SENDETERMIN Mi, 27.09.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Alleinerziehende in der Armutsfalle - Grundsicherung für Kinder gefordert

Alleinerziehende in der Armutsfalle - Grundsicherung für Kinder gefordert | Video verfügbar bis 27.09.2018

– 2,3 Millionen Kinder wachsen bei Alleinerziehenden auf. Armutsrisiko: 44 Prozent
– Drei Viertel dieser Kinder bekommen wenig oder gar keinen Unterhalt vom anderen Elternteil. Eine soziale Zeitbombe.
– 13 Wochen Ferienbetreuung von Alleinerziehenden nicht abzudecken

Waldbronn bei Karlsruhe. Hier lebt Anja L. Nach der Scheidung hat sie fünf Kinder alleine großgezogen. Drei leben noch bei ihr, außerdem der Sohn ihres neuen Partners. Finanziell kommt die Hebamme mit ihrem Gehalt, Kindergeld und Sozialleistungen äußerst knapp über die Runden. Die fünfjährige Fee  bekommt vom Jugendamt einen Unterhaltsvorschuss, weil der Vater nichts zahlt. Die 150 Euro im Monat reichen gerade mal für den Kindergarten. Anja L. erklärt: "Sie hat einen Ganztagesplatz und da muss ich eben auch die Essenskosten übernehmen. Das heißt, diese 150 Euro gehen für die Betreuung drauf, damit ich arbeiten gehen kann, damit ich dann den Rest finanzieren kann. Also ich komme da auf keinen Fall mit hin."

13 Wochen Ferienbetreuung – von Alleinerziehenden nicht leistbar

Ein kleiner Junge sitzt neben seinem Vater auf dem Boden und malt.
Die Unterstützungsleistungen für alleinerziehende Eltern müssen verbessert werden, damit die Kinder nicht auf der Strecke bleiben.

Und dann gibt es noch ein Riesen-Problem für alle Alleinerziehenden: Die Kinder haben im Jahr 13 Wochen Ferien. Sie aber nur sechs Wochen Urlaub. Viele Väter kümmern sich nicht darum. Anja L. muss dann als Hebamme nachts arbeiten, um tagsüber die Kinder zu versorgen. An Schlaf ist da nicht zu denken. "Ansonsten muss ich die Kinder fremd unterbringen und diese Kosten tragen. Da gibt es natürlich soziale Hilfen, mit denen etwas weniger bezahlen muss oder nochmal Anträge stellen kann, aber es ist ein immenser Aufwand, die Ferien abzudecken", so Anja L.

Verband der Alleinerziehenden fordert Grundsicherung für alle Kinder

Was kann eine neue Regierung tun? Zum Beispiel: Eine Grundsicherung für alle Kinder. Unabhängig vom Einkommen der Eltern. 604 Euro fordert der Verband der Alleinerziehenden. Denn genau so viel hat die Bundesregierung als Grundbedarf für jedes Kind ausgerechnet.

Sigrid Andersen vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter, Bundesverband e.V. (VAMV), erklärt: "Ja das  Problem ist, dass Leistungen oft bei den Alleinerziehenden und ihren Kindern nicht ankommen. Die werden gegeneinander angerechnet und da bleibt unterm Strich nicht viel übrig. Deswegen wäre eine Kindergrundsicherung gut, weil sie einfach Planungssicherheit für Alleinerziehende herstellen würde."

Finanzielle und gesetzliche Lösungsmöglichkeiten

Finanziert werden könnte das durch den Wegfall anderer Transferleistungen und des Ehegattensplittings. Und die Ferienbetreuung? Experten sehen dringenden Handlungsbedarf. Und haben auch Ideen dazu. Jens Keller ist Fachanwalt für Familienrecht und sagt: "Ich könnte mir zum Beispiel eine Lösung vorstellen, bei der die Eltern sich die Ferien hälftig teilen und der Elternteil, der es durch eigene Betreuung nicht schafft, dann verpflichtet wäre, die Fremdbetreuung zu finanzieren."

Klare Regeln für die Ferien und eine Grundsicherung für alle Kinder – Millionen Alleinerziehende könnten sich damit viel Zeit, Nerven und Behördengänge sparen. "Und man könnte einfach damit den Kindern ein bisschen Normalität in ihrem ja doch nicht normalen Leben, ihnen fehlt der Papa, ihnen fehlt die Mama wie auch immer, einfach bieten. Das ist eigentlich ein Zug, der hätte schon längst gemacht werden müssen", ist Anja L. sicher.

Gut investiertes Geld, das die Lebenschancen vieler Kinder enorm verbessern würde. Und nicht vergessen: Sie sind die Fachkräfte und Rentenzahler von morgen und übermorgen.

Ein Beitrag von Sigrid Born und Nicole Wirth

Stand: 28.09.2017 08:29 Uhr

Sendetermin

Mi, 27.09.17 | 21:45 Uhr
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Produktion

Diese Sendung wurde vom
Saarländischen Rundfunk produziert.