 65 bis 70 Dezibel kann mitverursachend sein für das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen".

Fahrrad fährt an Autos vorbei

Experten schätzen, dass allein in Deutschland jährlich etwa 4.000 Herzinfarkte auf Verkehrslärm zurückzuführen sind. Anwohner im württembergischen Schnait kämpfen seit Jahren vergeblich gegen den Lärm. Auch Dieter B. Außer ihm gibt es noch zwei weitere Geschädigte in der Straße mit einem Herzinfarkt. Deshalb vermuten die Anwohner, dass hier ein Zusammenhang besteht. Sie wundern sich, dass man solche Fahrzeuge nach der Kfz-Zulassung überhaupt in den Straßenverkehr entlässt.

Trickserei bei Lärmmessungen und fehlende Obergrenzen

Tatsache ist: Die Autos und Motorräder dürfen diesen Lärm machen, sogar mit serienmäßigen Klappenauspuff-Anlagen. Denn eine Obergrenze gibt es nicht. "Ein Skandal", so Holger Siegel vom BUND, selbst Motorradfahrer. Die Grenzwerte hätten nichts mit dem realen Straßenverkehr zu tun. Genau wie beim Verbrauch und den Schadstoffen. Dabei wäre die Lösung ganz einfach, findet er!

Holger Siegel, Arbeitskreis Verkehrslärm beim BUND: "Unsere zentrale Forderung ist tatsächlich ein verbindlicher Grenzwert, aber ein Grenzwert, der für das gesamte Drehzahlband dieses Fahrzeuges gilt. Und alles, was darüber ist, ist illegal. Das ist im Moment nicht gegeben."

Fahrende Autos in einer Innenstadt, im Vordergrund rote Ampeln

Das heutige Zulassungsverfahren ist zwar sehr kompliziert. Aber: Mit den aufwendigen Berechnungen und Tests wird nur der Geräuschpegel bei exakt 50 km/h gemessen. Da sind maximal 72 bis 75 Dezibel erlaubt. Was darunter und darüber passiert, dafür gibt es keine Grenze. Aber einige Tricks – ganz ähnlich wie beim Diesel-Skandal. Zum Beispiel erklärt Holger Siegel, Arbeitskreis Verkehrslärm beim BUND: "In den letzten 10-15 Jahren war es vor allem die Auspuffklappe, die diese Norm-Situation umgangen hat. Da ist eine richtige Klappe in einem Auspuffsystem des Motorrads drin. Und wenn das Motorrad erkennt, dass es sich in einer Prüfungssituation befindet, dann macht die Auspuffklappe zu, schließt quasi den Auspuff ab. Und das Fahrzeug ist in dieser Prüfungssituation, in diesem schmalen Band, das da geprüft wird, tatsächlich so laut wie zulässig. Aber drum herum ist es halt viel, viel lauter."

Auspuff-Sound zur Imagepflege – Für Fußgänger lebensgefährlich

Für viele PS-Fans ist ein rauher Auspuff-Sound sogar ein besonderes Zeichen von Freiheit und Abenteuer. Dieter Schäfer, Leiter der Verkehrspolizeidirektion Mannheim: "Diese Abgasanlagen sind programmiert in Race-Stellung auf "Misfire". Misfire sind einfach Fehlzündungen, computerprogrammierte Fehlzündungen, die Dezibel-Werte erzeugen, die jenseits der 100 liegen. Also so Kreissägen-bis-startender-Jet-Segment. Ein Kind reagiert panisch auf so etwas, wenn das von hinten kommt. Und dadurch entstehen Verkehrsgefahren in dem Getümmel der Innenstadt, die wir als Polizei nicht verantworten wollen, können – und auch nicht dürfen."

Der Verband der Automobilindustrie schreibt uns: "Die Fahrzeuge sind akustisch bereits heute ... nahezu auf dem gleichen Geräuschniveau wie Elektroautos."

Für viele Autos stimmt das auch. Aber die Verkehrspolizisten erleben in der Realität, dass es immer mehr extreme Krachmacher gibt. Da eine gerichtsfeste Messung des Fahrgeräuschs bei Kontrollen viel zu kompliziert und teuer wäre, können sie nur das Standgeräusch ermitteln. Dafür gibt es aber – wie gesagt - keinen Grenzwert. 

Polizei-Chef macht Politikern Druck

Wenn die Messung mit den Papieren übereinstimmt, sind die Beamten machtlos. Die Politik lässt das alles zu – wie beim Diesel-Skandal. Doch jetzt will einer zumindest das Kraftfahrt-Bundesamt zum Handeln zwingen. Polizei-Chef Dieter Schäfer hat die Lärmverstöße offiziell bei der Flensburger Behörde angezeigt. Er sagt: "Es müsste von Seiten des Kraftfahrt-Bundesamtes eine Nachprüfung in den Serien erfolgen, wo solche Worst-case-Szenarien abgebildet werden, wo man feststellt, dass der vorgegebene Betrieb mit 72 Dezibel in Realität gar nicht erreicht wird."

Dann müsste vielleicht einigen Modellen die Betriebserlaubnis entzogen werden. Doch nach den Erfahrungen beim großen Abgas-Schwindel ist wahrscheinlich auch bei diesem Thema wenig Hilfe zu erwarten.

Plusminus hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, CSU, und den Präsidenten des Kraftfahrt-Bundesamtes, Ekhard Zinke, für Interviews angefragt. Beide haben abgelehnt.

Ein Beitrag von Hermann Abmayr

Weiterführende Links

AK Motorradlärm im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND):
http://www.motorradlaerm.de/

Geräuschbelastung im Straßenverkehr, Umweltbundesamt, 2017:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/verkehrslaerm/strassenverkehrslaerm#textpart-1

Lärmschutz – Worum geht es? Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, 2016
http://www.bmub.bund.de/themen/luft-laerm-verkehr/laermschutz/kurzinfo/

Stand: 10.08.2017 15:04 Uhr